Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Pflegers Schach med.

Vom Düsseldorfer „Seeklima“ und anderen Handicaps

Montag, 27. November 2017

Vor über hundert Jahren meinte der englische Schachmeister Joseph Henry Blackburne einmal, er habe noch nie gegen einen gesunden Gegner gewonnen. Schon immer verlor der Mensch nicht gern, und offenbar waren Ausflüchte seit jeher wohlfeil: Selbst der größte unter den schachspielenden Ärzten, Dr. med. Siegbert Tarrasch, war davor nicht gefeit, als er seine Niederlage im WM-Kampf 1908 gegen Emanuel Lasker auf das „Seeklima“ in Düsseldorf zurückführte.

Blackburne selbst behalf sich bei seiner lebenslangen Kränklichkeit mit dem eifrigen Konsum von Whiskey. Offensichtlich mit Erfolg – er wurde noch mit 72 Jahren Briti­scher Meister und bekam in St. Petersburg 1914 einen Schönheitspreis. Jahrzehntelang spielte der „kranke Mann“, der andererseits wohl nicht von ungefähr den Spitznamen „Black Death“ trug, etwa 2.000 Partien pro Jahr, meist allerdings bei Simultan­vorstellun­gen. Von der Atmosphäre dabei mag sein köstliches Bonmot einen Eindruck geben: „Mein Gegner ließ sein Glas (Whiskey) ‚en prise’ und ich nahm es ‚en passant’“ – natürlich gewann Blackburne nach diesem gegnerischen „Fauxpas“ die Partie.

Ungefähr hundert Jahre später schwor der erste englische Großmeister Tony Miles, der als Schwarzer einst den damaligen Weltmeister Anatoli Karpow mit den obskuren Anfangszügen 1.e4 a6?! 2.d4 b5?! demütigte und so sogar gewann, auf Milch. Er wurde nur 46 Jahre alt. Bitte nun keine unzulässigen Rückschlüsse ziehen!

Beim Turnier im holländischen Tilburg 1985 spielte Miles wegen starker Rücken­beschwer­den mit turnierärztlicher Erlaubnis bäuchlings auf einer Liege und gewann so vor den Weltklassespielern Kortschnoi, Hübner et cetera. Abgesehen von der medizinischen Indikation war dies ein geschickter psychologischer Schachzug, mancher Gegner war angesichts des ungewohnten Gegenübers etwas befangen, der georgisch-amerikanische Großmeister Roman Dschindschidaschwili spielte gar die ganze Partie im Stehen – und verlor!

Nichts dergleichen geschah beim letzten Deutschen Ärzteschachturnier in Bad Homburg, als Dr. Jürgen Heinzelmann wegen einer abklingenden Phlebitis sein linkes Bein hochlagern musste und angesichts dieser Zwangslage natürlich gehandicapt war. Das hinderte ihn erfreulicherweise indes nicht daran, seinen Gegnern mit der Aufschrift auf seinem T-Shirt die essenzielle, aber auch provokante Frage zu stellen: „Can you see the truth?“ Manch einer scheiterte daran – zumindest auf dem Schachbrett!

Das erinnert mich an Dr. Matthias Birke, der vor Jahr und Tag nach einem unverschul­de­ten Unfall kurz vorm Turnier sein lädiertes Bein auch auf einem Stuhl ablegen musste. Die Beschwerden waren noch beträchtlich, doch Dr. Birke wollte unbedingt teilnehmen; immerhin war er jetzt wie sechs weitere Aufrechte alle 25 Mal beim Ärzteschachturnier dabei, wovon die wunderbare Statistik von Dr. Branko Spasojevic, selbstredend auch einer dieser Sieben, kündet.

Doch Dr. Birke ist nicht nur ein Vorbild an Beständigkeit. Er versteht auch sein Schach­metier, sodass er sich im Laufe der 25 Jahre immer im Vorderfeld des Ärzteturniers tummelt(e), und – im Zweifelsfall noch wichtiger – er versteht auch etwas von seinem medizinischen Metier als Dermatologe, was sowohl mein Sohn als auch ich bekunden können. Allerdings werde ich jetzt den Teufel tun und verraten, um was es ging.

Und Sie mögen bitte auch selbst raten, mit welch elegantem Coup er beim letzten Turnier in Bad Homburg als Schwarzer am Zug – quasi aus dem Nichts heraus – sofort eine Gewinnstellung hätte bekommen können. Leider ausnahmsweise nur im Konjunktiv.

Dr. Birke spielte 1...g6, um nach dem Springertausch mit 2.Sxf5 gxf5 die g-Linie als weitere Angriffsstraße gegen die weiße Königsstellung zu öffnen.

Gut genug – doch wie wäre es noch besser gegangen?

Lösung zeigen

Nach dem (Schein-)Springeropfer 1...Sg3+! wäre Weiß verloren gewesen: 2.hxg3 hxg3+ 3.Kg1 gxf2+ verliert die Qualität (Turm gegen Springer) und bei 2.Sxg3 hxg3 3.Tc2 Txh2+ 4.Kg1 Kd7 droht Schwarz mit 5...Tch8 einen tödlichen Mattangriff auf der h-Linie.

Selbstverständlich wäre auch 2.Kg1 Sxe2+ 3.Txe2 Lxe2 4.Dxe2 cxd4 hoffnungslos gewesen.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Pflegers Schach med.

Pflegers Schach med.

Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Aktuelle Kommentare