DÄ plusBlogsPflegers Schach med.Das Leben ist ein Spiel – Loblied auf den Homo ludens
Pflegers Schach med.

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Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

Das Leben ist ein Spiel – Loblied auf den Homo ludens

Dienstag, 9. Oktober 2018

Gelegentlich treffe ich in einem Münchner türkischen Café mit dem für Schachspieler verheißungsvollen Namen „Revolutionscafé 64“ den auch aus Bamberg stammenden Großmeister Michael Bezold zum Mittagessen mit anschließenden Blitzschachpartien.

Dabei ist auf der einen Brettseite ein Mühlefeld abgebildet, auf der anderen die uns bekannten 64 Felder. Daran wurde ich erinnert, als mir neulich in einer Zeitschrift für Nervenärzte die fettgedruckte Überschrift „Vom Mühle- zum Schachspiel“ in die Augen sprang, wobei die Fortschritte in der Behandlung der MS in den letzten Jahren angesprochen wurden: „Wir haben uns als MS-Behandler quasi vom Mühle- zum Schachspieler entwickelt“, wurde Prof. Dr. Tjalf Ziemsen aus Dresden zitiert. Wir wollen hierbei die implizite Prämisse, dass Schach letztlich besser als Mühle sei, einmal nicht hinterfragen. Eigentlich auch „wurscht“ – Hauptsache, es macht Spaß und ist so auch gesund!

Vor einiger Zeit schenkte mir Michael ein Buch mit Gedichten seines Lieblingsautors Eugen Roth mit dem Titel „Wunderdoktor“, wobei die ärztliche Kunst liebevoll auf die Schippe genommen wird. Darunter auch eines mit der Überschrift „Homo ludens“:

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„Der homo faber, homo prudens,
Gilt mehr uns als der homo ludens,
Der scheinbar unnütz faule Bruder –
Gar, wenn er noch ein armes Luder.
Und doch ist der, oh Mensch, erkenn’s!,
Der wahre homo sapiens,
Der, bis zum letzten Tag ein Kind,
Des Lebens ernstes Spiel gewinnt.“

Ganz im Einklang mit der bekannten Maxime Friedrich Schillers „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ und der letzten Strophe des schönen Abschiedslieds (welches wir bei den Pfadfindern gern gesungen haben):

„Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis,
das Leben ist ein Spiel,
und wer es recht zu spielen weiß,
gelangt ans große Ziel.“

Zurück zum Schachspiel. Es ist letztlich völlig gleichgültig, ob man eine tiefschürfende weltmeisterliche Kombination genießt oder sich am eigenen, notgedrungen fehlerhaften Spiel erfreut, ob man am Mädlerschen Buchstand beim Ärzteschachturnier das Buch des Titels „1.e4 gewinnt!“ oder direkt daneben „1.d4 siegt!“ (vielleicht erscheint bald „Setze matt mit 1.g4!“) erwirbt, es muss einem gefallen.

Streit darüber ist ohnehin müßig. Einst erklärte mir der ehemalige sowjetische Weltmeister und damals eingefleischte 1.e4-Spieler Anatoli Karpow, warum dieser Anfangszug mit dem Königsbauern doch etwas besser als die Alternativen sei, bis er schließlich zu 1.d4 überging. Als ich ihn später auf seine einstige Aussage ansprach, lächelte er nur.

Beim letzten Ärzteschachturnier in Bad Homburg spielte ich ein Uhren-Simultan an zwölf Brettern, wobei die Bedenkzeit auf jeweils 90 Minuten beschränkt war. Dabei kam es in meiner Partie gegen Dr. med. Dirk Röhlich aus Trier, die nicht nur er als spannend empfand und in der ich am Abgrund wandelte – der psychoanalytische Terminus „Angstlust“ beschreibt es gut –, zu dieser Stellung:

(wKb1, Df6, Tg1, Sg3, Bc3, f5, g2, h2;
sKg8, Db2, Te8, Lb7, Ba5, f7, g5, h6)

Mit welcher kleinen Kombination konnte ich als Schwarzer am Zug mattsetzen?

Lösung zeigen

Mit dem Damenopfer 1...Dxg2+! Dr. Röhlich gab schon auf, weil er nach dem erzwungenen 2.Txg2 Te1+ 3.Sf1 Txf1 matt wäre – der Turm g2 ist durch den Läufer b7 gefesselt.

Ursprünglich wollte ich 1...Lxg2+! spielen, was nach 2.Txg2 Te1+ 3.Tg1 Db7+! auch zum Matt geführt hätte – nur die (sinnlosen) Opfer von Dame und Springer können es um zwei Züge verzögern. 

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