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Vom Arztdasein in Amerika

Was kostet eine ärztliche Injektion?

Freitag, 22. Dezember 2017

Es würde nicht nur diesen Blog sprengen, wenn ich versuchen würde, das Vergütungs­system im US-Gesundheitssystem zu erklären, sondern selbst Bücher zu diesem Thema werden nicht gerecht; es wird zu Recht als eher chaotisch und unübersichtlich wahrgenommen. Doch einen kleinen Teilaspekt möchte ich beleuchten.

Als Internist bin ich vom Krankenhaus angestellt und erhalte für meine vertraglich festgelegte Arbeitsleistung einen festen Arbeitslohn, so weit, so einfach. Doch wie erhalten das Krankenhaus beziehungsweise selbstständig tätige Ärzte eigentlich ihr Geld? Die Grundzüge scheinen sehr einfach: Für einen Inernisten kann für den täg­lichen Patientenkontakt eine bestimmte Gebühr gegenüber der Versicherung berechnet werden. Doch da ich auch gelegentlich Injektionen, Punktionen und kleinere Interven­tionen vornehme, kann das Krankenhaus auch hierfür eine bestimmte Gebühr einfordern, die dann entweder von der Kran­ken­ver­siche­rung oder, wenn der Patient unversichert ist, von ihm direkt bezahlt wird.

Ich will gerade diesen zweiten Teil in diesem Text erläutern. So nehme ich regelmäßig eine Reihe von kleineren Interventionen vor, wie zum Beispiel die Entnahme von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Lumbalpunktion) oder auch von Gelenksflüssigkeit (also Aspiration) aus diversen Gelenken wie Schulter und Knie. Weiterhin spritze ich Medikamente (Injektionen) nicht nur in Gelenke, sondern auch in Sehnen und Muskeln, drainiere aber auch diverse Körperhöhlen wie zum Beispiel die Brust- oder Bauchhöhle, was im medizinischen als Pleura- oder Aszitespunktion bezeichnet wird.

Doch wie berechnet ein Krankenhaus, was eine Kran­ken­ver­siche­rung beziehungsweise ein Patient für diese Dienste zu zahlen hat? Seit einigen Jahrzehnten gibt es in den USA die sogenannten RVUs, was abgeküzt für den wenig aussagekräftigen Begriff „relative Werteinheit“ („Relative Value Unit“) steht. Hinter dieser Abkürzung steckt ein bestimmter Dollarwert, der Jahr um Jahr festgelegt und mit bestimmten regionalen Faktoren multipliziert wird und für das Jahr 2017 bei etwa 36 US-Dollar liegt. Fest­gelegt wird er von den vom US-Staat betriebenen Medicare- und Medicaid-Kranken­versicherungsprogrammen.

Nun schaut also ein Codierer oder wer auch immer die Kran­ken­ver­siche­rung um Begleichung meiner Arbeitsleistung bittet in eine Tabelle, sucht die entsprechende Intervention heraus und findet dann einen bis auf die zweite Stelle nach dem Komma angegebenen RVU-Faktor vor. So wird die Injektion eines verspannten Muskels mit einem RVU-Wert von 1,50 entlohnt, die Entnahme von Flüssigkeit aus der Brusthöhle in Form einer Pleurapunktion mit 1,82 taxiert, wenn man sie ohne bildgebendes Verfahren, mit 2,27 wenn man sie, wie bei mir üblich, mit bildgebendem Verfahren (also Ultraschall) macht.

Diesen RVU-Faktor multipliziert man dann mit dem jeweiligen Dollarwert und kann dann berechnen, wie viel die eigene ärztliche Arbeitskraft der Kran­ken­ver­siche­rung wert scheint. Im Fall der Muskelinjektion sind es knapp 54 US-Dollar (36 Dollar multipliziert mit 1,5), bei einer ultraschallgestützten Pleurapunktion etwa 82 US-Dollar.

Das mag nun recht günstig für den Patienten klingen, doch der geneigte Leser sei darauf hingewiesen, dass es sich hierbei nur um die Entlohnung der ärztlichen Arbeits­kraft handelt. Denn ein Krankenhaus beziehungsweise eine Praxis schlägt hier noch allerlei andere Gebühren drauf und so kommt ein Minimalbetrag bei einer Pleura­punktion laut einer für das Jahr 2015 veröffentlichten Tabelle von 400 US-Dollar heraus, wobei hier drauf diverse andere Gebühren wie Material, Labor, Medikamente und vieles andere berechnet werden.

So kommen dann, wie ich im persönlichen Gespräch mit Patienten erfahren habe, Rechnungen von oft über 1.000 US-Dollar, manchmal sogar 2.000 US-Dollar heraus für eine Intervention wie die Pleurapunktion, die knapp 20 Minuten dauert, mir 82 US-Dollar als direkte Entlohnung im Fall eigener Selbständigkeit einbringen würde und an für sich nichts weiter als das Einführen einer Nadel und Abziehen von Flüssigkeit unter aseptischen Bedingungen bedeutet. 

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 24. Dezember 2017, 11:23

Kranke US-Gesundheits- und Krankheits-Versorgungssysteme

Dass Vergütungs-­Regelungen selbstständig tätiger Medizin-Akteure im US-Gesundheitssystem rational nicht nachvollziehbar zu erklären sind, ist bereits bekannt. Da helfen auch Bücher zu diesem Thema nicht weiter.
Ein RVU-Faktor, multipliziert mit einem jeweiligen Dollarwert, der als kalkulatorischer Arztlohn bei einer ultraschallgestützten Pleurapunktion mit etwa 82 US-$ zu berechnen ist, kann auch nach Ihren Ausführungen, Kollege Peter Niemann, eine Privatleistungs-Rechnung von minimal 400 $ bis maximal 2.000 $ beim besten Willen nicht erklären.

Das ist einfach nur Manchester-Kapitalismus pur!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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