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Pflegers Schach med.

Pflegers Schach med.

Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

Ein Lob der Unwissenheit

Montag, 22. Oktober 2018

Vor vielen Jahren lud die Autofirma Audi drei Schachgroßmeister (den Karl-May-Verleger Lothar Schmid, den IBM-Computerexperten Klaus Darga und mich selbst) ein, weil man glaubte, von unseren Gedanken- und Entscheidungsprozessen beim Schachspiel Anregungen für eigene Führungskräfte schöpfen zu können. Vielleicht fiel dem Autobauer ja auch eine Verlautbarung der „Wiener Städtischen Straßen­bahnen aus dem Jahr 1914 in die Hände, nach der „für das Fahrplanbureau der Betriebsleitung tüchtige Diensteinteiler gesucht würden ... Gute Kenntnisse im Schachspiel lassen ein leichtes Einarbeiten in diese Dienstobliegenheiten erwarten“ (laut „Schachkalender“ von 1994).  

Bei diesem Treffen betonten sowohl Klaus Darga als auch ich selbst, dass bei der Auswahl eines Zuges zwar durchaus Kriterien wie Materialverteilung, starke Felder, offene Linien, Bauernschwächen und vieles andere eine Rolle spielten, wir in letzter Konsequenz aber nicht wüssten, warum wir schließlich einen bestimmten Zug wählen – letztendlich entschiede oft der „Bauch“ alias die Intuition. Lothar Schmid war damals mit uns gar nicht einverstanden, er glaubte an das unverbrüchliche Primat der Ratio.

Mag man beim Schach auch oft irren, weil „weder Kopf noch Bauch“ so funktionieren, wie man es gern hätte, so können die Irrtümer in der Medizin ungleich folgen­schwerer sein. Vor Jahr und Tag schrieb ich bereits einmal von einem deutschen Medizinprofessor, der in seiner Vorlesung von seinen gesammelten Irrtümern freimütig berichtete.

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Eine angenehme Souveränität, die mich – auf einem ganz anderen Feld – an den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker erinnert, der einmal beim jährlichen Wettkampf „Rechtes gegen linkes Alsterufer“ mit über 3.000 Schülern selbst in einer Schülermannschaft mitspielte, gegen ein Mädchen einer anderen Schule verlor und trotzdem am Ende sagte, er hätte selten in seinem politischen Leben an einer solch sinnvollen Veranstaltung teilgenommen – diesem großen Mann war kein Zacken aus der Krone gebrochen.

Kommen wir zur Medizin zurück.

Die New York Times berichtete, dass Mitte der 80er-Jahre eine Chirurgieprofessorin der Universität von Arizona, Marlys H. Witte, die Vorlesung „Einführung in medizinische und sonstige Ignoranz“ ankündigte. Ihre Idee stieß auf wenig Gegenliebe, ein Kollege bedeutete ihr gar, er würde lieber seinen Abschied nehmen als eine Vorlesung über Ignoranz unterstützen. Sie wurde gedrängt, den Namen der Vorlesung zu ändern, aber sie gab nicht nach. Sie war der Überzeugung, dass nur allzu oft die Lehrenden nicht darauf hinwiesen, wie viel noch unbekannt sei. So widmen Lehrbücher dem Pankreaskarzinom acht bis zehn Seiten, ohne den Studenten darauf hinzuweisen, dass wir noch nicht viel davon wüssten: Man solle die Grenzen des Wissens anerkennen. Schließlich fand die Vorlesung statt, derer Studenten sich gern als „Ignorance 101“ erinnern.

Inzwischen wurde erkannt, dass die Fokussierung auf die Unsicherheit eine latente Neugierde begünstigen, während die Betonung der Klarheit ein verzerrtes Verständnis von Wissen mit sich bringen könne. 2006 hielt der Neurowissenschaftler der Columbia University, Stuart J. Firestein, einen Kurs über wissenschaftliche Ignoranz, nachdem er zu seinem Entsetzen feststellen musste, dass viele seiner Studenten glaubten, man wisse nahezu alles über das Gehirn.

In seinem 2012 erschienenen Buch „Ignorance: How It Drives Science“ betont er, dass viele wissenschaftliche Fakten weder solide untermauert noch unveränderbar seien, sondern immer wieder hinterfragt werden sollten.

Doch das Studium der Ignoranz – oder Agnotologie, einem vom Wissenschafts­historiker Robert N. Proctor eingeführten Begriff – steckt noch in den Kinderschuhen. Die Zeit ist gekommen, Ignoranz als „normal“ statt als abweichend oder ungebührlich zu betrachten, meint der Autor.

In diesem Kontext will ich gar nicht auf höchst fragwürdige, frühere Heilmethoden wie Aderlass et cetera verweisen, sondern nur als kleine Facette und pars pro toto an meine Ausbildung zum Internisten zurückdenken, mit welch höchst verdächtigen Mitteln wir beispielsweise „lege artis“ Herzarrhythmien behandelten – Gott sei Dank kam seither viel neues Wissen dazu, was sich sicher auch fortsetzen wird.

Zum schachlichen Ausklang nach soviel Unwissenheit möchte ich das Ende einer Partie des mehrmaligen Landesmeisters von Mecklenburg-Vorpommern und Deutschen Ärzteschachmeisters Hannes Knuth bringen, bei der er als Schwarzer am Zug sehr wohl wusste, wie er mit dem Motiv des Zugzwangs seinen Gegner Andreas Schinke in eine ausweglose Lage bringen könne.

(wKf1, Td2, Sf3, Bb2, g2, h3;
sKb3, De3, Bd4, g5, h4)

Nach welchem kleinen schwarzen Zug gab der an Händen und Füßen gebundene Weiße schon auf, weil er große materielle Einbußen nicht mehr vermeiden konnte?

Lösung zeigen

Nach dem unscheinbaren Bauernvorstoß 1...d3! war Weiß im Zugzwang und gab auf.

Bei 2.Td1 gewinnt 2...De2+ den Turm, bei 2.Tf2 Dc1+ 3.Se1 d2 ist es auch aus.

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