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Gingko biloba nach Schlaganfall und Lords Paradox

Donnerstag, 11. Januar 2018

Extrakte aus den Blättern des Ginkgobaumes sind nicht nur in Deutschland ein populä­res Mittel zur Förderung des Gedächtnisses. In China sind sie fester Bestandteil der Naturheilkunde. Die Extrakte haben dort häufig einen höheren Gehalt an Flavon­glyko­siden und Terpenlaktone, denen eine günstige Wirkung zugeschrieben wird, und die Konzentration der Ginkgolsäure, die als schädlich eingestuft wird, soll geringer sein.

Shanshan Li von der Universität Nanjing und Mitarbeiter waren deshalb zuversichtlich, dass sie in ihrer Studie eine gute Wirkung auf die kognitive Funktion von Schlaganfall­patienten nachweisen würden. 

An der Studie hatten 330 Patienten teilgenommen, bei denen es nach einem Schlag­anfall zu leichten kognitiven Einschränkungen gekommen war. Im MMSE-Test (Mini-Mental State Examination) erzielten die Patienten vor Beginn der Studie im Mittel 22 Punkte. Im Montreal Cognitive Assessment (MoCa), einem weiteren Screeningtest für kognitive Störungen, erreichten sie 18 von 30 möglichen Punkten. 

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Die Hälfte der Teilnehmer nahm täglich 150 mg eines hochkonzentrierten chinesischen Ginkgo-Extraktes ein, die andere Hälfte erhielt keine Medikamente. Warum Li und Mitarbeiter keine Placebogruppe bildeten, ist unklar. Einzig die Neurologen, die später den Zustand der Patienten beurteilten, waren verblindet. Vor diesem Hintergrund haben die Ergebnisse der Studie nur eine geringe Aussagekraft. 

Dass die Patienten wussten, dass sie ein Mittel gegen ihre kognitiven Schwächen erhalten, dürfte zu einer Erwartungshaltung geführt haben, die die Ergebnisse hätte verbessern müssen. Dies war jedoch bei der ersten Analyse nicht zu erkennen. Die MoCa-Werte, der primäre Endpunkt der Studie, waren am Ende kaum höher als in der Kontrollgruppe. Es gab einen geringen Unterschied, der jedoch nicht signifikant war und vermutlich ohne klinische Relevanz geblieben wäre.

Li hat dann in einer weiteren Analyse die Veränderung der MoCa-Werte bei den einzel­nen Patienten ausgewertet. In dieser Analyse kam es in der Ginkgogruppe tatsächlich zu einer stärkeren Wirkung. Die Unterschiede waren signifikant. Diese Diskrepanz zwischen einem fehlenden Unterschied in den absoluten Testergebnissen und einer signifikant besseren relativen Erholung in einer Gruppe wird auch als „Lords paradox“ bezeichnet. 

Das Lords Paradox lässt sich nur schwer erklären. Statistiker vergleichen es mit den Unterschieden, die entstehen, wenn man einen Gegenstand aus unterschiedlichen Richtungen betrachtet. Das Lords Paradox wird häufig beobachtet, wenn die Wirkstärke einer Therapie gering ist, wie dies in dieser Studie trotz der Verwendung des hoch­konzen­trierten Extraktes der Fall war.

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