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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Kein Stationsarzt vor Ort – nur noch Fernbehandlung

Mittwoch, 27. Juni 2018

Die Krankenhausdirektorin hatte mich zu sich gebeten. Ich half einmal wieder in einem ländlichen Krankenhaus aus und weil ich das seit Jahren tue, habe ich eine Art Mitspracherecht bei größeren Entscheidungen. Das Krankenhaus leidet darunter, dass es nicht ausreichend Geld hat um hohe Gehälter zu zahlen und entsprechend sind das Pflege- und vor allem Arztpersonal chronisch unterbesetzt, das Krankenhaus stets an der Grenze der Arbeitsfähigkeit.

Hier helfe ich also öfters aus, und die Krankenhausdirektorin sucht seit Jahren nach einer langfristigen Lösung, wobei ihr die Hände aus finanzieller Sicht gebunden sind. Nun also versucht sie eine Lösung zu finden, in dem sie eine Firma für Fernbehandlung engagiert und Stationsärzte vor Ort durch Fernbehandlungsinternisten ersetzt.

Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Diese Firma – ich nenne absichtlich keinen Namen um keine Werbung zu machen – kassiert einen bestimmten Stunden- und Patientenbetrag ab und bietet im Gegenzug eine medizinische Fernbehandlung an. Ohr und Auge des virtuellen Arztes sind das Mikrofon und die Videokamera eines kleinen Gerätes, das Krankenpflegepersonal sind sozusagen seine Hände.

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Die gesamte internistische Station soll virtuell abgedeckt werden: Wenn ein Patient aufgenommen wird, begrüßt ihn zwar eine Krankenschwester reell, also analog, aber der Arzt ist nur noch digital vorhanden, also virtuell. Er macht seine „Aufnahme“, „Visite“ und „Entlassung“ via Lautsprecher, Mikrofon und Videokamera, und Interventionen werden vom Chirurgen gemacht, quasi als ausführende Hand dieses virtuellen Internisten. Übrigens wird diese Firma auch Notfälle elektronisch-virtuell abdecken, zumindest verspricht sie das.

Ich wurde nun also gefragt, was ich von diesem System halte (meine Antwort: nicht viel) und ob es zunächst nachts oder gleich ganztägig eingeführt werden solle (meine Meinung: erst nachts). Mir stehen beim Gedanken an diese Virtualität selbst jetzt noch die Nackenhaare zu Berge, denn das Arztdasein ist viel mehr als nur ein kognitiver Akt basierend auf abstrakten Patientendaten.

Alleine schon die ärztliche Anwesenheit kann eine heilende Wirkung haben – falsch vereinfachend manchmal als „Placeboeffekt“ bezeichnet – doch auch die Visite selbst ist ein besonderer, ja, ich meine sogar heiliger, Moment zwischen Arzt, Patient und Krankenpflege. Ich hoffe daher nicht, daß diese Virtualität die Zukunft der Medizin ist. Falls doch, dann graut es mir davor, was uns als Menschheit noch alles erwartet und welche Auswirkungen das auf zwischenmenschliche Beziehungen haben wird.

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