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Auf Schritt und Tritt unterwegs mit der ehemaligen Pjane. Die ist jetzt nämlich Assistenzärztin. Kurze und manchmal etwas längere Einblicke aus dem Leben von einer, die neu an Bord ist.

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Assistenzarzt-Ich: Brief an uns, in ein paar Jahren

Dienstag, 12. Dezember 2017

Liebes Assistenzarzt-Ich,

jetzt hast du ein Jahr gearbeitet, ich schreibe diesen Brief aber nicht für heute, nein, denn du wärest überfordert – wüsstest auf viele Fragen die Antwort nicht. Wie auch, nach einem ersten Jahr voller Anspannung, Freude über die ersten Erfolge – und jeden weiteren, einige Tränen – vor Erschöpfung geweint, weil du einfach merktest, wie es gerade mal alles zu viel wurde.

Ich schreibe diesen Brief für in einigen Jahren, wenn du erfahrener sein wirst, für eine Situation, in der du dich einen Moment zurückziehen und diese Zeilen lesen kannst.

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Du hast das erste Jahr hinter dir. Und das zweite. Wahrscheinlich auch das dritte, denn – seien wir ehrlich – das Tempo deines Berufes überschlägt sich immer noch ab und zu – und du dich mit ihm. Aber du bist erfahrener geworden. Und du kannst in einer Weise zurückblicken, wie du es jetzt noch nicht könntest.

Bist du glücklich? Mit der Wahl deines Berufs? Gibt die Menge der Zeit, die du in der Klinik verbringst dir etwas zurück? Weiß du, das ist sehr wichtig. Im ersten halben Jahr, da hast du für die Klinik gelebt. Warum sich auch beschweren wie manche der „alten Hasen“? So ganz hast du das damals nie verstanden. Du hattest Energie für zehn und eine Lernkurve, die steiler nicht hätte sein können. Alles war neu, alles eine Bereicherung deines Wissens aus dem Studium, ja, deines Horizonts.

Dann kamen die Dienste. Viele Dienste. Du warst das erste Mal so richtig erschöpft. Aber auch das war spannend. Dann kam die erste Rotation abseits der Normalstation- und du hattest das Gefühl, erneut deinen ersten Arbeitstag zu erleben. Allerdings nicht mehr frisch von der Uni, sondern schon etwas gemahlen durch eben jene Mühlen, die man Klinik nennt.

Du hast dich und deine Umgebung mehr als einmal hinterfragt.

Wenn du das hier liest, hast du dich hoffentlich immer wieder aufgerappelt. Hast dir deine Erfolge nicht kleingeredet. Hast Fehler, die du zu verantworten hattest, nicht als Makel deiner Person, sondern deines Handelns in diesem Moment bewertet. Hast gelernt, dass Kritik manchmal schwer zu ertragen ist, weil sie dich an dir zweifeln lässt, immer und immer wieder und gleichzeitig dir manchmal gewünscht, dein Handeln würde von Anderen öfter hinterfragt werden – zu oft hast du dich unge­nügend betreut gefühlt, von denen, deren Job es ist, dich auszubilden: deinen Oberärzten.

Die, die diesen Job ernst genommen haben, die hast du besonders gut in deinem Gedächtnis abgespeichert. Darunter waren junge, gewissenhafte, fast bilderbuchhafte Oberärzte. Aber auch von den ganz Speziellen, die brüllen konnten oder wirklich seltsam waren, hast du etwas lernen können – manchmal mehr als von denen, die sich nur ihren Teil ge-, aber leider vor dir nicht laut gedacht haben. Von diesen Ausbildern hast du nur wenig mitgenommen und diese Zeiten als Durststrecke wahrgenommen. Du hast dir fest vorgenommen, dazuzulernen und dich in diesen Momenten blockiert gefühlt, ausgebremst, weil du nicht so vorangekommen bist, wie du gerne gewollt hättest. Ein Buch ersetzt eben nie jemand, der es einem zeigt und erklärt.

Wenn du das hier liest, hast du diese scheinbaren Einbahnstraßen bereits mehrere Male überwunden. Du bist ein Stück weit angekommen. Würdigt man deine Arbeit ab und zu etwas? Fühlst du dich in deinem Team angenommen und in deinem Handeln sicherer als früher? Hast du das Gefühl, bis hierhin eine gute Ausbildung erhalten zu haben? Oder hast du bei solchen „Forderungen“ immer noch wie am Anfang fast ein schlechtes Gewissen, frei nach „jeder ist seines Schmiedes Glück“.

Das ist sicher auch eine sehr gesunde Einstellung, zumindest ein Stück weit. Aber die Klinik ist heute anders als früher. Die Abläufe getakteter, die Patientenzahlen höher, die Möglichkeiten, wo man sich noch überall bewerben könnte, größer. Unser Beruf ist in seiner Wesensart so speziell- und diesbezüglich doch wie jeder andere: Die Schnelllebigkeit lässt sich kaum bremsen.

Ich wünsche dir, dass du gelernt hast, dich ein wenig frei zu machen – von dem Druck, den du am Anfang noch oft genug verspürt hast – den Patienten, deinen Kollegen, deinen Vorgesetzten und deinen eigenen Anforderungen gerecht zu werden. Dass du an Stellen, an denen es gar nicht mehr ging, die Reißleine gezogen hast und dein Wohl zur Priorität gemacht hast. Dass du an anderen Stellen genug Rückhalt durch Familie und Freunde hattest und dass du deinem Privatleben immer einen besonderen, mag er auch manchmal klein gewesen sein, Platz eingeräumt hast. Dass du dir die Fähigkeit angeeignet hast, darauf zu achten, dich und deine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Das sind ganz schön fromme Wünsche. Wenn sich in ein paar Jahren ein Teil erfüllt hat, würde ich mich so für dich freuen – es sind die wichtigsten Dinge, auch wenn es dir heute vielleicht manchmal nicht immer so vorkommt.

Bis in ein paar Jahren!

Liebe Grüße sendet
Frau Doktor

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