Pflegers Schach med.

Pflegers Schach med.

Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

Ist Schach Sport?

Dienstag, 20. November 2018

Die Evangelische Akademie Frankfurt in unmittelbarer Nähe des „Römer“ ist ziemlich rührig und schaut immer wieder weit über ihr religiöses „Kerngeschäft“ hinaus. So versuchte man denn auch, am 30. Oktober in einer dreistündigen Podiumsdiskussion das Thema „Sportsgeist – Geistessport? Das Schachspiel als Königliche Sportart“ in all seinen Facetten zu beleuchten. Sicher hängt das auch mit der persönlichen Vorliebe des Pfarrers und Studienleiters Dr. Eberhard Pausch zusammen, der beispielsweise über den berühmt-berüchtigten amerikanischen Schachweltmeister Bobby Fischer einen Essay „Bobby Fischer – Nihilist oder Gottessucher?“ verfasst hat.

Unter der klugen und einfühlsamen Moderation durch Harry Schaack, den Herausgeber des Kulturellen Schachmagazins Karl, fand sich eine illustre Debattierrunde zusammen: Dorian Rogozenco, Trainer der deutschen Schach­nationalmannschaft; Sarah Hoolt, weibliche Großmeisterin und deutsche Nationalspielerin; Ulrich Stock von Die Zeit, Vereinsschachspieler und Reporter bei den Schachweltmeisterschaften mit sehr beliebten Beiträgen auf Zeit-Online; Prof. Dr. Ernst Strouhal aus Wien, der für sein bahnbrechendes Schachkulturwerk „8x8“ den österreichischen Staatspreis erhalten hat und anfangs ein „Impulsreferat“ (so lernte ich dieses Wort für einen Eingangsvortrag kennen) hielt; Helmut Pfleger.

Darüber hinaus waren im Publikum unter anderem der Ex-Präsident des Deutschen Schachbunds Herbert Bastian (der immer noch nicht nur Schach, sondern auch aktiv Fußball spielt), Großmeister Klaus Bischoff (mit dem zusammen ich viele Jahre große Schachereignisse kommentierte) mit seiner Partnerin Ingrid Lauterbach (Internationale Meisterin und englische [!] Nationalspielerin), Dr. Michael Negele, der bei den Ärztemeisterschaften immer launig über Schachgeschichtliches referiert, heuer über den deutschen Weltmeister Emanuel Lasker (1868–1941), der unglaubliche 27 Jahre Weltmeister war (1894–1921), am 24. Dezember (!) seinen 150. Geburtstag „feiert“ und über den er gerade den ersten Band einer dreibändigen Biographie „Emanuel Lasker“ mit herausgegeben hat (sehr empfehlenswert – wegen der weltweiten Verbreitung auf Englisch), der Internationale Meister Bernd Schneider, Gerd Densing mit vielen Beiträgen auf der großen Webseite „de.chessbase.com“ et cetera.

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Natürlich stellte der Kulturgeschichtsforscher Prof. Strouhal gleich die Gretchenfrage: „Was ist das uralte Kulturgut Schach eigentlich? Spiel, Sport, Kunst, Wissenschaft?“ Sie können sich vorstellen, dass die Frage so in ihrer Ausschließlichkeit natürlich nicht zu beantworten ist, sondern das Schachspiel in alle diese Bereiche hineinragt.

Prof. Strouhal, ein großer Kenner der vergleichenden Spieleforschung, meinte, dass es kein Spiel mit einer ähnlich großen Dynamik gäbe und die 8x8 Felder große Matrix mit den verschiedenen Spielfiguren, die durch die Zeitalter unterschiedliche Stände und Erlebensmöglichkeiten repräsentierten, letztlich die Welt in ihrer Komplexität abbilde. Der Mikrokosmos Schach steht (auch) für den Makrokosmos.

„Welt ist ein Schachspiel, Tag und Nacht geschrägt,
wo Schicksal Menschen hin und her bewegt,
sie durcheinander schiebt, Schach bietet, schlägt
und nacheinander in die Schachtel legt“

heißt es beim großen persischen Gelehrten des Mittelalters, Omar Khayam.

Schach steht jedem offen, unabhängig von Alter, Geschlecht und Stand, und kann gerade durch seine Langsamkeit in einer sich beschleunigenden Welt heilsam sein.

Es war interessant zu hören, dass Schach bei der Zeit dem Ressort „Wissenschaft“ zugeordnet sei und dass es nicht nur insgesamt gesundheitsfördernd und im Alter laut etlicher Studien (nachzulesen im von Prof. Strouhal herausgegebenen Buch „Schach und Alter“ im Springer-Verlag) demenzvorbeugend wirke, sondern auch schon im jungen Alter alle (!) schulischen Leistungen, also nicht nur Mathematik, positiv beeinflussen könne.

Schach fördert die Konzentration, das strategische Denken und das Vorausplanen, man muss sich immer mit dem Gegenüber auseinandersetzen, es erzieht zur Fairness und vieles mehr. Insofern ist es sehr erfreulich, dass das Schulschach in Deutschland (wie auch in etlichen anderen Ländern, vor allem in Indien) im Aufwind ist.

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker spielte beim großen, alljährlichen Schulschachwettstreit „Rechtes gegen linkes Alsterufer“ in Hamburg mit über 3.000 Schülern einmal in einer Schülermannschaft mit und verlor gegen ein Mädchen. Und doch war sich dieser große Mann nicht zu schade, das Turnier als eine der sinnvollsten Veranstaltungen in seinem politischen Leben zu bezeichnen, nicht ohne auf die segensreichen Seiten des Schachs hinzuweisen.

Selbstverständlich plädierten der Bundestrainer Rogozenko und die National­spielerin Hoolt, die ihr tägliches Training (notabene neben dem Beruf) und den Tagesablauf bei der kürzlichen Schacholympiade in Georgien beschrieb, für Schach als Sport. Schach ist in fast allen Ländern als Sport anerkannt (dadurch kann hierzulande der Schachbund sich auch etwas an den Fleischtöpfen des Innenministeriums laben), die Weltmeister Karpow, Kasparow, Anand und Carlsen waren in ihren Ländern „Sportler des Jahres“.

Dem versuchte auch ich etwas hinzuzufügen und berichtete von meinen schachmedizinischen Untersuchungen beim Internationalen Turnier 1979 in München (mit Weltmeister Anatoli Karpow, Ex-Weltmeister Boris Spassky, Robert Hübner, Wolfgang Unzicker und vielen anderen, darunter auch ich selbst), als ich am Morgen „normal“ in der Medizinischen Universitäts-Poliklinik München arbeitete und nachmittags nicht nur beim Turnier mitspielte, sondern auch mit ärztlichen Kollegen verschiedene Parameter (vor allem Herzfrequenz mit Bandspeicher-EKG und Blutdruck, aber auch neurovegetative Erregbarkeit, Laborparameter wie die Blutfette und Ergometrie) bei den Teilnehmern untersuchte und die Werte mit Partie­situationen (beispielsweise insgesamt erhöhte Werte in unübersichtlichen Stellungen und in Zeitnot, Pulsspitzen bei einem unerwarteten Zug des Gegners et cetera) korrelierte.

Um die Untersuchungen „auf breitere Füße“ zu stellen, führte ich 1981 in der Sportschule Grünwald unter der Ägide des Deutschen Sportbunds, wiederum mit Kollegen der Medizinischen Universitäts-Poliklinik, ein eigenes „Schach-Medizin-Turnier“ durch, bei dem sich die Teilnehmer (Mitglieder des C-Kaders des Deutschen Schachbunds sowie der leider schon verstorbene Kollege Dr. med. Modjtaba Abtahi, der an vielen Ärzteturnieren teilnahm) von vornherein bereit erklären mussten, an allen Untersuchungen mitzuwirken. Dabei wurden während der Partien fortlaufend EKG, Blutdruck, Atemfrequenz und Hautwiderstand sowie zusätzlich Blutgase, Katecholamine und sämtliche Laborwerte gemessen und Ergometrien durchgeführt.

Es zeigte sich, dass Schach in puncto körperliche Belastung und Leistungsfähigkeit durchaus mit anderen (Leicht-)Sportarten vergleichbar ist und dass im Körper der „langsamen Brüter“ oft ein Hexenkessel tobt.

(wKg1, Da5, Tc1, Tf1, Le7, Se5, Ba2, b3, d4, e3, g2, h2;

sKg8, Dh5, Td7, Te8, Lb8, Ba6, b7, d5, e4, f6, g7, h7)

So stand es nach 25 Zügen in der Partie Hellmayr – Backwinkel.

Eine Stellung Spitz auf Knopf! Weiß hatte nur noch vier Minuten Zeit bis zur Zeitkontrolle im 40. Zug, seine Herzfrequenz lag bei 155 Schlägen pro Minute, der systolische Blutdruck gar bei 200 mmHg. Optimale Erregung kann so leicht in ein Blackout umschlagen.

Wie gewann Schwarz nach dem groben Fehler 26.Sxd7??, und wie hätte Weiß stattdessen das Gleichgewicht wahren können?

Lösung zeigen

Nach 26.Sxd7?? erhielt Schwarz mit 26...Dxh2+ 27.Kf2 Lg3+! 28.Ke2 Dxg2+ 29.Kd1 Dxf1+ 30.Kc2 Df5! Gewinnstellung.

Hingegen hätte Weiß mit 26.Lxf6! gxf6 27.Txf6 das Gleichgewicht wahren können.

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