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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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Fortschritte und Herausforderungen im Kampf gegen nichtübertragbare Erkrankungen

Donnerstag, 11. Oktober 2018

In einer Vielzahl, ja, in der großen Mehrheit aller Länder ist die Wahrscheinlichkeit, vorzeitig an einer nichtübertragbaren Erkrankung zu sterben, größer, als an irgendeiner anderen Ursache zu sterben. Von weltweit jährlich etwa 57 Millionen Todesfällen haben mehr als 70 Prozent, über 40 Millionen Todesfälle, eine nichtübertragbare Erkrankung (non-communicable diseases, NCDs) als Ursache (siehe auch Blog-Eintrag vom 26. März 2018).

In der Gruppe der Menschen unter 70 Jahren – unterhalb dieser Grenze werden Todesfälle gemeinhin als vorzeitige oder frühzeitige Todesfälle betrachtet – sind von fast 30 Millionen Todesfällen etwa 17 Millionen (57 Prozent) auf nichtübertragbare Erkrankungen zurückzuführen. Diese Todesfälle lassen sich nicht vermeiden – betrachten wir einen ausreichend langen Zeitraum, ist die Mortalität bei Menschen immer 100 Prozent – aber viele lassen sich aufschieben auf einen späteren Zeitpunkt. Dieses Aufschieben ist geboten, aus wirtschaftlicher, sozialer und moralischer Sicht.

Die Vereinten Nationen haben die Notwendigkeit verstärkter Anstrengungen gegen nichtübertragbare Erkrankungen erkannt. Das Ziel 3.4 der nachhaltigen Entwicklungsziele, die die Vereinten Nationen bis zum Jahr 2030 zu erreichen anstreben, beschreibt eine Reduktion der vorzeitigen Todesfälle durch nicht­übertragbare Erkrankungen um ein Drittel im Vergleich zu 2015. Dies ist ein ambitioniertes Ziel, aber es wäre realistisch möglich, es zu erreichen – jedoch nur mit verstärkten Anstrengungen der betroffenen Länder und der Weltgemeinschaft.

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Die Initiative „NCD Countdown 2030“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Maßnahmen zum Erreichen des SDG-Ziels 3.4 zu beobachten und zu evaluieren, um Empfehlungen für weitere Strategien aussprechen zu können. Der aktuelle Bericht der Initiative wurde Ende September im Lancet veröffentlicht. Der Bericht offenbart, dass im Hinblick auf die Reduktion der vorzeitigen Mortalität im Zusammenhang mit nichtübertragbaren Erkrankungen bereits große Fortschritte erzielt werden konnten, und dennoch sind noch große und verstärkte Anstrengungen notwendig.

Unter der Erwartung einer im Vergleich zu den vergangenen Jahren gleichbleibenden Reduktion werden für Frauen jedoch nur 35 Länder, also nur 19 Prozent aller Länder, und für Männer nur 30 Länder (16 Prozent) das Ziel bis 2030 erreichen. Weitere 50 Länder (27 Prozent) für Frauen und 35 Länder (19 Prozent) für Männer könnten das Ziel etwas verzögert bis 2040 erreichen. Weitere 86 Länder (46 Prozent) für Frauen und sogar 97 Länder (52 Prozent) für Männer werden das Ziel nur erreichen, wenn sie ihre Anstrengungen deutlich verstärken werden, in 15 Ländern (acht Prozent) für Frauen und 24 Ländern (13 Prozent) für Männer hat die Mortalität an nichtübertragbaren Erkrankungen in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen oder sie stagnierte – diese Länder brauchen besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung. 

Soeben fand am Rande der jährlichen Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York auch das bereits dritte „UN High-Level Meeting on the prevention and control of NCDs“ statt. Hier verständigten sich die Teilnehmer auf weitere und verstärkte Maßnahmen und Anstrengungen gegen nichtübertragbare Erkrankungen. Solche Treffen und Vereinbarungen sind gut und wichtig, sie werden aber nur erfolge hervorbringen, wenn die Maßnahmen tatsächlich eingeführt und umgesetzt werden.

Anders als die UN-SDG-Empfehlungen schlägt die Initiative „NCD Countdown 2030“ (die WHO ist Teil der Initiative) einen breiteren Fokus der Maßnahmen vor. Während das SDG-Ziel 3.4 sich auf die Reduktion der Mortalität der vier zahlenmäßig relevantesten nichtübertragbaren Erkrankungen (Krebserkrankungen, kardio­vaskuläre Erkrankungen, Diabetes, chronische Atemwegserkrankungen) bei Menschen im Alter von 30–70 Jahren beschränkt, betrachtet die Initiative auch weitere nichtübertragbare Erkrankungen und berücksichtigt Fälle bis zum 80. Lebensjahr.

Eine solche Betrachtung liefert ein umfassenderes und ehrlicheres Bild der tatsächlichen Bedeutung nichtübertragbarer Erkrankungen und sie ermöglicht eine bessere Auswahl effizienter Maßnahmen.

Die Effizienz von Maßnahmen zum Erreichen der SDG-Ziele wird nur nach dem Einfluss auf die Mortalität innerhalb der vier Krankheitsgruppen bewertet. Dies führt zu einer unberechtigten Unterschätzung der Effizienz von Maßnahmen, die auch die Reduktion anderer, hier nicht berücksichtigter NCDs bewirken, und zur Überschätzung von Maßnahmen, die nur auf die vier genannten Krankheitsgruppen einwirken. Außerdem benachteiligt dieser eingeschränkte Fokus gerade die besonders belasteten und betroffenen Länder niedriger und mittlerer Einkommen, denn in diesen Ländern haben die im SDG-Ziel 3.4 nicht berücksichtigten NCDs einen im Vergleich zu den wohlhabenden Ländern viel größeren Effekt auf die frühzeitige Mortalität. Das bedeutet, dass das SDG-Ziel 3.4 die tatsächliche Last von NCDs in armen Ländern nicht ausreichend berücksichtigt.

Es ist gut, dass mittlerweile die Bedeutung nichtübertragbarer Erkrankungen auch und besonders für die Bevölkerungen in Ländern niedriger und mittlerer Einkommen erkannt wird, jedoch sind nicht nur weitere und verstärkte Maßnahmen gegen die Erkrankungen, die Ursachen und Risikofaktoren notwendig, sondern auch eine verfeinerte Beschreibung und epidemiologische Betrachtung der verschiedenen Erkrankungen, die unter dem Begriff „nichtübertragbare Erkrankungen“ zusammengefasst werden.

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