Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Die Sexismusdebatte wirkt

Montag, 2. Juli 2018

Es ist morgens halb sieben, und ich mache Visite. Der Alltag hat sich nur wenig vom Vortag verändert, die Patienten und Erkrankungen sind großteils dieselben, die Aufgabenaufteilung zwischen Krankenpflege und Ärzteschaft unverändert und auch das Krankenhausgefüge arbeitet mehr oder minder unverändert. Dennoch haben meine Kollegen und ich alle dasselbe Schreiben am Vortag erhalten, wurden von der höchsten Führungsebene des Krankenhausverbundes angeschrieben und dazu aufgefordert, uns mit einer seit vielen Jahren wohl übersehenen Gefahr zu beschäftigen, dem Sexismus.

Sexismus ist also im Juni 2018 zur Chefsache erklärt worden und in aller Direktheit schreibt uns einer der Leiter unseres großen Verbundes an, um zu diesem Thema aufzuklären. Mehrere Seiten Dokumente habe ich erhalten und als gewissenhafter Arzt lese ich sie mir durch, zwar nicht ganz ein etwas zynisches Lächeln verkneifen könnend („schon wieder eine Gängelung“), dennoch alles ernsthaft mir zu Gemüte ziehend.

Es wird eindringlich geschildert, was als sexuelle Diskriminierung gelte („alles, was irgendwie stört“), wo man Hilfe finde und wer wann zu benachrichtigen sei. Natürlich gibt es eigens dafür eingerichtete Telefonnummern und kleine Kärtchen fürs Portemonnaie, passend vom Format zu denjenigen, die manche Kollegen schon in früheren Jahren zu Themen wie Altersdiskriminierung, Homophobie, Xenophobie, Islamophobie und Rassismus erhalten haben.

Im Alltag scheint dieses Schreiben nach außen hin keinen Unterschied gemacht zu haben. Die Krankenschwestern und ich machen unsere Visite weiter wie seit eh und je, und das Gespräch dreht sich um Krankheit, Therapie und gelegentlich um Privates. Doch da, plötzlich: Einer der Patienten macht der mich begleitenden Krankenschwester ein nettes Kompliment, und erst hier merke ich wie diese Kampagnen doch ihren Eindruck hinterlassen.

Ganz ehrlich, ich würde mich nicht trauen so mit der Krankenschwester zu reden und empfinde eine Mischung aus Melancholie, Scham, aber auch Neid, dass der Patient diese Freiheit hat die ich nun aus diversen Gründen heraus mir nicht mehr traue. Diese Kampagnen wirken tatsächlich und machen das Arbeitsumfeld nüchterner und sachlicher. Doch ganz ehrlich, ich kann mich nie ganz entscheiden, ob ich das als Gewinn oder Verlust verbuchen soll und überlasse dem Leser das abschließende Urteil.

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Yannick 17
am Mittwoch, 4. Juli 2018, 18:31

Eher ein Verlust

Zwischenmenschliche Beziehungen leben von den Spannungen. Den Aspekt der sexuellen Anziehung aus unseren Beziehungen zu tilgen, macht sie langweiliger.
Andererseits wandelt man bei der Sexualität auf einem schmalen Grat und nicht wenige denken dabei leider nur an sich. Auch unter Ärzten gibt es (früher mehr) Männer, die Frauen nicht sozial verträglich behandeln. Dazu gehören nicht nur unangemessene Bemerkungen, die über Komplimente weit hinausgehen, sondern auch Angrabschen von Ärtzinnen, die sich vor der OP eingewaschen haben und bei Gegenwehr wieder unsteril würden. Weitergehenden Missbrauch von Ärzten gegenüber Schwestern gibt es auch, wenngleich zum Glück sehr selten.
Genau an diejenigen, die ihre Triebe nicht kontrollieren können oder wollen, richten sich solche Anweisungen. Nicht an Menschen wie Sie. Nicht hysterische Frauen würden Sie doch nicht wegen einem netten Kompliment melden.
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