Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Global Health

Krieg und Wahrheit

Dienstag, 21. November 2017

„Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit.“ Dieser Ausspruch, der dem amerikanischen Senator Hiram Johnson (1866-1945) zugeschrieben wird, erfährt auch heute noch Bestätigung – in den Berichten aus dem Bürgerkrieg in Syrien, in den gegenseitigen Schuldzuweisungen und Vorwürfen der Israelis und der Palästinenser und in den zahllosen anderen Konflikten im Kongo, im Jemen oder in Afghanistan.

Die Wahrheit leidet aber nicht erst im Krieg, sondern schon früh auf dem Weg dorthin, in konflikthaften Auseinandersetzungen und viel zu häufig schon im alltäglichen politischen Streit. Und wenn die Wahrheit leidet, leiden häufig die Menschen.

Am 21. Oktober 2016, nachts, sind auf dem Mittelmeer geschätzt mehr als 20 Menschen zu Tode gekommen. Genau kann die Zahl niemand bestimmen, denn die Menschen sind namenlos ertrunken, lediglich 4 Leichen konnten geborgen werden. Sie sind ertrunken, nachdem ihr Schlauchboot von einem Patrouillenboot der libyschen Küstenwache bedrängt und schließlich beschädigt wurde, woraufhin das Boot sank. Viele der Flüchtlinge, die versuchten auf dem Boot nach Europa zu gelangen, konnten nicht schwimmen und ertranken. 124 Menschen wurden von einem zivilen Rettungsschiff gerettet.

Dieses Ereignis und weitere, bei denen Mitglieder der libyschen Küstenwache aggressiv und brutal, wiederholt auch mit Waffengewalt, auftraten und Menschen bedrohten, bedrängten oder gefährdeten, nahm die Europäische Union zum Anlass, Mitglieder der libyschen Küstenwache auszubilden, um solche Übergriffe zu verhindern. Außerdem erhielt die libysche Küstenwache von der EU und von Italien Ausrüstungsgegenstände und Boote im Wert mehrerer Millionen Euro.

Am 6. November 2017 kam es zu einem erneuten Zwischenfall, bei dem die libysche Küstenwache unprofessionell und Menschenleben gefährdend in einem Rettungs­einsatz agierte, an dem auch eine deutsche Rettungsorganisation beteiligt war. Mindestens 5 Menschen, vielleicht sogar viel mehr, unter ihnen kleine Kinder, kamen dabei ums Leben. Wäre dies nicht Anlass genug, die Ausbildung und Förderung der libyschen Küstenwache durch die EU zu hinterfragen? Sollte der Tod so vieler Menschen den Vertretern der EU nicht Anlass geben, ihr Vorgehen zu hinterfragen, ihre Partnerschaften zu überdenken?

Auch Fabrice Leggeri, Direktor der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex, kritisiert, dass die libysche Küstenwache „zum Teil aggressiv und gewalttätig“ auftrete und mahnt an, dass sich dies verbessern müsse. Die Konsequenzen, die er, seine Agentur und die EU daraus ziehen, erscheinen jedoch vor dem Hintergrund der zahlreichen Ereignisse der vergangenen Jahre mehr als fragwürdig. Ihr Ziel ist nämlich, die libysche Küstenwache durch weitere Förderung zu unterstützen und zu stärken, anstatt zu erkennen, dass sie hier womöglich auf den falschen Partner setzen. In Zukunft sollen die Ausbildung und die Unterstützung mit Ausrüstung und Fahrzeugen auch auf Polizeikräfte erweitert werden, die am Küstenschutz beteiligt sind.

Ehrlicher wäre wohl zuzugeben, dass die EU alles bereit ist zu tun, um Flüchtlinge und Migranten von ihren Grenzen fern zu halten. Ihre humanitären Ideale ist sie dafür bereit aufzugeben.   

Und so verstrickt sich die EU immer tiefer in einen perfiden Wettbewerb, in dem libysche Milizen und Warlords (niemand weiß so genau wer die „libysche Küstenwache“ ist oder wer die „Polizeikräfte“, die nun gefördert werden sollen, sind, denn verlässliche staatliche Strukturen bestehen in Libyen seit Jahren nicht mehr) mit zunehmender Unterstützung rechnen können, je brutaler sie auftreten, je offensichtlicher sie die Menschenrechte missachten und je unmenschlicher die Zustände in den Lagern sind, in denen die Menschen eingepfercht werden, die auf dem Mittelmeer aufgegriffen werden oder beim Versuch in eines der Boot zu steigen erwischt und festgenommen werden.

Nicht die Wahrheit ist es die zählt, sondern die Interessen derjenigen die Macht haben und Geld. Und so sind es die Menschen auf der Flucht, die Migranten, die bereits fast alles verloren haben bis auf ihr Leben und ihre Würde, die ihnen durch diese Politik auch genommen werden. Und wir schauen zu.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Global Health

Global Health

Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Aktuelle Kommentare