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Schaden Östrogene in der Kuhmilch der Gesundheit?

Freitag, 9. November 2018

Die intensivierte Viehwirtschaft hat zu einem Anstieg der Östrogenkonzentration in der Kuhmilch geführt. Um die Milchleistung zu steigern, werden die Kühe heute bis in die Spätschwangerschaft gemolken. Dies führt zu einem Anstieg der Östrogenkonzentration in der Kuhmilch, da Östrogene in der Spätschwangerschaft vermehrt von den Ovarien und der Plazenta der Kühe gebildet werden. Die Konzentration des dekonjugierten und damit hormonell aktiven Östrogens E1 in der Kuhmilch steigt von 7,9 ng/l bei nicht trächtigen Tieren auf 1.266 ng/l im dritten Trimenon.

Die Milch der trächtigen Kühe wird zwar mit der Milch der nicht trächtigen Kühe gemischt. Dennoch unterscheide sich die Milch, die die Verbraucher heute im Supermarkt erhalten, deutlich von der Milch, die vor 100 Jahren konsumiert wurde, schreiben Gregor Majdic und Tomaz Snoj von der Universität Ljubljana in Slowenien in einer Übersicht, die sich mit möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit beschäftigt.

Die Frage ist berechtigt, da Östrogene, die aus dem Magen-Darm-Trakt resorbiert werden, durchaus Auswirkungen auf die Gesundheit haben könnten. Als endokrine Disruptoren könnten sie für den Anstieg der Brustkrebshäufigkeit, der Abnahme der Spermienkonzentration oder auch der Zunahme von Entwicklungsstörungen der Geschlechtsorgane (etwa Hypospadien, Kryptorchismus oder Hodenkrebs) mitverantwortlich sein.

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Majdic und Snoj halten das Risiko jedoch für gering. Zum einen erreichen vermutlich nur zwei bis fünf Prozent der mit der Milch aufgenommenen Östrogene den systemischen Blutkreislauf, wo sie sich mit den vom menschlichen Körper gebildeten Östrogenen mischen. Der Anteil der resorbierten Östrogene liege unterhalb der Grenze von einem Prozent an der Gesamtmenge der Östrogene, so die beiden Experten. Ab dieser Grenze wäre nach Einschätzung der US-Arzneimittelbehörde FDA eine Auswirkung auf den Organismus zu erwarten. Die beiden Experten schätzen den Anteil eher auf 0,01 bis 0,1 Prozent. Ihre experimentellen Studien an Mäusen ergaben keine Hinweise, dass Kuhmilch zu einem deutlichen Anstieg der aktiven Östrogene E1 oder E2 im Blut der Tiere führt oder dass es zu Auswirkungen etwa auf das Uterusgewicht der weiblichen Mäuse kommt (Journal of Diary Science 2016; 99: 6005–6013). 

Andere Forscher haben jedoch uterotrophe Effekte bei jungen ovariektomierten Mäusen gesehen. Völlig von der Hand zu weisen ist es deshalb nicht, dass Östrogene aus der Kuhmilch einen Effekt haben könnten. Hierfür gibt es Hinweise aus epidemiologischen Studien. Diese haben beispielsweise ergeben, dass bei jungen Erwachsenen, die viel Milch trinken, der Anteil der beweglichen Spermien im Ejakulat vermindert ist. In einer anderen Studie kam es bei Männern nach dem Trinken von einem Liter Milch zu einem signifikanten Anstieg von E1 sowie zu einer gegenregulatorischen Abnahme der Konzentration von FSH und LH. Kinder aus der Mongolei, die im Durchschnitt 710 ml Vollmilch pro Tag trinken, hatten in einer weiteren Studie signifikant höhere Plasmawerte des Wachstumshormons und von IGF-1 als Kinder in den USA, die weniger Milch tranken und dabei eher fettarme Milch bevorzugten (mit dem Fett werden auch die fettlöslichen Östrogene der Milch entzogen).

Dies beweist allerdings noch nicht, dass die Östrogene aus der Kuhmilch die Gesundheit schädigen. Die epidemiologischen Studien, die etwa zeigen, dass in Ländern, in denen viel Milch getrunken wird, Brustkrebs häufiger auftritt, sind nach Ansicht von Majdic und Snoj nicht schlüssig. Dies gelte auch für die Untersuchungen, die den Milchkonsum mit Prostatakrebs oder Hodenkrebs in Verbindung bringen. Die beiden Experten sehen insgesamt keinen Grund zur Beunruhigung. Bisher kaum untersucht seien jedoch perinatale Auswirkungen. Dies betrifft einmal den Konsum von Milch in der Spätschwangerschaft, wenn die Östrogene aus der Kuhmilch über die Plazenta der Mutter den Feten erreichen und die Entwicklung des Feten beeinflussen könnten oder die Auswirkung der Kuhmilch in der Babyersatznahrung.

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