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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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Die Global Initiative on Health, Migration and Development

Mittwoch, 7. November 2018

Die Stimmung ist angespannt, die Auseinandersetzungen sind hart, der Umgangston rau, bisweilen aggressiv. Die Grenze des Akzeptablen wird mittlerweile häufig überschritten. Hass, Hetze und Fremdenfeindlichkeit greifen um sich. Lautstark skandieren PEGIDA-Anhänger bei einer Kundgebung im Juli auf dem Dresdener Neumarkt „Absaufen, absaufen!“ und meinen damit die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, die sie lieber ertrinken lassen möchten als sie zu retten.

In Chemnitz eskaliert Ende August eine aufgeheizte Stimmung in Folge eines Mordfalles zu tagelangen fremdenfeindlichen Auseinandersetzungen, Demons­trationen und Gewaltstraftaten. Die AfD-Fraktion im Bundestag missbraucht einen schrecklichen Sexualmord an einem Mädchen in Wiesbaden, um eigenmächtig im Bundestag eine Schweigeminute zu verkünden, und instrumentalisiert so diesen Mord für ihre politischen Ziele.

Der Freiburger Oberbürgermeister wird bedroht, weil er auf ein bisher nicht vollständig aufgeklärtes Sexualverbrechen in Freiburg besonnen reagiert und zu Besonnenheit aufruft – während er klarstellt, dass solche Gewaltverbrechen nicht zu tolerieren sind und von Polizei und Justiz geahndet werden müssen.

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Wir haben ein Problem, wenn Menschen, die in einer Gesellschaft Schutz suchen und denen diese Gesellschaft Schutz gewährt, sich nicht an die Regeln halten, die sich diese Gesellschaft für ihr Zusammenleben gegeben hat, und wenn sie Straftaten begehen. Bei vielen entsteht hierdurch ein Gefühl, in ihrer Gutherzigkeit und Gutmütigkeit ausgenutzt zu werden. Dieses Gefühl ist verständlich, aber es ist dennoch falsch.

Wir sollten akzeptieren, dass nicht Gutherzigkeit, Gutmüdigkeit und Wohlwollen die bestimmende Grundlage sind, Menschen auf der Flucht aufzunehmen, ihnen Zuflucht und Schutz zu gewähren. Genauso wie es ein Recht auf Asyl gibt, gibt es die Verpflichtung für Staaten, Menschen in Not und auf der Flucht Asyl zu gewähren. Es ist also eine asyl- und menschenrechtliche Pflicht, Menschen in Not aufzunehmen und nicht eine Großzügigkeit, die wir wohlwollend gewähren.

Und dennoch, Mord und sexuelle Gewalt sind Verbrechen, die wir nicht akzeptieren können. Zur Aufklärung dieser Verbrechen und zur Bestrafung der Täter brauchen wir jedoch keine hasserfüllten Beiträge selbsternannter Rächer, sondern wir brauchen Gesetze, eine Polizei, die diese überwacht und durchsetzt und eine Justiz, die einen Bruch der Gesetze verfolgt.  

Wir haben ein Problem, wenn wir nicht mehr offen und kontrovers miteinander sprechen, sondern stattdessen lautstark unsere gegensätzlichen Meinungen herausbrüllen und diese womöglich noch mit offen geäußerter Gewalt versuchen zu bekräftigen. Wir haben ein Problem, wenn wir gegensätzliche Meinungen nicht als Ausgangspunkt einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Ziel einer Einigung sehen, sondern diejenigen, die unserer Meinung widersprechen oder unserem Gesellschaftsbild nicht entsprechen, mit Hass und Verachtung und Ablehnung strafen.

Natürlich ist es für eine Gesellschaft herausfordernd, sich auf Änderungen einzustellen. Menschen sind träge und hängen an Gewohnheiten und so werden vermeintlich rasche Veränderungen von einigen als Bedrohung wahrgenommen. Und Änderungen können tatsächlich bedrohlich sein. Lebensumstände wandeln sich, Gewohnheiten müssen aufgegeben werden, der Umgang mit neuen Situationen muss erlernt werden. Genauso aber wohnen jeder Änderung auch Chancen und zuvor ungekannte Möglichkeiten inne, die sich jedoch manchmal erst verzögert zeigen.

Unsere Welt ist im stetigen Umbruch. Kriege und Konflikte, Umwelt- und Naturkatastrophen und die Wandlungen, die sich für Länder und Regionen in Folge der Auswirkungen der globalisierten Weltwirtschaft ergeben, führen Konsequenzen herbei, die sich weit über die Orte hinaus ausbreiten, an denen sie entstanden sind. Globale Flucht- und Migrationsbewegungen, Armut, wirtschaftliche und soziale Ungleichheit und globale Gesundheitsfragen stellen viele Länder und Regionen weltweit vor große Herausforderungen. Diese Herausforderungen betreffen nicht allein arme Länder und Regionen, die weit von uns entfernt liegen, und diese entfernten Länder werden die Herausforderungen auch nicht allein bewältigen. Genauso wenig wird es aber auch uns, den Bewohnern der wohlhabenden Staaten, gelingen, uns durch Mauern und Zäune vor diesen Herausforderungen und Konsequenzen zu schützen.  

Wir müssen lernen, aufeinander zuzugehen, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, einander zu verstehen, einander zu akzeptieren und zu respektieren. Unsere Gesellschaft und die Welt sind im Umbruch. Schotten wir uns ab, versuchen wir uns zu schützen vor diesen Entwicklungen, werden wir irgendwann erwachen und feststellen wie die befürchteten Veränderungen auch ohne uns stattgefunden haben und andere diese ohne uns und in ihrem Sinne gestaltet haben.

Bundespräsident Steinmeier lädt in lockerer Abfolge an verschiedenen Orten zu „Kaffeetafeln“ ein, bei denen er genau einen solchen konstruktiven und kontroversen Austausch anstoßen und ermöglichen möchte. Sein Ziel ist es, mit den Menschen zu reden und nicht über sie, er möchte zuhören und diskutieren, aber er verlangt auch, dass alle Gesprächspartner einige Grundregeln akzeptieren, dass sie niemanden herabwürdigen, nicht ausschließen, bedrohen oder blinde Hetze verbreiten.

Natürlich kann der Bundespräsident nicht an jedem Ort, nicht zu jedem Thema und jeder Kontroverse zu Kaffeetafeln einladen. Daher ist es wichtig, dass andere seinem Beispiel folgen, dass offene Debatten geführt werden, dass wir uns untereinander austauschen und Perspektiven teilen, respektvoll und tolerant.

Die „Global Initiative on Health, Migration and Development” sieht sich als so ein Vermittler des Austauschs und der Verständigung. Die „Global Initiative“ ist eine Denkfabrik zur Förderung von Wissenschaft und Forschung zu aktuellen Fragen aus den Bereichen Global Health, Migration und Entwicklung, die als unabhängiger Vermittler gesellschaftliche Probleme nach wissenschaftlichen Maßstäben analysiert. Ziel dieser Analyse ist, zuverlässige und evidenzbasierte Lösungen zu finden, die einem Ausgleich gegensätzlicher Interessen dienen. Diese Ideen und Lösungen entstehen aus dem Austausch mit Menschen, die von diesen gesellschaftlichen Problemen und Herausforderungen betroffen sind, die mit ihnen leben und die womöglich in ihrem Umfeld bereits Lösungen erdacht und umgesetzt haben. Und diese Lösungen können nur erfolgreich eingeführt und umgesetzt werden, wenn sie ebenso offen und öffentlich erklärt und diskutiert werden.

Wir werden die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – die Folgen des Klimawandels, das globale Bevölkerungswachstum, Epidemien, Pandemien und globale Gesundheitsrisiken – nur meistern können, wenn wir uns auf diese einstellen und gemeinsam nach Lösungen suchen, die möglichst vielen auf der Welt gerecht werden und ihnen eine akzeptable und menschenwürdige Lebensgrundlage bieten. Alleingänge und Abgrenzungen werden auf Dauer keinen Erfolg haben.

Dr. Alexander Supady ist Mitgründer und Co-Vorsitzender der „Global Initiative on Health, Migration and Development“; www.global-initiative.org; Facebook: @globalini; Twitter: @global_ini

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Avatar #54
drbeki
am Donnerstag, 15. November 2018, 20:17

Leserbrief

Kann es sein, daß Sie vergessen haben den Lesern auch die Nachteile zu vermitteln?
Deshalb einige Fragen die allerdings nicht unbedingt in das Denkschema der Politikelite passen.
Wie steht es mit der Souveränität von Staaten über ihre Grenzen zu entscheiden?
Wie steht es mit der illegalen Einreise?
Wie steht es mit der Familienzusammenführung (auch z.B. von mehreren Ehefrauen)?
Wie steht es mit Sozialleistungen die im aufnehmenden Land erwirtschaftet wurden?
Wie steht es mit der Möglichkeit Parallelgesellschaften zu bilden?
Wie wird die Berichterstattung der Medien beeinflußt?
Und zum Schluß: wie wird die Bevölkerung an diesen wichtigen, weit in die Zukunft greifenden Entscheidungen, beteiligt?
Es scheint mir für eine umfassende Aufklärung wichtig zu sein eine offenen Debatte zu führen!
Mit freundlichem Gruß
Dr.B.Kissel
Mollstr.37
68165 Mannheim
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