Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

„Ich verklage Euch“

Donnerstag, 20. September 2018

Es war einmal wieder so weit: Ich hatte einen 52-jährigen Mann aufgenommen, der seine Medikamente unter zweifelhaften Vorwänden abgesetzt hatte und nun mit hieraus resultierenden Schmerzzuständen behandelt werden wollte. Am Anfang verlief die Behandlung gut, doch nach einem halben Tag schien sie ihm nicht zu genügen und er schlich sich nach draußen, um zu rauchen, brachte sogar einmal ein Messer zurück, welches unser Sicherheitsdienst ihm sogleich abnahm, was ihn verärgerte („Das ist doch nur ein kleines Messer, um mir mein Obst zu schneiden“, so die Begründung für sein Schneidewerkzeug).

Weitere zwölf Stunden später hatte sich seine Wut dermaßen aufgebaut, dass er das Krankenpflegepersonal nun wegen Nichtigkeiten beschimpfte und deshalb trafen wir – zwei Krankenschwestern, ein Mann vom Sicherheitsdienst, ein Psychiatriepfleger, der Direktor der Krankenpflege und ich als behandelnder Arzt – uns abends auf der entsprechenden Krankenhausstation zur Krisen- und Lagebesprechung.

Drei Minuten berieten wir uns, und dann gingen wir vier Männer ins Patienten­zimmer und begannen ein Gespräch mit dem Patienten. Wir sprachen über die Notwendigkeit eines konstruktiven Miteinanders, über die Wichtigkeit seiner Therapie, und gerade als das Thema auf sein unerlaubtes Rauchen und Verlassen der Station kam, wurde jener Patient extrem wütend.

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Kurz machte er den Fehler, uns zu bedrohen, doch als klar wurde, dass er dann trotz seiner hünenhaften 193 Zentimeter Körpergröße und imposanten Statur in wenigen Minuten gefesselt am Boden liegen würde, gegebenenfalls ergänzt um einige Elektroschocks aus der Pistole unseres Sicherheitspersonals, schwenkte er um und sprach das aus, was wir Ärzte und Krankenpflegepersonal oft hören: „Ich verklage Euch. Und dann müsst Ihr diesen Laden hier schließen“, neben den gefühlt fast immer obligatorischen Beleidigungen und Schimpfwörtern.

Ich machte die Entlassungspapiere für den Patienten mit einigen Klicks im Rechner fertig, und nach zehn Minuten war unser Patient auf dem Weg nach draußen, zwar nicht viel ruhiger, aber das Konfliktproblem war für uns gelöst. Auf dem Weg nach draußen telefonierte er via Lautsprecherfunktion, also für uns alle hörbar, mit einem Mann und schrie uns noch zu, dass das sein Rechtsanwalt sei und er uns fertig­machen würde.

Das war für keinen von uns eine gute Entlassung und Situation, doch weit besser als Gewaltanwendung und Eskalation – wobei hier die Gewissheit vorherrscht, dass das sehr negative Konsequenzen für den Patienten gehabt hätte, neben seiner sofortigen Inhaftierung durch die Polizei. Aber selbst diese juristische Drohung seitens des Patienten blieb bei uns noch auf Tage hin haften, wie ich bei späteren Gesprächen mit den Beteiligten und mir selbst feststellte. Doch so sind die USA eben, hier gehören juristische Drohungen zum Alltag. Tatsächlich werden mehr als 50 Prozent aller Ärzte mindestens einmal im Laufe ihrer Karriere verklagt, manche oft mehrfach – ein wenig gewöhnt man sich schon an dieses Drohszenario.

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