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Auf Schritt und Tritt unterwegs mit der ehemaligen Pjane. Die ist jetzt nämlich Assistenzärztin. Kurze und manchmal etwas längere Einblicke aus dem Leben von einer, die neu an Bord ist.

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Frau Doktor

30:2 oder: Jetzt bleibt uns keine Zeit mehr

Donnerstag, 14. Juni 2018

Während der letzten Monate der Arbeit auf einer Überwachungsstation waren viele erste Male dabei. Die erste Nacht mit vielen kritisch kranken Patienten. Die ersten Male sich trauen, wichtige, weitestgehend eigenständige Entscheidungen zu treffen. Zum ersten Mal aufgrund mehrerer schwer kranker Patienten den Begriff Zeitdruck neu denken und vor allem: die ersten Reanimationen.

Es wäre gelogen, zu sagen, diese steckten mir nicht mehr in den Knochen, nein, ich erinnere mich sogar ziemlich genau an alles. An die Gesichter der Patienten, an den Sekundenschreck, sie so vorzufinden. An das Knacksen der Rippen. An die Erleich­terung, die richtige Schwester und den richtigen Kollegen zur Seite stehen zu haben, die mich zwischendurch ablösen konnten. Drücken, zweimal beatmen. An die Schnelligkeit, mit der das Rea-Team schließlich herbeigeeilt kam. An die Bewunderung, wie der erfahrenere Kollege geschickt intubiert. An Mitpatienten, die schnell aus dem Raum geschoben wurden.

Und schließlich: An die Stille, nachdem alles vorbei ist. Es gibt diese zwei, drei Minuten nach einer erfolgreichen Reanimation, nachdem der Patient auf die Intensivstation gebracht wurde, in denen wir uns erlauben, alles abfallen zu lassen. Meist sind es stille Minuten, bevor der Alltag einen wieder in seine Fänge zieht. Oft sind es die Minuten vor dem besagten Anruf, mit dem ich eine Familie aus ihrem Alltag reiße: Soeben mussten wir ihren Angehörigen wiederbeleben. Sätze, auf die einen keiner vorbereitet.

Es ist nur gut, wenn alle wissen: Dort liegt jemand, der das gewollt hätte. Der noch eine Chance bekommt, weil er eine Chance hat. Und nicht: Die Reanimation als verzweifelter letzter Versuch, zu kitten, was kaum mehr zu kitten ist.

Diese Entscheidung muss zuvor getroffen werden. Denn in der Situation selbst bleibt keine Zeit mehr. Es ist ein – manchmal schmerzhafter – Segen, wenn dies vorher geschehen ist.

Etwas nachdenklich in die neue Woche grüßt

Frau Doktor

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