Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Der austauschbare Arzt

Montag, 8. Oktober 2018

Sonntag früh, der letzte Arbeitstag lag gerade hinter mir, und wie es die schlechte Gewohnheit ist, schweifte mein Blick schon morgens auf mein Telefon. Jeden Tag habe ich im Laufe der letzten anderthalb Jahre zum Teil dutzendeweise elektronische Nachrichten von der Mayo-Klinik erhalten, doch an jenem Sonntag war die Applikation bisher still gewesen. Gewohnheitsmäßig drückte ich darauf und öffnete mein Postfach, nur um festzustellen, dass ich keinen Zugang mehr hatte – man hatte mir tatsächlich wie angekündigt um Mitternacht alle elektronischen Verbindungen zum nunmehr ehemaligen Arbeitgeber gekappt.

Am folgenden Tag lief ich durch das Krankenhausgebäude und sah in einem Schaukasten, in welchem eine Auswahl der Mitarbeiter hängt und bis vor Kurzem auch mein kleines Porträtbild hing, eine andere Person an meiner Stelle hängen.

Von meinem Rentenkonto hatte man auch schon jenen vierstellen Betrag, welchen die Mayo-Klinik als Arbeitergeberzuschuss die letzten anderthalb Jahre mir eingezahlt hatte, wieder vertragsgemäß abgebucht, und ich bin mir sicher, dass meine Kranken- und Zahnversicherungskarten ebenfalls gesperrt beziehungsweise nutzlos sind. Meine Nutzerlaubnis des Mitarbeitersportstudios ist ebenfalls erloschen, und ich will lieber aus Sorge vor einem Strafzettel nicht den Versuch wagen, ob ich noch auf dem Personalparkplatz parken darf.

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Ich habe mich von meinem Arbeitgeber einvernehmlich getrennt, bin gegangen, weil ich mehr Zeit für mein Aushelfen bei anderen Krankenhäusern, all meinen Aktivitäten, meinem Studium, meinen Buchprojekten und meiner Familie brauche. Mein Arbeitgeber hat das voll und ganz akzeptiert, und wir haben beide die viermonatige Kündigungsfrist ordnungsgemäß eingehalten, ich eher widerwillig, der Arbeitgeber eher fordernd.

Vielleicht verletzt mich gerade deshalb dieses kalte Ausscheiden, dieses mechanische Abgekapptwerden, weil ich Menschlichkeit bei meiner Kündigung gezeigt und zum Teil auch empfunden hatte. Wird man wirklich so schnell ausgeschieden aus einem Unternehmen? Ist man wirklich derart schnell vergessen? Sind wir doch alle irgendwie austauschbar, selbst in solchen menschennahen Berufen wie denen des Arztes? Sind wir alles nur noch Zahlen und Konsum- beziehungsweise Arbeitsmaschinen, die mit dem Erlöschen ihrer Funktion einfach weggewischt werden?

Ich scheine in der Illusion gelebt zu haben, dass es bei mir anders wäre, dass ich trotz der enormen Größe meines ehemaligen Arbeitgebers (mehr als 60.000 Angestellte alleine in den USA) als Individuum auch noch nach meinem Ausscheiden irgendwie eine Wichtigkeit beziehungsweise Relevanz hätte. Das war ein Trugschluss.

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