Pflegers Schach med.

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Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

Das Genie Zukertort

Dienstag, 30. Januar 2018

In der Oper „Zar und Zimmermann“ von Lortzing tritt in einer Arie auch ein Bürger­meister namens Van Bett auf, der an keinerlei Selbstzweifeln leidet und dem wir die folgenden geflügelten Worte verdanken: „O, ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht“. Was er in der Folge noch ausführt: „Diese ausdrucksvollen Züge, dieses Aug’, wie ein Flambeau, verkünden meines Geistes Siege, ich bin ein zweiter Salomo!“

Mögen Sie dabei nun unwillkürlich an Donald Trump denken, so möchte ich ihr Augen­merk doch auf einen großen Schachmeister der Vergangenheit lenken, der sich zwar nachweislich für das Studium der Medizin in Breslau einschrieb, dies aber nie, wie von ihm behauptet, 1865 erfolgreich beendete, geschweige denn promovierte und so sein Doktortitel in den Bereich der Legendenbildung oder, um mit obengenanntem Herrn zu sprechen, der „fake news“ gehört.  

Allerdings verfügte „Dr.“ Johannes Hermann Zukertort (1842–1888), im Gegensatz zu Bürgermeister und US-Präsident, dafür ähnlich wie Salomo, dessen Weisheit ja sprich­wörtlich ist, über viele Geistesgaben. Selbstverständlich käme mir nie in den Sinn, als Beleg hierfür vor allem seine außerordentliche Schachbegabung anzuführen. Seit dem Diktum von Petra Kortschnoi, der Frau des großen Viktor, wissen wir, dass Schach­spieler oft recht dumm seien. Ein Urteil, das man nicht so einfach wegwischen kann, zumal sie dieser Spezies in Begleitung ihres Gatten oft genug begegnete. Hingegen hatte Petra Kortschnoi, die als Pharmareferentin arbeitete, viel Hochachtung für Ärzte übrig, die sie bei ihren beiden Besuchen mit Viktor bei den Deutschen Ärzteschach­turnieren auch zum Ausdruck brachte.

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Bevor ich mich aber in fraglichen Gefilden verliere, zurück zu Zukertort, über den beim letzten Ärzteschachturnier in Bad Homburg (übrigens wird das diesjährige wieder dort vom 13. bis 15. April stattfinden) Dr. Michael Negele einen amüsanten Vortrag hielt. Michael Negele selbst ist, anders als sein „Vortragsobjekt“, ein richtiger Doktor, wenn auch „nur“ einer der Chemie. Oder soll man vielleicht die Einschränkung „nur“ doch eher für medizinische Promotionen gelten lassen?! In jedem Fall ist Dr. Negele ein eminenter Schachgeschichtsforscher, der mit Liebe und Akribie in alte Schachzeiten hinabtaucht und dabei hochinteressante Biografien zutage fördert.

So erfuhren die Ärzte nicht nur, dass der „Wundermann“ Zukertort nicht nur polyglott bis hin zum Sanskrit und ein Kenner klassischer Literatur und Autor zu medizinischen und juristischen Themen sowie Musikkritiker war, sondern auch ein Meisterschütze und –fechter und hochdekorierter Kriegsveteran. Unzweifelhaft wirkte Zukertort höchst erfolgreich an seinem Mythos, sodass der Schachmäzen Howard Taylor den Berufs­spieler in der Eastern Daily Press zum Universalgenie erhob.

Wie auch immer, Zukertort war sicher hochintelligent und ein herausragender Schach­spieler, der beispielsweise das große Londoner Turnier von 1883, obwohl er die letzten drei Partien verloren hatte, mit drei Punkten Vorsprung vor Wilhelm Steinitz gewann. Ein Casus belli! Als bei der Siegerehrung ein Toast auf den „besten Spieler der Welt“ erhoben wurde, standen beide gleichzeitig auf ..., was nicht gerade zur Befriedung ihrer erbitterten Fehde in den Zeitungspolemiken beitrug.

Beim ersten offiziellen WM-Kampf der Schachgeschichte 1886 in den drei Städten New York, St. Louis und New Orleans brach Zukertort, den sein Arzt zuvor noch wegen seines „schwachen Herzens“ vor der Belastung gewarnt hatte, indes nach einer klaren 4:1-Führung psychisch und physisch ein und verlor noch mit 12,5:7,5. Dieser Zusam­menbruch ging über das Match hinaus, in der  Folge war er bei Turnieren nur noch ein Schatten seiner selbst und starb 1888 mit nicht ganz 46 Jahren.

Bei einer Schachpartie im berühmten „Simpsons Divan“ in London erlitt er einen Gehirnschlag, dem er am nächsten Tag erlag. Die Autopsie ergab „Apoplexie, bedingt durch Aufplatzen eines Blutgefäßes in der linken Hirnhälfte. Die großen Adern der Hirnbasis waren bemerkenswert degeneriert, das Hirn wog 1,7 kg! Doch offenbar war Zukertort schon vorher herzkrank, litt an Depressionen und hielt sich mit „drugs“ (wohl Aufputschmittel) aufrecht.

Eine der schönsten Kombinationen der Schachgeschichte gelang Zukertort 1883 beim Turnier in London gegen den Engländer J. H. Blackburne, den „Schwarzen Tod“. Selbst sein Rivale Steinitz sprach von der vielleicht „schönsten Kombination, die jemals auf dem Schachbrett geschaffen wurde.“

(wKg1, Dd2, Te3, Tf1, Lb2, Ba2, b3, d5, g2, h2, h7;

sKh8, De7, Tc8, Tc2, Lb7, Ba7, b6, e5, e4)

Wie konnte Zukertort als Weißer am Zug das Dilemma des Doppelangriffs auf seine Dame und Läufer in einen furiosen Mattangriff ummünzen?

Lösung zeigen

Nach dem Damenopfer 1.Db4!!  war die Dame wegen 1...Dxb4 2.Lxe5+ und baldigem Matt des verwaisten schwarzen Monarchen durch die beiden Türme und den Läufer tabu.

Auf 1...Tc8-c5 folgte mit dem Turmopfer 2.Tf8+! indes der nächste Schlag: Diesmal ließ die schwarze Dame diesen wegen 2...Dxf8 3.Lxe5+ Kxh7 4.Dxe4+ ungeschoren.

Auf das gespielte 2...Kxh7 kam 3.Dxe4+ Kg7 4.Lxe5+ Kxf8 5.Lg7+! Kg8 (5...Dxg7 6.De8 matt) 6.Dxe7 und Schwarz gab auf.   

Leserkommentare

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JolowiczM
am Freitag, 16. Februar 2018, 21:03

Wie immer, amüsant und schön!

Freue mich schon auf den nächsten Vortrag der echten Drs. Pfleger und Negele!
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