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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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Quantität und Qualität medizinischer Versorgung

Montag, 29. Oktober 2018

Schlechte Gesundheit, unzureichende Gesundheitsversorgung und frühzeitiges Versterben sind ein wichtiges Entwicklungshemmnis für viele Länder niedriger und mittlerer Einkommen (LMICs). Schon in den Millennium Development Goals (MDGs) aus dem Jahr 2000 wurde daher ein klarer Fokus auf die Verbesserung der medizinischen Versorgung gelegt. So wurde angestrebt, die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren im Vergleich zu 1990 um zwei Drittel zu senken (MDG 4), die Gesundheitsversorgung von Müttern deutlich zu verbessern (MDG 5), um so eine Senkung der Sterblichkeitsrate um drei Viertel zu erreichen und die Ausbreitung von HIV/Aids und Malaria einzudämmen und eine Trendumkehr mit dem Ziel abneh­mender Neuinfektionen und reduzierter Todesraten zu erreichen (MDG 6). Die Ziele konnten trotz bedeutender Fortschritte bis zum Jahr 2015 nicht vollständig erreichet werden (siehe auch Blogeintrag vom 15. August 2017).

Die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2015 (Sustainable Development Goals, SDGs) fassen in ihrem dritten Ziel (good health and well-being) noch detailliertere Ziele als die MDGs 3, 4 und 5 aus verschiedenen Gesundheitsbereichen zusammen und geben so sicherlich einen umfassenderen Zielkatalog vor als die MDGs. Die Bewertung des Erfolgs der globalen Maßnahmen zum Erreichen der SDGs wird jedoch nicht anhand der Vollständigkeit dieser Ziele erfolgen, sondern anhand des Abstands der verschiedenen Parameter im Jahr 2030 von den Zielvorgaben.

Die Ziele sind ambitioniert, sie sind aber nicht utopisch. Entscheidend sind jedoch die Maßnahmen, die getroffen werden, um diese Ziele zu erreichen. In vielen Bereichen mangelt es nicht an Ideen und Engagement, oft aber bleiben dennoch die erwünschten Ergebnisse aus.

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In einer aktuellen Untersuchung konnten Forscher aus den USA und aus Mexiko zeigen, dass im Jahr 2016 8,6 Millionen früh- und vorzeitige Todesfälle in LMICs durch Bereitstellung und Annahme hochwertiger medizinischer Versorgung hätten vermieden werden können – fünf Millionen dieser Todesfälle waren auf unzureichende Qualität der verfügbaren medizinischen Versorgung zurückzuführen, 3,6 Millionen Todesfälle auf nicht in Anspruch genommene Leistungen, unter anderem aufgrund fehlenden Vertrauens in die verfügbaren Leistungen.

Eine weitere aktuelle Untersuchung belegt, dass in vielen LMICs häufig eine theoretische oder vermeintliche Verfügbarkeit von medizinischen Leistungen im Widerspruch zur praktischen und tatsächlichen Möglichkeit steht, diese Leistungen zu erhalten oder in Anspruch nehmen zu können. Am Beispiel einfacher pränataler Vorsorgeuntersuchungen, die in 75 der 91 untersuchten Länder für über 80 Prozent der Frauen zumindest einmal während der Schwangerschaft verfügbar waren, zeigen die Autoren diesen Widerspruch.

Besonders in den ärmsten der untersuchten Länder (Bruttoinlandsprodukt pro Person < 5.000 US-Dollar) entspricht die Qualität der angebotenen Leistungen nicht den Anforderungen. So hatten in den 30 ärmsten untersuchten Ländern zwar im Schnitt 87 Prozent der Frauen zumindest einmal Kontakt zu einem qualifizierten Anbieter pränataler Vorsorgeuntersuchungen, jedoch entsprachen die tatsächlich verfügbaren Leistungen nur in etwa 50 Prozent der Fälle den Mindestvorgaben für solche Leistungen (Blutdruckmessung, Blut- und Urinprobeentnahme).

Anfang September hat die „Lancet Global Health Commission on High Quality Health Systems in the SDG Era” einen Bericht mit detaillierten Analysen veröffentlicht und einfache Handlungsvorschläge unterbreitet, mit denen die Qualität der Gesundheits­systeme in LMICs nachhaltig zu verbessern wäre. Der Bericht hebt hervor, dass durch eine verbesserte Gesundheitsversorgung in diesen Ländern nicht nur Millionen Todesfälle zu vermeiden wären, sondern auch ein bedeutender ökonomischer Nutzen erzielt werden könnte.

Der Zugang zu einer grundlegenden medizinischen Versorgung sollte aus Gründen der Fairness und des Respekts jedem Menschen ermöglicht werden. Auch aus ökonomischen und politischen Erwägungen ist es rational, dafür Sorge zu tragen, dass auch in armen Ländern eine qualitative Basisversorgung für alle zugänglich ist. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es wichtig, dass die Verantwortlichen die Versorgungsqualität als Priorität anerkennen und den Blick nicht allein auf den Zugang und die Verfügbarkeit von Leistungen richten, sondern besonders auf die Ergebnisse, die diese Versorgung im Hinblick auf die Gesundheit der Bevölkerung erreicht. Darüber hinaus müssen die Menschen, die diese Leistungen erwarten, diese nachdrücklich uns selbstbewusst einfordern können und die Verantwortlichen für unzureichende Leistungen zur Verantwortung ziehen können.

Der Perspektivwechsel von einem Fokus auf die Aufwendungen und Eingaben in ein Gesundheitssystem hin zur einer stärkeren Berücksichtigung der effektiven Leistungsfähigkeit und Qualität bewertet durch das erzielte Maß an Gesundheit und die vermiedenen Todesfälle verspricht dabei zu helfen, die immer begrenzten Ressourcen effektiv und effizient einzusetzen, sodass die Ziele des SDG 3 in möglichst vielen Ländern bis 2030 erreicht werden.

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