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Gesundheit! Das Internet ist voll von medizinischen Ratschlägen. Viele sind gut gemeint. Manche sind skurril. Nicht alle halten, was sie versprechen. Hinter manchen vermeintlich harmlosen Tipps verbergen sich materielle Interessen. Unser Autor rme recherchiert, was evidenzbasiert ist und was nicht.

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Immer mehr Menschen greifen zum medikamentösen Hirndoping

Dienstag, 24. Juli 2018

Obwohl ein klinischer Nutzen für ausgeschlafene Menschen ohne Aufmerksamkeits­defizit-/Hyper­aktivitätsstörung (ADHS) nicht sicher belegt ist, greifen immer mehr Menschen zu Medikamenten, um ihre geistige Leistungsfähigkeit bei bestimmten Anlässen zu steigern. Laut einer aktuellen Querschnittstudie hat der Missbrauch in den letzten Jahren weiter zugenommen.

Der Global Drug Survey (GDS), den zwei Psychiater 2011 in London gegründet haben, führt mit Unterstützung der Medien regelmäßig Befragungen zum Drogenkonsum durch. Die Ergebnisse sind zwar nicht repräsentativ, sie machen im Längsschnitt jedoch Trends sichtbar. Zu den Drogen gehören auch die Wirkstoffe Methylphenidat (etwa Ritalin) oder Modafinil (etwa Modalert), die zur Behandlung des ADHS beziehungsweise der Narkolepsie zugelassen sind. In den USA wird auch Adderall missbraucht. Die Mischung aus Dexamphetamin und Amphetamin ist dort zur Behandlung des ADHS zugelassen.

Die Mittel steigern die Aufmerksamkeit oder die Wachheit, was bei Patienten mit ADHS oder Narkolepsie die Fähigkeit verbessert, sich in Tests zu konzentrieren. Ob Menschen ohne ADHS oder Schlafstörungen davon profitieren, ist umstritten.

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Die Bedenken der Experten scheinen eine steigende Zahl von Menschen jedoch wenig zu kümmern. Wenn es darum geht, sich in einem für die eigene Laufbahn wichtigen Test einen Vorteil zu verschaffen, sind vielen Menschen alle Mittel recht.

Hatten bei der GDS-Umfrage von 2015 erst fünf Prozent der Befragten angegeben, sie hätten in den letzten zwölf Monaten wenigstens zu einem Anlass zu „medikamentösen kognitiven Verstärkern“ gegriffen, so waren es im Jahr 2017 bereits 14 Prozent.

Die Neigung zum Hirndoping ist in einzelnen Ländern unterschiedlich stark. In den USA benötigten fast 30 Prozent im letzten Jahr wenigstens einmal den Aufmerksamkeitskick aus der Apotheke (gegenüber 20 Prozent im Jahr 2015).

Noch deutlicher war der Anstieg in Europa. In Frankreich stieg der Anteil von drei Prozent im Jahr 2015 auf 16 Prozent im Jahr 2017, in Großbritannien sogar von fünf auf 23 Prozent. Auch in den Niederlanden, in Kanada, Irland, Australien und Ungarn hat der Einsatz stark zugenommen, berichten Larissa Maier und Mitarbeiter von der Universität von Kalifornien in San Francisco, die keine Angaben zur Verbreitung in Deutschland machen.

Die Verbreitung der Neuro-Enhancer korreliert mit den Verordnungszahlen. Die meisten Konsumenten gaben an, dass sie die Mittel von befreundeten Patienten erhalten haben. Die Mittel werden jedoch auch im Schwarzmarkt oder im Internet gehandelt. Nur wenige Konsumenten erhielten sie direkt von ihrem Arzt. Der Aufwand, die Erkrankung glaubhaft zu simulieren, dürfte den meisten zu hoch sein, zumal sie die Mittel in der Regel nur vor Prüfungen einnehmen. Die meisten scheinen wohl zu ahnen, dass sie ihnen beim Lernen nicht helfen werden.

Der beste kognitive Verstärker ist aus Sicht von Experten ein ausgeschlafener Zustand. Auch Sport kann die geistigen Fähigkeiten verstärken. Wer entspannt mit dem Rad zur Prüfung fährt, ist möglicherweise ausgeruhter als der Prüfling, der sich in letzter Minute in U- oder S-Bahn auf die Prüfung vorbereitet. Musik, Yoga oder Meditationen können ebenfalls für die notwendige Ausgeglichenheit vor einer Prüfung sorgen.

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Avatar #750507
Dr. Larissa J. Maier
am Freitag, 3. August 2018, 22:20

Berichtigung: Zahlen aus Deutschland sind enthalten!

Leider haben sich in dieser Berichterstattung mehrere Fehler eingeschlichen: Deutschland verzeichnet jährlich die grösste Anzahl Teilnehmer/innen beim Global Drug Survey. Für die aktuelle Studie wurden die Antworten von 28,824 (GDS2015) und 10,142 (GDS2017) Personen aus Deutschland ausgewertet. Dies entspricht jeweils einem Drittel der Gesamtstichprobe. Der Konsum von verschreibungspflichtigen und/oder illegalen Stimulanzien und/oder Modafinil im letzten Jahr stieg von 2.9% auf 7.9% an. Damit befindet sich Deutschland zahlenmässig im unteren Feld, beim relativen Anstieg jedoch im Durchschnitt. Die beiden Stichproben sind nicht-repräsentativ, da nur Personen befragt wurden, die an der weltweit grössten Drogenumfrage teilnehmen. Entsprechend wäre zu erwarten, dass diese Personen möglicherweise häufiger als die Gesamtbevölkerung Substanzen zur kognitiven Leistungssteigerung einsetzen, aber dies scheint nicht der Fall zu sein. Die Interpretation der Resultate ist aufgrund der grossen Stichprobe und der Vergleichbarkeit der Stichproben zu den beiden Erhebungszeitpunkten valide. Weitere länderspezifische Daten sowie die Diskussion der Resultate sind ebenfalls in der Publikation im IJDP zu finden. Der Global Drug Survey wurde vom Psychiater Adam Winstock aus London ins Leben gerufen (nur eine Person) und wird bis heute eigenständig finanziert (ist also kein Produkt der UCSF). Jason Ferris forscht in Australien und Larissa Maier ist somit die einzige Autorin, die aktuell in San Francisco an der UCSF tätig ist; keine weiteren Personen von der UCSF haben an dieser Publikation mitgewirkt.
Avatar #749369
Ambush
am Samstag, 28. Juli 2018, 14:59

ADHS-Skeptiker mit ADHS

Neben diversen Esoterikern gibt es unter ADHS- und Ritalin-Gegnern auch allzu viele Personen, die in Wahrheit selbst von ADHS betroffen sind. Das ist ein bischen so, wie mit den evangelikalen Hetzern gegen Schwule in den USA , bei denen manche in Wahrheit selbst schwul sind und ihren persönlichen Komplex damit verdrängen. Auch unter ADHSlern gibt es viele Ritalin- und ADHS-Gegner.

Die massive Quantität von ADHS in der Bevölkerung scheint erfreulicherweise mehr und mehr durchzudringen, sowohl bei Journalisten und langsam aber sicher auch bei der Ärzteschaft. Thumbs Up!

Zu dem obigen Artikel: in Deutschland wird in der Tat verglichen mit kulturell eher angloamerikanisch beeinflussten Ländern (UK, Irland, Holland, Dänemark) die medikamentöse Therapie bei ADHS sehr zurückhaltend eingesetzt. Das ist nicht unbedingt positiv zu bewerten. Ich selbst hätte ohne die Therapie mit dem Standard-Medikament bei ADHS niemals mein 1er-Abitur erreichen und mein Studium abschließen können, sondern wäre möglicherweise ohne irgendwann als Junkie am Bahnhof gelandet.
Je weiter man in Europa nach Osten kommt, desto kulturell rückständiger ist man (auch) in Sachen ADHS . In Russland z.B. ist Methylphenidat generell verboten und die schärftsen Ritalin-Gegner in Deutschland findet mna bei der AfD. Und auch in Deutschland wird Methylphenidat mangels adäquater ärztlicher Versorgungslandschaft für ADHS eben sehr oft im Internet bestellt (persönlich in der Vergangenheit solche Fälle mitbekommen). Dass die große Mehrheit der sogenannten Hirndoper (es geht bei der Hirndoping-Debatte in Wahrheit nur um Ritalin und nur um ADHS , die parallel genannten Wirkstoffe Modafinil etc. haben nur Alibi-Funktion, um zu verschleiern, dass es nur um Ritalin geht) verkappte Fälle von undiagnostiziertem ADHS sind und es dieses Hirndoping als verkappte Therapie der ADHS seit mindesten den 60er Jahren gibt, wird auch von den meisten Psychiatern leider nicht verstanden. Zuletzt gab es eine “bemerkenswerte” Studie über die Häufigkeit von ADHS in der Allgemeinpsychiatrie mit Prof. Arno Deister (Präsident der DGPPN und damit ein absolutes Schwergewicht) als Co-Autor http://news.doccheck.com/de/blog/post/8424-59-prozent-von-patienten-der-allgemeinpsychiatrie-haben-adhs/ das Erbenis dieser Studie mit in dem Fall 59% ADHS in der Allgemeinpsychiatrie ist so brachial , dass die möglichen Konsequenzen vielleicht noch gar nicht durchgedrungen sind.
Mal angenommen, diese Studie mit 59% verkapptem ADHS in der Allgemeinpsychiatrie stimmt, das bedeutet, dass seit Anbeginn der modernen Geschichte der Psychiatrie die entsprechendne Patienten nur in ihren Begleit- und Folgeerkrankungen aber nicht ursächlich in ihrem ADHS therapiert wurden. Was das für die persönlichen Schicksale aber auch für die volkswirtschaftlichen Kosten bedeutet, dürfte ebendalls in Quantität und Qualität brachial sein. Wie prognostiziert doch Russel Barkley , der weltweit renommierteste Wissenschaftler bezüglich ADHS, wonach ADHS sich irgendwann einmal als das “zentrale Thema in der Psychiatrie insgesamt herausstellen wird”.

Hier die Studie: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=deister+adhd
das Ergebnis war für viele Leute in der ADHS-Community nicht mal überraschend, von selbst betroffenen Fachleuten wird seit über 30 Jahren auf die extrem hohe Dichte an verkapptem ADHS in der Psychiatrie hingewiesen , und wenn dann mehr und mehr prominente Fälle von ADHS wie “Naddel” , Hirschhausen https://www.stern.de/gesundheit/gesund-leben/eckart-von-hirschhausen/eckart-von-hirschhausen–humor-ist–wenn-man-spaeter-kommt-3808736.html und viele bisher nicht öffentliche Fälle (einer macht gerade Schlagzeilen mit seiner Privatinsolvenz) an die Oberfläche treten, dann lässt das erahnen, dass da quantitativ noch viel mehr sein muss. 10% in Deutschland bei einem Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 (die betroffenen PatientINNEN kommen dann zum Psychiater wegen Depression, Angststörungen, Borderline, Essstörungen usw. nach dem zugrunde liegenden ADHS , das hat der Psychiater meist nicht auf dem Schirm) https://www.refinery29.de/2017/04/151067/mein-recht-auf-adhs
https://www.youtube.com/watch?v=HJ8BBUiwjVc
und die leichtgradigen Fälle miteinbezogen bei einer Persistenz einer zumindest Restsymptomatik von quasi 100% an der Gesamtbevölkerung , das ist auch ein “Markt” , den auch seit einiger Zeit der Journalismus entdeckt hat.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 27. Juli 2018, 12:43

Vorsicht, Fake-News von "Ambush"

Die in der Pharmazeutischen Zeitung publizierte Übersicht
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=77644
bezieht sich auf
"Neurocognitive, Autonomic, and Mood Effects of Adderall: A Pilot Study of Healthy College Students" von Lisa L. Weyandt
http://www.mdpi.com/2226-4787/6/3/58/htm

Und hat nicht das geringste mit Kaffee zu tun, sondern mit:
Adderall® als ein Arzneimittel, das in den USA eine Mischung von Salzen von Dexamphetamin und Amphetamin enthält und für die Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und bei einer Narkolepsie eingesetzt wird. Die Tabletten werden ein- bis zweimal täglich eingenommen. Die Retardkapseln müssen nur einmal täglich morgens verabreicht werden. Die Effekte werden auf die Interaktion mit Neurotransmittersystemen im zentralen Nervensystem zurückgeführt. Amphetamine haben stimulierende, aphrodisierende und euphorisierende Eigenschaften und werden deshalb auch als Smart Drugs („Gehirndoping“) und als Partydrogen missbraucht. Aufgrund der zahlreichen und teils schweren unerwünschten Wirkungen und des Abhängigkeitspotentials ist von einem Missbrauch dringend abzuraten. Zu den möglichen unerwünschten Wirkungen gehören unter anderem Störungen des Herz-Kreislauf-Systems und des Nervensystems. https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Adderall
Avatar #749369
Ambush
am Mittwoch, 25. Juli 2018, 13:28

Kaffee bringt bei Normalpersonen genau so viel wie Ritalin

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=77644
Avatar #749369
Ambush
am Mittwoch, 25. Juli 2018, 12:26

Verkappte Therapie der ADHS

Methylphenidat / Ritalin macht nicht smarter. Es bewirkt, dass der mit ADHS Betroffene das vorhandene Potential abrufen kann, mehr nicht. Entgegen anderslautender Berichterstattung aus der verkaufsorientierten Presse kann man aus einem Dummkopf damit auch kein Genie machen, zumal Methylphenidat bei normalen Menschen eine Wirkung nur wenig stärker als Koffein besitzt. Zudem sind fast sämtliche der sogenannten Ritalin-Doper folgendes: nämlich undiagnostizierte ADHSler. Dieses "Hirndoping" als verkappte Therapie der ADHS - und um nichts anderes als ADHS und Ritalin geht es bei der Hirndoping-Debatte in Wahrheit , die extrem nachrangigen Wirkstoffe Modafinil etc. dienen nur als Alibi-Argument, um zu verschleiern, dass es nur um Ritalin geht - gibt es im Übrigen mindestens seit Mitte der 60er Jahre , wahrscheinlich eher seit den 50er Jahren, damals lief das aber alles ab unter der Oberfläche. Der Hype um Hirndoping ist verkaufsorientierte Fabelwelt der Massenmedien und wird ausgetragen auf den Rücken von mindestens 4 Millionen (eher 6 bis 7 Millionen) mit ADHS Betroffenen in Deutschland , die von einer medizinisch indizierten Therapie mit Stimulantien tatsächlich profitieren würden.
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