Global Health

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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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Gerechtigkeit

Freitag, 20. Juli 2018

Wir alle suchen Gerechtigkeit. Wir suchen Gerechtigkeit im Großen und im Kleinen, im Alltag, in unseren Familien, in Auseinandersetzungen mit unseren Kindern, im Beruf und im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben, in der Politik. Wir vergleichen uns mit unseren Nachbarn und Freunden, wir verspüren Neid und wir empfinden Ungerechtigkeit in Betrachtung vermeintlichen Glücks, Wohlstands und Reichtums anderer verglichen mit unserem eigenen Unglück und unserer Armut. Genauso bedauern wir aber auch die Not unserer Mitmenschen, fühlen uns ein in das Leid von Freunden und Fremden in unserer Umgebung oder auch in weiter Ferne. Das Empfinden von Ungerechtigkeit und unser Mitleid veranlassen uns zu mildtätigen Spenden, zu barmherziger Unterstützung und Hilfeleistung.

Wir alle suchen Gerechtigkeit, ungerechte Situationen und Ordnungen verursachen in den meisten von uns ein Unrechtsempfinden und das Bedürfnis, dieses Unrecht aufzulösen. Diese Auflösung misslingt jedoch häufig, denn häufig treten unterschiedliche Ansichten von Gerechtigkeit in Konflikt miteinander. Gerechtigkeit ist nicht absolut. Unterschiedliche ethische Konzepte von Gerechtigkeit können miteinander in Konflikt geraten, sich widersprechen oder sogar ausschließen. Die Bewertung einer Situation im Sinne einer konsequentialistischen Ethik, die den moralischen Wert einer Handlung oder Entscheidung anhand ihrer Auswirkungen beurteilt, kann leicht in Konflikt mit dem Urteil einer Bewertung im Sinne einer deontologischen Ethik geraten, nach der Handlungen zunächst unabhängig von ihren Konsequenzen als intrinsisch gut oder schlecht betrachtet werden, wenn sie entsprechend und aufgrund einer verpflichtenden ethischen Regel erfolgen.

Gerechtigkeit auf der einen Seite und Mitleid und Mildtätigkeit auf der anderen Seite sind nicht identisch und nicht deckungsgleich, oft schließen sie sich sogar aus. Egal nach welchem Gesetz oder nach welcher (ethischen) Theorie wir Gerechtigkeit in einer bestimmten Situation beurteilen, so ist doch Gerechtigkeit etwas, das jemand nach einem spezifischen Recht einfordern kann, auf das er oder sie ein Anrecht hat. Anders ist dies mit Mildtätigkeit und barmherziger Hilfe, die mir aus Mitleid zuteilwerden, für die ich zu Dank verpflichtet bin und die ich nicht rechthaft einfordern kann.   

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Im globalen Zusammenhang, im Umgang mit fremden, meist ärmeren Ländern und mit den Menschen in diesen Ländern vermischen wir diese beiden Aspekte, Gerechtigkeit und Mildtätigkeit, oft, wir schaffen damit falsche und unangemessene Bewertungsgrundlagen und verhalten uns häufig unangemessen und ungerecht.

Die grundlegenden Ursachen von Armut und Krieg, Menschenrechtsverletzungen und Klimawandel und damit die grundlegenden Ursachen von Flucht und Migration sind Ungerechtigkeiten der Weltordnung. Eine gerechte Welt ist wünschenswert und das Ziel vieler, jedoch ist absolute Gerechtigkeit eine Utopie. Eine gerechte Welt ist eine Utopie, weil bereits die Einigung auf eine grundlegende Konzeption der Gerechtigkeit scheitern muss, sie ist außerdem eine Utopie, da zu viele und zu mächtige Partikularinteressen vorherrschen, die sich einer breit vorherrschenden Gerechtigkeit entgegenstellen und ihr entgegenwirken.

Jedoch, eine gerechtere Welt als die vorherrschende ist möglich und wir sind angehalten, diese zu suchen und an ihrer Umsetzung zu arbeiten. In einer utopischen Welt absoluter Gerechtigkeit spielen Mildtätigkeit und Barmherzigkeit eine untergeordnete Rolle oder sie erübrigen sich. In einer ungerechten Welt, in der Not und Elend nicht nur ungerecht sind, sondern auch durch andere Ungerechtigkeiten aufrechterhalten werden, hat jedoch Mildtätigkeit eine wichtige Rolle, um den gesellschaftlichen Frieden und die gesellschaftliche Stabilität aufrechtzuerhalten.

Wir sollten aber beachten, dass Mildtätigkeit genau diesen Frieden und diese Stabilität auch untergraben kann. Diese Gefahr besteht, wenn wir Mildtätigkeit als gleichwertigen Ersatz für Gerechtigkeit und als Ausgleich für Ungerechtigkeiten wählen. Die Basis von Mildtätigkeit sind Empathie und Mitleid, und daher besteht immer ein hierarchischer Abstand zwischen Geber und Beschenktem, der leicht zu Spannungen zwischen Selbstgefälligkeit und moralischer Selbstüberhöhung des Gebers und zu Unterwürfigkeit und unangemessener Ergebenheit des Nehmers führt.   

Mildtätigkeit darf kein Ersatz für Gerechtigkeit werden, sondern lediglich als vorübergehendes Mittel genutzt werden, die Folgen von Ungerechtigkeiten zu mindern, bis diese beseitigt werden konnten. Die Beseitigung von Ungerechtigkeiten muss dabei konsequent und rasch vorgenommen werden, dies ist eine vordringliche moralische Verpflichtung.

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