Global Health

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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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Global Health

Ebola

Mittwoch, 8. August 2018

Es ist vermutlich die angsterregendste Infektionserkrankung unserer Zeit – das Ebolafieber. Der Erreger ist ein Virus, das unerwartet aus der Wildnis auf den Menschen übertritt, um sich rasch von Mensch zu Mensch auszubreiten. Das Virus ist hochkontagiös und verbreitet sich über den Kontakt mit Körperflüssigkeiten infizierter Personen oder über kontaminierte Gegenstände. Das Beängstigende rührt besonders daher, dass bisher keine wirksame Therapie gegen die Erkrankung existiert und eine Infektion bei bis zu 90 Prozent der Erkrankten zum Tode führt. Impfstoffe sind in den vergangenen Jahren entwickelt worden, jedoch befinden sich alle noch in der wissenschaftlichen Prüfung und sind daher noch nicht in der Routine verfügbar.

Es war ein erleichtertes Aufatmen zu vernehmen, nachdem die WHO am 24. Juli den jüngsten Ebolaausbruch im Kongo für beendet erklärt hatte. Die WHO bedankte sich für die Unterstützung der verschiedenen Akteure, Länder und Organisationen, die schnell auf den Ausbruch, der Anfang Mai erkannt wurde, reagiert und so eine rasche Kontrolle und Eindämmung des Ausbruches ermöglicht hätten. Im Statement der WHO sind auch eine gewisse Genugtuung und ein gewisser Stolz zu vernehmen, die sicher verständlich sind vor dem Hintergrund des fatalen Ebolaausbruchs im Jahr 2014 in Westafrika, dem Tausende Menschen zum Opfer gefallen sind, und bei dem die WHO, wie ihr später vorgeworfen wurde, zu zögerlich reagiert hätte.

Jetzt, Anfang August 2018, gut eine Woche nach der Erklärung, zeigt sich jedoch, dass dieses Aufatmen womöglich zu früh kam. Im Kongo sind erneut vier gesicherte Ebolafälle aufgetreten und es sind mehrere Todesfälle gemeldet worden, bei denen eine Ebolainfektion als Ursache befürchtet wird. Die WHO hat sofort reagiert und gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden der Demokratischen Republik Kongo die Aufklärung eingeleitet, um schnellstmöglich alle notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung einer weiteren Ausbreitung des Virus treffen zu können, um weitere Erkrankungs- und Todesfälle zu vermeiden.

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Als sogenanntes „Signalereignis“ (signal event), also als Ursprung der erneuten Ausbreitung des Virus, wurde eine 65-jährige Frau identifiziert, die am 25. Juli in Mangina in der Region Nord-Kivu im Osten des Kongos gestorben war. Vor ihrem Tod zeigte sie Symptome, die auf eine Ebolainfektion hindeuten können – Fieber, Erbrechen, Nasenbluten, blutige Durchfälle – außerdem starben in den folgenden Tagen sieben weitere direkte Familienmitglieder.

Wie jeder Ebolaausbruch ist auch dieser erneute Ausbruch als ernste Gefahr zu sehen. Die Epidemie in Westafrika 2014/2015 hat gezeigt, wie schnell das Virus außer Kontrolle geraten kann, wie schwer eine solche Epidemie wieder einzudämmen ist und wie viele Todesfälle sie kosten kann. Dieser neueste Ausbruch ist jedoch nochmals bedeutender, denn die lokalen Bedingungen sind besonders hinderlich für eine rasche Kontrolle und Eindämmung. Nord-Kivu ist eine dicht bewaldete Region, fernab der Zentralregierung des Kongo in Kinshasa im Westen des Landes. Die Verkehrsinfrastruktur in der Region ist sehr eingeschränkt, viele Wege sind unbefestigte Straßen und daher nur schwer und unsicher zu passieren, was jegliche Logistik, die zur Aufklärung und Eindämmung der Erkrankung notwendig ist (Aufsuchen von potenziellen Erkrankungsfällen sowie Kontaktpersonen von Erkrankten und Kontaktpersonen der Kontaktpersonen), stark erschwert.

Ein Albtraum aber ist, dass in der Region seit Jahren schwere bewaffnete Konflikte wüten. Mehr als 100 bewaffnete Gruppen kämpfen dort in einem nahezu undurchschaubaren Krieg gegeneinander. Aus Sicherheitsgründen ist daher fraglich, ob alle Maßnahmen so durchgeführt werden können, wie es aus medizinisch-epidemiologischer Sicht notwendig wäre, oder ob die Sicherheitslage die Möglichkeiten der Seuchenbekämpfung einschränken wird. Besonders bedenklich ist, dass in der Region mehrere Millionen Binnenflüchtlinge (internally displaced persons) leben, deren Mobilität eine wirksame Eindämmung des Virus ebenfalls erschweren kann. Hinzu kommt, dass die Region Nord-Kivu eine Grenze zu Uganda und zu Ruanda hat, eine Ausbreitung in die Nachbarländer ist daher zu befürchten.  

Die WHO und die nationalen Gesundheitsbehörden des Kongo haben offensichtlich den Ernst der Lage erkannt und in diesem Fall schnell reagiert. Die Komplexität der Lage führt uns jedoch einige unserer grundlegenden Versäumnisse vor Augen. Seit Jahrzehnten wütet im Kongo ein Krieg, der Millionen Menschen zum Opfer genommen hat, der Millionen vertrieben hat, innerhalb des Landes und in die Nachbarländer. Auch die größte Friedensmission der Vereinten Nationen, MONUSCO (Mission de l'Organisation des Nations unies pour la stabilisation en République démocratique du Congo, Mission der Vereinten Nationen für die Stabilisierung in der Demokratischen Republik Kongo), konnte mit mehr als 15.000 Soldaten in der Region keine anhaltende Stabilität sichern.

Wir wissen, dass auch wir mit unserer Gier nach zum Teil seltenen Rohstoffen und Edelmetallen, von denen viele aus den Konfliktregionen des Kongo stammen, eine direkte Mitverantwortung an diesen Kriegen, Todesfällen und Vertreibungen tragen. Sicher ist es für jeden Einzelnen von uns nicht einfach, gegen diese Fehlentwicklungen anzugehen, wollen wir nicht unser Leben in Wohlstand und mit den gewohnten Annehmlichkeiten einfach aufgeben. Und was würde sich ändern, wenn sich ein Einzelner von uns entschiede, keinen Computer und kein Smartphone mehr zu besitzen und nicht mehr mit dem Auto zu fahren? Umgekehrt gilt aber auch, dass sich nichts an der Situation ändern wird, wenn niemand bereit ist, den ersten Schritt zu gehen.

Und so kann die Lösung nur darin liegen, dass ein breites gesellschaftliches Interesse und eine Initiative entstehen, die nach Lösungen suchen, die auf das Ziel einer gerechteren globalen Wirtschaftsordnung hinwirken. Und es muss Menschen geben, die bereit sind den ersten Schritt zu gehen und diese Lösungen beginnen umzusetzen. Ein erster Schritt ist sicherlich eine ausreichende Nothilfe. Unicef zum Beispiel hat bisher erst 27 Prozent der für 2018 für den Kongo benötigten finanziellen Mittel erhalten – lächerliche 72 Millionen US-Dollar von benötigten 268 Millionen. Im globalen Maßstab sind dies wirklich geringe Summen. Amazon hat zuletzt einen Gewinn von 2,5 Milliarden US-Dollar verkündet – in einem Quartal!

Aber wir dürfen nicht bei der Nothilfe aufhören. Frieden, Wohlstand und damit Sicherheit und Stabilität erreichen wir nur, wenn wir ernsthaft an der Entwicklung der benachteiligten Regionen und Länder interessiert sind und ernsthafte Maßnahmen zu deren Unterstützung treffen. Hierzu gehören deutlich verstärkte Maßnahmen zur Sicherung der Schulbildung für alle Kinder und zum Aufbau differenzierter und leistungsfähiger Gesundheitssysteme. Dies alles wird jedoch nur gelingen, wenn wir den Ländern faire Möglichkeiten einräumen, am globalen Wirtschaftssystem teilzunehmen, und ihnen nicht Steine in den Weg legen, zum Beispiel durch Subventionen in unseren Ländern oder durch Zölle und Handelsbeschränkungen.

Dieser Weg wird kein einfacher werden und er wird auch von uns Einschränkungen abverlangen. Er wird sich aber auch für uns auszahlen. Aktuell sehen wir, dass Menschen, die in ihren Ländern nicht die Lebensbedingungen vorfinden, die sie für ein menschenwürdiges Leben erwarten können, sich diese Lebensbedingungen an anderen Orten, in anderen Ländern suchen, so auch bei uns. Dies stößt bei vielen in unseren Ländern auf Widerstand und es löst Ängste aus. Weitaus größere Ängste wird es aber auslösen, wenn Seuchen wie Ebola sich zu uns ausbreiten und auch bei uns Todesfälle verursachen.

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