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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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Weltflüchtlingstag

Mittwoch, 20. Juni 2018

Der soeben veröffentlichte aktuelle Bericht des UNHCR, der UN-Flüchtlings­organisation, bestätigt die pessimistischen Erwartungen der vergangenen Wochen: Immer mehr Menschen werden gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben, immer mehr Menschen suchen Zuflucht in einem fremden Land. Im Vergleich zum Vorjahr waren 2017 2,9 Millionen mehr Menschen gegen ihren Willen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, insgesamt waren es 68,5 Millionen Menschen. Von diesen gelangten 25,4 Millionen Menschen über die Grenze ihres Heimatlandes hinweg in ein anderes Land und wurden so zu Flüchtlingen. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Die größte Zahl an Flüchtlingen stammt aus Syrien (mehr als sechs Millionen Menschen), es folgen Afghanistan (2,6 Millionen), Südsudan (2,4 Millionen), Myanmar (1,2 Millionen) und Somalia (fast eine Million) – mehr als zwei Drittel aller globalen Flüchtlinge flohen aus diesen fünf Ländern.

Die Türkei hat mit 3,5 Millionen weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen. In Relation zur Gesamtbevölkerung leben in Jordanien die meisten Flüchtlinge (ein Drittel der Gesamtbevölkerung), gefolgt vom Libanon (ein Viertel der Gesamtbevölkerung). Die meisten Flüchtlinge kommen in der direkten Nachbarschaft ihrer Herkunftsländer unter.

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Die Folgen der zunehmen Fluchtbewegungen sind bedeutend – für die Herkunfts­länder, für die aufnehmenden Länder und Gesellschaften und ganz besonders für die fliehenden Menschen (siehe Blog-Eintrag vom 04. Mai 2018). Hierauf soll am Weltflüchtlingstag, der seit 2001 in jedem Jahr am 20. Juni stattfindet, hingewiesen werden.

Gedenk-, Erinnerungs- und Aktionstage spielen in unserer medial hektischen Welt des Informationsüberflusses eine zunehmende Rolle. Sie können helfen, die unüber­schaubare Menge der verfügbaren Informationen zu ordnen, sie können helfen innezuhalten, um Lehren aus wichtigen vergangenen Ereignissen zu ziehen, sie können dabei helfen, dass auch Themen, die (zeitweise) weniger im Vordergrund stehen, in regelmäßigen Abständen beachtet und diskutiert werden. So gesehen bräuchten wir den diesjährigen Weltflüchtlingstag nicht weiter zu beachten, sind doch die Themen Flucht, Migration und Asyl die bestimmenden Themen der aktuellen politischen und medialen Diskussionen.

Der Weltflüchtlingstag kann uns jedoch helfen, das Thema einmal anders zu betrachten und Aspekte, die in den aufgeregt-hitzigen Diskussionen um gewaltbereite Asylbewerber, Obergrenzen und europäische Lastenteilung meist untergehen oder in den Hintergrund treten, genauer zu berücksichtigen. So übergeht die Diskussion um den Schutz und die Sicherung der europäischen Außengrenzen, um Seenotrettung auf dem Mittelmeer, um mögliche Abweisungen oder Zurückweisungen von Migranten an deutschen Grenzen, dass 85 Prozent der weltweiten Flüchtlinge in Ländern niedriger und mittlerer Einkommen Zuflucht gefunden haben und für diese Länder oft eine große Belastung im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung sind.

Die Gesundheitssysteme in Pakistan oder Uganda, die beiden Länder, die nach der Türkei die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, sind auch ohne die Versorgung von Millionen Flüchtlingen bereits überlastet und werden ihren Aufgaben nur unzureichend gerecht. In einer aktuellen Auswertung zur Global Burden auf Diesease Study wurde für beide Länder ein sehr niedriger „Healthcare Access and Quality Index“ (HAQ) ermittelt. Im HAQ sind Kriterien, die die den Zugang zu medizinischer Versor­gung und die Qualität der verfügbaren Versorgung beschreiben, zusammengefasst. Pakistan steht hier im internationalen Vergleich mit einem HAQ von 38 auf Position 154 von insgesamt 195 Ländern, Uganda mit einem HAQ von 31 auf Position 173. Beide Länder gehören schon jetzt zu den größten Empfängern internationaler Entwicklungshilfszahlungen für Gesundheit (Pakistan circa 500 Millionen US-Dollar/Jahr, Uganda circa 850 Millionen US-Dollar/Jahr).

Betrachten wir die Weltflüchtlingssituation nur aus unserer nationalen oder aus europäischer Perspektive, bewegen wir uns nur am Rande einer großen globalen Herausforderung und Verantwortung. Die Unterbringung Hunderttausender Menschen in riesigen Lagern wie Zaatari in Jordanien oder Daadab in Kenia – häufig die einzige Möglichkeit, um in akuten Notsituationen großen Menschengruppen rasch Zuflucht, Sicherheit, Nahrung und medizinische Versorgung zu bieten – schafft auf Dauer weitere Schwierigkeiten. Die Aufrechterhaltung von Hygiene ist hier oft schwierig, sanitäre Anlagen fehlen oder sind unzureichend, die medizinische Versorgung ist schwierig und kostspielig und beschränkt sich oft nur auf grundlegende Notfall­versorgung, Seuchen können sich genauso leicht ausbreiten wie Frustration und Gewalt.

Der Weltflüchtlingstag sollte uns daran erinnern, dass der Umgang mit Flucht und Migration großes internationales Engagement verlangt, ganz besonders von den wohlhabenden Staaten des „globalen Nordens“ zur Unterstützung der Staaten des „globalen Südens“ unter den Voraussetzungen einer fairen und gleichberechtigten Partnerschaft. Einen Großteil der Last zunehmender Fluchtbewegungen tragen Gesellschaften in Ländern niedriger und mittlerer Einkommen, die bereits vor der Aufnahme der fliehenden Menschen große Schwierigkeiten hatten, ihre Bürger mit lebensnotwendigen Waren und Leistungen zu versorgen. Daher sollten wir uns bemühen, diesen Länder und Gesellschaften zu helfen und sie bei der Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge nach Kräften unterstützen und weitaus stärker als bisher – durch Hilfszahlungen genauso wie durch technische, medizinische und personelle Unterstützung.

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