DÄ plusBlogsGlobal HealthNichtübertragbare Erkrankungen
Global Health

Global Health

Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Global Health

Nichtübertragbare Erkrankungen

Montag, 26. März 2018

Nichtübertragbare Erkrankungen (noncommunicable diseases) – im Gegensatz zu den Infektionserkrankungen oder übertragbaren Erkrankungen (communicable diseases) – breiten sich weltweit aus und sind daher von zunehmender Bedeutung. Der Effekt hinter dieser Entwicklung, der epidemiologische Wandel, wurde schon vor vielen Jahrzenten beobachtet und beschrieben. Der epidemiologische Wandel beschreibt die Tatsache, dass mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung und mit zunehmendem Wohlstand die Bedeutung von übertragbaren Erkrankungen im Verhältnis zu den nichtübertragbaren Erkrankungen, die auch als „Wohlstandskrankheiten“ beschrieben werden, abnimmt. Von dieser Entwicklung sind besonders die Länder niedriger und mittlerer Einkommen betroffen (low- and middle-income countries, LMICs). Hier haben die nichtübertragbaren Erkrankungen bereits einen hohen Stellenwert und betreffen große Bevölkerungsteile, während die übertragbaren Erkrankungen noch immer ebenfalls hohe Erkrankungs- und auch Todeszahlen bedingen.

Erschwerend kommt zu dieser Entwicklung hinzu, dass die allgemeine Wahrnehmung, auch in Fachkreisen, dieser nicht gerecht wird. Von weltweit im Jahr 2015 geschätzt knapp 57 Millionen Todesfällen entfallen fast 40 Millionen, also etwa 70 Prozent (!) auf nichtübertragbare Erkrankungen. Betrachten wir die Situation in den Ländern niedriger und mittlerer Einkommen genauer, werden die Zahlen noch eindrücklicher. 80 Prozent aller Todesfälle aufgrund nichtübertragbarer Erkrankungen ereignen sich in den Ländern niedriger und mittlerer Einkommen, nur 20 Prozent der Todesfälle an „Wohlstands­krankheiten“ ereignen sich also in den wohlhabenden Ländern.

Erfolgreiche Maßnahmen gegen diese Entwicklung sind möglich, verlangen aber koordinierte Anstrengungen und eine entsprechende Finanzierung. Genauso wie beim Kampf gegen übertragbare Erkrankungen, zum Beispiel HIV/Aids und Malaria, setzen sich diese Maßnahmen unter anderem aus der Verbreitung von Medikamenten, Aufklärungskampagnen, der Stärkung von Gesundheitssystemen und Interventionen zur Vermeidung und Verringerung negativer Umwelteinflüsse zusammen.   

Anzeige

Zu Beginn der Anstrengungen ist es jedoch unbedingt notwendig, das Thema seiner Bedeutung entsprechend zu diskutieren und in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit zu lenken. Ein großer Teil der Förderung für Entwicklungszusammen­arbeit orientiert sich an den Themen und Schwerpunkten, die von maßgeblichen UN-Organisationen gesetzt werden. Während die „Millennium Development Goals“ aus dem Jahr 2000 kein Ziel zu Maßnahmen gegen nichtübertragbare Erkrankungen enthielten, wurde dies bei der Aufstellung der nachfolgenden „Sustainable Development Goals“ 2015 berücksichtigt und hiermit eine wichtige Grundlage geschaffen, die Förderung in diesem Bereich zu intensivieren.

Der Nachholbedarf ist immens. In einer Studie zur Verfügbarkeit von Standard-Medikamenten zur Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen (ASS, Statine, ACE-Hemmer, β-Blocker) konnte gezeigt werden, dass diese nur in drei Prozent der untersuchten ländlichen Regionen und nur in 25 Prozent der untersuchten städtischen Regionen in Ländern niedriger Einkommen erhältlich waren. Hinzu kommt, dass in vielen Regionen, in denen die Medikamente verfügbar waren, das verfügbare Haushaltseinkommen so niedrig war, dass viele Patienten sich die Medikamente nicht leisten konnten.

Ein wichtiger Faktor wird eine ausreichende Finanzierung, auch über staatliche und private Entwicklungszusammenarbeit, sein. Auch hier besteht ein erheblicher Nachholbedarf. Während 70 Prozent der globalen Todesfälle im Jahr 2015 nichtübertragbaren Erkrankungen zuzuschreiben waren und sich 80 Prozent dieser Todesfälle in den Ländern niedriger und mittlerer Einkommen ereigneten, betrug der Anteil der internationalen Entwicklungsausgaben für Gesundheit für den Bereich nichtübertragbarer Erkrankungen nur 1,3 Prozent. Nur mit einem beträchtlichen Anstieg der Ausgaben für diesen Bereich können hier Erfolge erwartet werden.

Bereits im Jahr 2011 hat die WHO ein Programm vorgelegt, um möglichst kosteneffizient in Ländern niedriger und mittlerer Einkommen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene mit einfachen Maßnahmen einen besonders großen Gesundheitsnutzen zu erzielen. Programme wie dieses sollten breit Anwendung finden und so die gesamten verfügbaren Mittel, also auch die in den betroffenen Ländern niedriger und mittlerer Einkommen bereits verfügbaren finanziellen Ressourcen, möglichst effizient eingesetzt werden, sodass auch mit begrenzten Ressourcen ein möglichst großer Nutzen erzielt wird.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #685479
Supady
am Dienstag, 27. März 2018, 13:59

Globale Fairness durch gleiche Therapiestandards

Lieber dokeszt,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Sehr zu Recht weisen Sie darauf hin, dass Maßnahmen zur „Ursachenbekämpfung“, also zur Primärprävention bei nichtübertragbaren Erkrankungen notwendig und sehr kosteneffizient sind. Genau dieser Weg wird auch von der WHO propagiert und nimmt einen großen Teil des im Blogbeitrag zitierten Programms ein: Scaling up action against NCDs: How much will it cost? (http://www.who.int/nmh/publications/cost_of_inaction/en/). Hier werden „best buys“, also kosteneffiziente Maßnahmen präsentiert, die eine wirksame Reduktion der vorzeitigen Mortalität und Morbidität durch kardiovaskuläre Erkrankungen ermöglichen. Erst an letzter Stelle tauchen hier medikamentöse Maßnahmen auf, sowohl im Sinne einer Primär- und Sekundärprävention für Personen mit einem hohen kardiovaskulären Risiko als auch als Tertiärprävention nach einem kardiovaskulären Ereignis (Myokardinfarkt, Schlaganfall).
Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass auch in Ländern niedriger und mittlerer Einkommen den Patienten natürlich die notwendige medikamentöse Therapie zur Verfügung gestellt werden muss. Da es in den genannten Stoffklassen (ASS, Statine, ACE-Hemmer, β-Blocker) die Auswahl zwischen verschiedenen patentfreien Generika gibt, steht hier weniger zu befürchten, dass hiermit die Pharmaindustrie große Gewinne generieren wird, als dass auch Menschen in den Ländern niedriger und mittlerer Einkommen den Nutzen sicherer und evidenzbasierter medikamentöser Therapien erfahren dürfen.
Mit freundlichen Grüßen,
A. Supady
Avatar #737120
dokeszt
am Dienstag, 27. März 2018, 08:57

Medikation statt Prävention

Ganz im Sinne von Big Pharma soll der Zunahme nicht-übertragbarer Krankheiten mit Medikamenten begegnet werden gemäß dem lukrativen Prinzip Symptombehandlung anstatt Ursachenbekämpfung. Dadurch werden die Kosten für die medizinische Versorgung in die Höhe getrieben, gerade für Schwellenländer fatal. Die WHO setzt allerdings in erster Linie auf Gesundheitsförderung und Prävention, das zeigt z.B. der "Aktionsplan zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten in der Europäischen Region der WHO". Medikamente stehen hier jedenfalls nicht an erster Stelle. Übrigens lassen sich in Deutschland nach den Berechnungen der WHO 91% aller Sterbefälle auf nicht-übertragbare Krankheiten zurückführen.
LNS
Alle Blogs
Gesundheit
Gesundheit
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah