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Pflegers Schach med.

Pflegers Schach med.

Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

Amygdala und präfrontaler Cortex jubilieren

Mittwoch, 12. September 2018

Als Dr. med. Matias Jolowicz seine Praxis übergeben hatte und sich vielleicht sogar frei wie ein Vogel des Himmels fühlte, der fortan nicht mehr säen und ernten muss und den doch der Vater des Himmels oder ersatzweise die Ärzteversorgung ernähren wird, beschloss er, seinem Hobby Schach – zweifelsohne ungefährlicher als sein Fahren auf schweren Motorrädern – mehr Raum und Zeit zu geben und die niedersächsische Seniorenmannschaft zu verstärken.

Dort wurde er freudig begrüßt: „Endlich frisches Blut!“ Das hört jeder gern, das geschieht nicht jedem, der sich gerade in den Ruhestand verabschiedet hat.

Cum grano salis war es bei Prof. Dr. med. Peter Krauseneck, dem Chefarzt der Neurologie des Bamberger Klinikums, ähnlich, als er beim Erreichen der Altersgrenze mit 65 mehr nolens als volens seinen Stuhl räumen musste. Seinem Naturell gemäß indes weiterhin recht aktiv. Sei es jetzt in eigener Praxis oder – alles andere als „en passant“ – als 1. Vorstand bei der Rettung des einst ruhmreichen, aber dann moribunden Schachklubs 1868 Bamberg, den er gerade in seinem Jubiläumsjahr zum 150-jährigen Bestehen mit zahlreichen Veranstaltungen wieder zu alter Blüte führt(e).

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Nun könnte man meinen, das ist aber genug. Weit gefehlt. Peter ist einer, der hoffnungslos von der Schachgöttin Caissa – einer im Übrigen höchst launischen Göttin, worauf schon ihre Schachpartie gegen den Kriegsgott Mars hinweist (darüber mehr vielleicht einmal an anderer Stelle) – infiziert ist.

So organisiert er nicht nur bestens Turniere, sondern nimmt gleichzeitig auch an ihnen teil. Solange dies im Rahmen des Bamberger Schachklubs und Jubiläumsjahres geschieht, könnte man vielleicht mit Nachsicht noch darüber hinwegsehen. Selbstverständlich betrachten wir auch seine stete Teilnahme am Deutschen Ärzteturnier – wie die höchst verdienstvolle Aufstellung von Dr. med. Branko Spasojevic zeigt, ist er einer der sieben Aufrechten, die an allen bisherigen 26 Turnieren teilgenommen haben – mit einem wohlwollenden Auge, zumal er heuer, gerade recht zum Jubiläum des Bamberger Schachklubs, sogar wieder Deutscher Ärztemeister geworden ist.

Doch musste er auch noch an der Mannschafts-WM der Senioren in Radebeul teilnehmen?! Im Team der „Schwäbischen Franken“ – so etwas gibt es auch nicht alle Tage. Und noch weniger, dass diese aparte landsmannschaftliche Melange recht gut abschneidet und – natürlich gewann Russland – hinter „Deutschland 1“ und „England 1“ unter 61 Teams den sechsten Platz erreicht. Selbstredend nicht zuletzt dank Prof. Krauseneck.

Unter anderem musste er als „schwäbisch-fränkischer Zwitter“ (immerhin stammt er aus Sigmaringen, wo wir uns in grauer Vorzeit kennenlernten, als ich dort bei der Bundeswehr „das Vaterland verteidigte“) gegen den für „Deutschland 2“ (diese wurden letztlich sogar Dritter) spielenden internationalen Meister Anatoli Donchenko antreten.

Wissenschaftlich untermalt wurde sein Tun noch durch eine Mail seines ehemaligen Würzburger Neurologiekollegen Dr. med. Willibald Kohlhepp:

„Hallo Peter,

Dein Schachhobby ist aus neurophysiologischer Sicht ein fast perfektes, wünschenswertes Tun. Du lernst und trainierst erfolgreiches (Anmerkung des Chronisten: Wenn es denn immer so wäre!) Handeln; das setzt voraus, dass Du Dich gut erinnerst, assoziativ denkst, neue Wege und Lösungen suchst und – ‚decision making’ heißt das Loswort – Dein logisches und assoziatives Denken immer weiter verfeinerst.

Und – Du spielst ja nicht alleine z. B. gegen einen Computer, nein, Du spielst in einem sozialen Kontext – Du bedienst Deine Amygdala und Deinen Gyrus cinguli, den vorderen Anteil, schaffst Freude und Emotion, bei Dir und den anderen, Du arbeitest aus der VTA (ventrale tegmentale Area) über die Amygdala zum präfrontalen Cortex mit dem reward-system und übst das motorische Lernen, Du bedienst Deinen Hippocampus, beim Ziehen (Motorik durch Figuren verschieben) bedienst Du die frontal-motorischen Assoziationsfelder, arbeitest mit dem prämotorischen Cortex, der supplementären Area, suchst das Brett ab und scannst alle Figuren, bedienst Deine FEF (frontal eye field) und dann, wenn Du feststellst, jetzt hab’ ich den Gegner in die Ecke gedrängt, kommen Glücksgefühle hoch, tja, andere können auch kommen, wenn Du einen Fehler gemacht und fast sekundengleich erkannt hast, das war jetzt falsch ... Emotion pur, fear wird empfunden, ob der Gegner sieht, dass er mich mit dem oder jenem Zug in Bedrängnis bringen kann, vielleicht (ganz kleine Hoffnung) übersieht er den Erfolgszug, den ich sehe ... wow, was für ein Feuerwerk in your brain ...“

Und so geht’s noch, stets wissenschaftlich und zusätzlich mit viel Biochemie unterfüttert, weiter und schließlich: „Na gut, da hab’ ich nun über das Ziel hinausschießend stark vom wirklichen Schachspiel abgelenkt und eher gesagt, was der Neuroscientist und nicht der Schachmeister sich dabei denkt ... aber Du spürst meine Hochachtung und meinen Respekt.

Liebe Grüße

Willi“

Den wollen wir dem Objekt solcher Wertschätzung nun auch zollen und uns die kritische Stellung gegen Donchenko anschauen.

(wKg1, Th7, Le3, Ba2, c6, f2, g4, h5;
sKe4, Tb2, Th3, Bb6, c7, e5, g6, h6)

In Zeitnot schlug Prof. Krauseneck als Schwarzer mit 1...gxh5 prosaisch den weißen Bauern h5 und gewann bald. Wie hätte er aber stattdessen ein unentrinnbares, vierzügiges Mattnetz knüpfen können?

Lösung zeigen

Nach 1...Tb1+! 2.Kg2 Th3-h1! droht 3...Ta1-g1 matt. Das einzige Hilfsmittel resp. Aufschub ist 3.f3+, aber nun wird es nach 3...Kxe3 unweigerlich im nächsten Zug durch 4...Ta1-g1 matt.

In der fieberhaften Vorausberechnung in Zeitnot hatte Peter Krauseneck das mögliche Schlagen mit 3...Kxe3 übersehen, was jeder Schachspieler, dem schon Gleiches widerfuhr, nachempfinden kann – der Neurowissenschaftler findet dazu noch die „schuldigen“ Hirnanteile und biochemischen Prozesse.

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