Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Der Chiropraktiker

Dienstag, 23. Oktober 2018

Als im August dieses Jahres, also 2018, mein – zumindest aktuell – jüngster Sohn geboren wurde, war die Geburt nicht ganz komplikationslos. Es war eine regelrechte Sturzgeburt und aufgrund des hohen Geburtsgewichtes von etwas über fünf Kilogramm brach sich der arme Bub das rechte Schlüsselbein beim Übergang in die extrauterine Welt. Lag es nun an dieser skelletalen Fehlstellung oder einfach an seinem Gemüt, dass er die ersten Wochen nach seiner Geburt sehr viel, manchmal unentwegt schrie und schlecht schlief?

Kindergeschrei mag Zukunftsmusik sein, aber schrilles Säuglingsgeschrei lässt starke Emotionen aufsteigen, die oft nicht zu den positiven zu rechnen sind. Entsprechend intensiv war meine Suche nach Behandlungsstrategien: Probiotikagabe, diverse Kräutersäfte, Wärmekissen, verschiedene Schlafpositionen, Erdung und noch vieles mehr. Am Ende überzeugte ich meine Partnerin, doch einmal einen Säuglings­chiropraktiker aufzusuchen, übrigens auch für ein muskuläres Problem, das bei mir schon seit Längerem besteht. Es war mein erster Besuch bei einem Chiropraktiker.

Diese Berufsgruppe ist im englischsprachigen Raum, vor allem den USA, Kanada und Australien, weit verbreitet und sehr beliebt. Knapp ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung hat schon Behandlungen bei Chiropraktikern gehabt, und man findet solche Praxen in fast jeder größeren Ortschaft des englischsprachigen Nordamerikas. Ohne zu sehr auf die Details dieses Feldes einzugehen, so handelt es sich hierbei um ein nicht schulmedizinisches, also alternativmedizinisches, Gebiet, welches im 19. Jahrhundert von einem in Kanada geborenen Amerikaner, Daniel David Palmer, entwickelt wurde. Es hat in manchem Ähnlichkeiten und damit Überlappungen zur Osteopathie, der manuellen Medizin und auch dem, was etwas negativ von einem Knochenbrecher gemacht wird, also dem Einrenken von Gliedmaßen und Wirbeln.

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Bei einem Chiropraktiker werden durch manuelle Druckausübung, dem Anwenden bestimmter Hebelpositionen und -kräfte wie auch Zug und Drehung Knochen, Gelenke und Muskeln beziehungsweise Muskelgruppen bewegt, oft ruckartig, manchmal aber auch graduell. Gelegentlich ploppt es, manchmal aber verschiebt sich nur spürbar etwas im Bewegungsapparat des Patienten. Vor allem die Wirbelsäule ist beliebtes Anwendungsareal, wobei Auswirkungen dieser Behandlungen auf verschiedenste Symptome und Krankheiten nachgesagt werden, seien es Schmerzzustände, Verdauungsschwierigkeiten oder selbst Asthma, vieles übrigens ohne wissenschaftliche evidenzbasierte Bestätigung.

Während ein Erstgespräch durchaus eine halbe Stunde dauern kann und auch eine Untersuchung beinhaltet, sind die eigentlichen Therapiesitzungen oft nur fünf bis zehn Minuten lang. Ein solcher Chiropraktiker hat das Recht in den USA, sich mit dem Titel „Doctor“ zu bezeichnen und wird auch oft so von Patienten genannt – „Dr. Palmer“ würden viele zum Beispiel zum Gründer der Chiropraktik sagen. Das wirkt gegebenenfalls etwas befremdlich, aber da sich in den USA viel mehr Berufgsruppen „Doctor“ nennen als im deutschsprachigen Raum, ist das einfach als kulturelles Phänomen zu akzeptieren. Übrigens studieren sie mit ihren sieben Jahren Gesamtstudiumszeit fast so lange wie Humanmediziner mit ihren acht Jahren. Es gibt 18 Chiropraktikuniversitäten und mittlerweile mehr als 50.000 dieser praktizierenden Chiropraktiker alleine in den USA.

Im Rahmen also dieses Schreikindes ging ich zum ersten Mal zu einem solchen Therapeuten. Mir selber brachten die fünf Sitzungen sehr wenig (und standen Gesamtkosten von 300 US-Dollar gegenüber; meine Kran­ken­ver­siche­rung zahlte nicht für diese Behandlungen), bei meinem Sohn bin ich mir da nicht so ganz sicher: Denn nach insgesamt 17 Sitzungen über vier Wochen scheint er sich gebessert zu haben, schläft besser und schreit weniger. Waren die sanften Einrenkungen der Therapeutin wirklich der Grund für diese Besserung oder einfach das, was bei den meisten Menschen zur Besserung führt, dem Therapeutikum Zeit?

Leserkommentare

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Avatar #643798
hasler
am Mittwoch, 24. Oktober 2018, 11:33

Was Natur und Zeit getan ...

.... sieht unser Stolz als Besserung an.
Avatar #683778
Freudi
am Dienstag, 23. Oktober 2018, 23:42

Wie so häufig....!

Wie sagten unsere Pharmalehrer an der FU Berlin in den 70er Jahren: "Wir sind schon gut, wenn wir den Spontanverlauf nicht negativ beeinflussen!" Ja, wir alle, die wir auf diesem Gebiet tätig sind, sollten viel häufiger daran denken....
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