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Dr. McCoy

Arztersetzend heißt nicht Ärzte ersetzen

Donnerstag, 23. November 2017

Bei der "kontroversen Mittagspause" in der KBV (schöner Titel übrigens, wie ich finde) zeigten der Referent Juffernbruch und der Moderator Philipp Grätzel (beide Mediziner) uns Ärzt*innen mal eben, wo der Hammer hängt. Es gibt wohl kaum noch Zweifel: Künstliche Intelligenz, neudeutsch „Äih Ei“ (Artificial Intelligence), wird absehbar viele Krankheitsbilder schneller und sicherer diagnostizieren als fast jeder erfahrene Kliniker.

Die ganze Entwicklung hat allerdings ein bisschen gedauert. Denn schließlich hoffte man schon Ende der Sechziger Jahre, dass Computer alsbald bessere Diagnostiker und Entscheider über die richtige Therapie sein würden als der Mensch. Und damals, so wie auch in den folgenden Jahrzehnten, kamen die Wissenschaftler bisher immer wieder zu dem Schluss, dass der Mensch der Maschine wohl überlegen sei. Wir Ärzte konnten uns dann jedes Mal beruhigt zurücklehnen und zufrieden feststellen: Ätsch – die Maschinen können es eben nicht!

Doch diese Zeiten scheinen nun endgültig vorbei zu sein. Denn vor allem da, wo es auf das Auswerten von Bildern oder Morphologien ankommt, also z.B. in der Radiologie oder beim Befunden von EKGs, sind die Systeme jetzt schon atemberaubend. Mich erinnert die ganze Situation an die Stärke von Schachcomputern in meiner Jugend. Da hieß es noch, erfahrene Spieler und später dann wenigsten die Großmeister seien immer noch besser als die Maschinen. Bis schließlich Mitte der 90er Jahre Schach­weltmeister Garri Kasparow stellvertretend für die ganze Menschheit sensationell gegen einen Computer verlor. Kasparow behauptete bei einer weiteren Niederlage zwar, es habe doch ein Mensch die Finger im Spiel gehabt. Aber beweisen konnte er es offenbar nicht. Und verloren ist eben verloren.

Nun gut. Schach ist ein Spiel und das können wir verschmerzen. Dass aber auch die Medizin und gerade auch das, was Ärzte tun, sehr absehbar massive Umbrüche erleben wird, daran kann es aus meiner Sicht keine vernünftigen Zweifel mehr geben. Denn verglichen mit den Schachcomputern befinden wir uns in der Entwicklung wahr­scheinlich erst am Anfang der Achtziger Jahre. Und daran ändern auch höchstkritische Beiträge aus dem Publikum der "kontroversen Mittagspause" herzlich wenig. Denn wenn von Ärzten heute beklagt wird, Zuwendung und Empathie würden sich niemals ersetzen lassen und ein Kranker brauche schließlich keine Maschine, sondern einen Menschen, der ihn als Mensch begleitet, so ist das zwar richtig. Die Klage geht aber am eigentlichen Thema glatt vorbei. Und so verwahrte sich Juffernbruch auch zu Recht gegen den Vorwurf, er rede einer inhumanen, die Ärzte ersetzenden Medizin das Wort.

Denn darum geht es in der ganzen Debatte überhaupt nicht. Es geht nicht darum, dass Maschinen das ersetzen sollen, was den "guten Arzt" unter anderem – und ich sage bewusst: unter anderem – ausmacht. Nämlich seine Fähigkeit, einen Menschen in der Krise als Menschen mit Empathie und Zuwendung zu begleiten. Es geht nicht darum, die Menschlichkeit des Arztes durch künstliche Intelligenz zu ersetzen.

Allerdings, und darum geht es schon, ist die Menschlichkeit eben nur eine der Qualifikationen des guten Arztes – wenn auch eine ganz wesentliche. Andere, ebenfalls ganz wesentliche Qualifikationen des guten Arztes sind das medizinische Wissen, die klinische Erfahrung und das manuelles Geschick sowie schließlich die Kompetenz, all das zum Wohle des Patienten anzuwenden.

Und dass nun die Debatte um die künstliche Intelligenz in der Medizin so erbittert, ja mitunter fast feindselig, abläuft, hängt genau damit zusammen, dass heute sowohl die Ärzteschaft selbst als auch die Gesellschaft die Rolle der Ärztinnen und Ärzte vor allem über diese Qualifikationen definieren. Die Ärztinnen und Ärzte sind die Träger eines höchst komplexen Wissens und nur sie wissen, wie man es anwendet. Und nur sie dürfen dieses Wissen, die Heilkunde, überhaupt am Menschen anwenden! Ihre Ausbildung dauert mehr als zehn Jahre, sie sprechen eine Sprache die außer ihnen keiner versteht. Und dass sie unglaublich belesen sind, davon zeugen die vielen dicken Bücher, die sie im Arztzimmer gut sichtbar aufstellen. Dass also die Gesellschaft dem Berufsstand der Ärzte nahezu uneingeschränkt hohe Achtung und bisweilen sogar Bewunderung entgegenbringt, hängt also vor allem damit zusammen, dass Ärzte ganz offenkundig sehr viel wissen und sehr viel können.

Und genau hier beginnt die Bedrohung der Ärzte durch die künstliche Intelligenz. Was passiert, wenn nun uns Ärzten die Maschinen genau das streitig machen, worüber wir uns ganz wesentlich definieren? Nämlich unser Wissen und unser Können? Dann muss sich Widerstand regen. Denn dann geht es ans Eingemachte!

Nun kann man, um die Ärzte zu retten, argumentieren, die letzte Entscheidung habe eben doch noch der Mensch und er müsse sie auch behalten. Denn wer sonst solle schließlich die Verantwortung übernehmen? Eine Maschine könne das ja nicht. Retten allein, wird das die Ärzte nicht. Denn wenn absehbar die Patienten mit dem Chatbot Ada oder IBM Watson direkt kommunizieren, weil der Termin beim Hausarzt erst am kommenden Montag zu bekommen ist – was dann? Wer fragt dann noch nach Verantwortung?

Nein. Eine so einfache Lösung wird es nicht geben. Die Ärzteschaft wird nicht umhinkommen, sich schleunigst mit ihrer eigenen Rolle auseinanderzusetzen. Sie wird sich die Frage stellen müssen, wie ihre Rolle in einer – wahrscheinlich gar nicht so fernen – Zukunft aussehen wird. Dabei wird es nicht darum gehen, die Ärzte zu ersetzen. Wohl aber darum, vieles von dem, was Ärzte heute tun zu ersetzen.

Und in all dem steckt, so paradox das klingen mag, die Chance für die Medizin, vieles von dem zurückzugewinnen, was ihr in den letzten Jahrzehnten offenkundig verloren gegangen ist. Nämlich die Chance, die sprechende Medizin, die Zuwendungsmedizin wieder zu stärken. Die Chance, die Patienten dann zu begleiten, wenn sie es wirklich benötigen, wenn sie wirklich in der Krise sind. (Und gleichzeitig die Computer all das tun zu lassen, was sie absehbar besser und viel preiswerter können werden als wir Ärzte.) So wie es der Telematikbeauftragte der Bundes­ärzte­kammer, Franz Bartmann, kürzlich in einer Diskussionsrunde bei der Medica treffend beschrieben hat: "Wenn ich weiß, dass IBMs Watson ein besserer Diagnostiker ist als ich, dann werde ich nicht in der Diagnose, sondern als Arzt der Mentor des Patienten sein und ihn anleiten", und begleiten – so darf man sicher in Bartmanns Sinn hinzufügen.

Schmerzen wird uns diese Umwälzung als Ärztinnen und Ärzte vor allem dann, wenn wir heute – oftmals lukrativ und mit Hilfe teurer Medizintechnik – diagnostische und therapeutische Leistungen erbringen, die eine Maschine absehbar ganz allein, besser, schneller und viel preiswerter erledigen wird als ein Mensch.

Das wird für uns Ärztinnen und Ärzte nicht leicht zu akzeptieren sein. Aber eine entmenschlichte Medizin droht uns deshalb noch lange nicht. 

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Dr. McCoy

Dr. McCoy

In seinem Blog – benannt nach dem Bordarzt von „Raumschiff Enterprise“ – kümmert sich Philipp Stachwitz weniger um ferne Galaxien, sondern er kommentiert, wie die Zukunft der Medizin durch Telematik und E-Health beeinflusst wird. Als Anästhesist und ehemaliger stellvertretender Dezernent für Telematik der Bundes­ärzte­kammer kennt der heute ambulant tätige Schmerztherapeut und E-Health-Experte die Materie gleichermaßen und gleichzeitig aus der Praxis wie auch aus der Politik.".

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