Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Dramatisches Amerika?

Freitag, 22. Juni 2018

Nach bald zehn Jahren ärztlichen Wirkens in den USA und einer nochmals ähnlichen Zeitspanne persönlicher Lebenserfahrung kann ich mich in die amerikanische Mentalität sehr gut hineinversetzen und habe sie zum Teil selbst auch angenommen. Manche in meinem Umfeld sprechen gar von einer Akkulturation.

Auffällig ist für mich als Arzt, dass man mit Patienten in Deutschland anders umgeht als mit jenen in den Vereinigten Staaten von Amerika, gerade auch beim Besprechen der Diagnose und Therapie: Viele Amerikaner bevorzugen eine gewisse Dramatik bei der Schilderung ihres Krankheitszustandes.

So will ein Patient mit Gallenblasen­entzündung zwar vom Chirurgen nach der Operation hören, dass alles gut lief, nicht aber, dass es ein Routineeingriff war; am liebsten hört er, wenn der Chirurg von der Operation als „eine der schwersten“ seiner Karriere spricht, auch wenn er mir wenige Minuten zuvor versichert hatte, dass der Eingriff nichts Besonderes gewesen und alles nach Plan gelaufen war.

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Ein anderer Patient, den ich zum Beispiel für eine Infektion seiner Haut, einem Erysipel, aufgenommen hatte, wollte von mir hören, wie schwer sie doch zu therapieren gewesen sei, auch wenn das nur bedingt zutraf. Als ich ihm dann noch nickend bestätigte, dass eine Amputation durchaus eine Möglichkeit gewesen wäre (was bei einem Erysipel zwar immer möglich, aber doch äußerst unwahrscheinlich ist), war er erst richtig zufrieden. Viele Patienten erfreuen sich an dieser Dramatik und Zuspitzung, in meinen Augen ein deutlicher Unterschied zu meiner Zeit in deutschen Krankenhäusern.

Schaut man sich viele Menschen des öffentlichen Lebens in den USA wie Präsidenten, Schauspieler oder Musiker an, dann erkennt man, dass dieser Hang zum Pathos und zur Überspitzung wohl ein gesellschaftliches Phänomen ist. Nicht erst seit Donald Trump Präsident geworden ist, übrigens ein Meister der Überspitzung und der gerne Dinge als großartig oder schrecklich, ihm eher unbekannte Menschen als Freund oder Feind tituliert, wird dieser Zug zum Dramatischen ausgelebt. Nein, er scheint im Wesen der amerikanischen Gesellschaft verankert, und wer hier als Arzt erfolgreich sein möchte, vor allem wenn er chirurgisch tätig ist, darf bei der Visite weder das Lob noch die Übertreibung vergessen. Erst dann ist man wirklich in den USA als Arzt angekommen.

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