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Global Health

Methylfluor­phosphon­säureisopropylester

Freitag, 10. November 2017

Die Wirkweise ist einfach und leicht verständlich. Unter normalen Bedingungen vermittelt an den Nervenendigungen der parasympathischen Nerven, an einigen Nervenenden des sympathischen Nervensystems und an den motorischen Endplatten, an denen die Nerven des motorischen Nervensystems die willkürliche Erregung der Muskulatur vermitteln, der Botenstoff Acetylcholin die kurzzeitige Erregung der folgenden Nerven oder der Muskulatur.

Ebenfalls unter normalen Bedingungen wird das Acetylcholin sehr rasch von der ebenfalls dort aktiven Acetylcholinesterase abgebaut, so dass die Erregung nur für kurze Zeit anhalten kann. Ist jedoch die Acetylcholinesterase nicht vorhanden oder nicht funktionstüchtig, kommt es zu einer gefährlichen Dauererregung, die dramatische Folgen haben kann.

Als erstes treten Sehstörungen auf, denn die normale Regulation der inneren Augenmuskeln, die ein Scharfstellen der Linse ermöglicht und die Pupillenweite nach Menge des vorhandenen Lichts reguliert, wird gestört. Später kommen vegetative Symptome wie verstärkter Speichelfluss, Übelkeit, Erbrechen und unkontrollierter Stuhlabgang hinzu, denn das Verdauungssystem wird zügellos angeregt.

Muskelzucken und Krämpfe als Zeichen der Erregung der Muskulatur sind noch vergleichsweise harmlos im Gegensatz zur ungehemmten Erregung und Aktivierung der Atemmuskulatur, die rasch ein funktionierendes Ein- und Ausatmen verhindert, und damit zum Tod durch Ersticken führt.

Methylfluorphosphonsäureisopropylester hemmt die Acetylcholinesterase und ruft beim Menschen daher genau diese Symptome hervor – schon nach der Exposition mit geringen Menschen ist der qualvolle Tod durch Ersticken die Folge. Der Stoff ist weithin bekannt unter dem Namen Sarin und wurde zuletzt wiederholt im syrischen Bürgerkrieg als chemischer Kampfstoff eingesetzt.

Das sogenannte Joint Investigation Mechanism, ein gemeinsames Untersuchungsteam der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons, OPCW) und der Vereinten Nationen (United Nations, UN) hat nun in einem Report (https://drive.google.com/file/d/0ByLPNZ-eSjJdcGZUb0hqalFOa0hhdEZ3WlBvZmRnajFRV3pr/view), der Ende Oktober an den UN-Sicherheitsrat übermittelt wurde, die Verantwortung des syrischen Regimes unter Baschar al-Assad für den Giftgasangriff auf den Ort Chan Scheichun im Nordwesten Syriens am 4. April 2017 klar herausgestellt.

Jeder Krieg bringt Leid, Tod und Zerstörung mit sich und ist einer zivilisierten Menschheit unwürdig. Und doch zeigt die Menschheitsgeschichte der vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende, dass Kriege zwischen verschiedenen Völkern, Ethnien und Religionen und auch innerhalb dieser Gemeinschaften immer wieder vorkommen. Die Industrialisierung und die naturwissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte haben jedoch zur Folge gehabt, dass die verfügbaren Waffen immer schlagkräftiger und todbringender wurden und dass damit immer mehr Unbeteiligte und Zivilisten unter bewaffneten Konflikten zu leiden hatten, verletzt wurden oder zu Tode kamen.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen haben Staaten internationale Organisa­tionen gegründet wie die Vereinten Nationen, um den Frieden zu sichern oder im Falle eines bewaffneten Konfliktes oder Krieges eine Einigung herbeiführen zu können, und Staaten haben Abkommen miteinander geschlossen wie die Genfer Konventionen, um für den Fall einer gewaltsamen Auseinandersetzung gerade solche Vorkehrungen zu treffen, die diejenigen Menschen schützen sollen, die nicht an den Kampfhandlungen teilnehmen.   

Die Wirkung von Chemiewaffen ist besonders perfide und sie zielen wie auch Atomwaffen mehr als andere Waffen darauf ab, einen möglichst großen Schaden und möglichst großes Leid auch unter der Zivilbevölkerung und unter Unbeteiligten hervorzurufen. Der Tod durch Vergiftung chemischer Kampfstoffe wie Sarin ist besonders qualvoll. Auch viele Kriegsherren, Kriegstreiber und Anführer von Konfliktparteien erkennen an, dass dies eine Stufe ist, die zu beschreiten auch unter den Bedingungen eines Krieges nicht akzeptabel ist. Aus diesem Grund haben sich nahezu alle Staaten der Welt dem „Übereinkommen über das Verbot der Entwicklung, Herstellung, Lagerung und des Einsatzes chemischer Waffen und über die Vernichtung solcher Waffen“ angeschlossen – lediglich Ägypten, Nordkorea und Südsudan haben das Übereinkommen nicht unterzeichnet, Israel hat es zwar unterzeichnet aber nicht ratifiziert.

Jeder Krieg bringt Leid, Tod und Zerstörung mit sich und ist einer zivilisierten Menschheit unwürdig. Da jedoch Abkommen und Organisationen bestehen, die das Leid der Kriege und der Konflikte begrenzen sollen und besonders den Zivilisten und Unbeteiligten ein Mindestmaß an Schutz gewähren sollen, ist es unverständlich, dass die Weltgemeinschaft fast tatenlos zuschaut und akzeptiert, dass in einem Konflikt, nicht weit von Europa entfernt, ganz in unserer Nähe und Nachbarschaft, nun zum wiederholten Male Menschen, unter ihnen auch Kinder, an den Folgen des Einsatzes von chemischen Kampfstoffen qualvoll sterben mussten.

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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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