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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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40.000 Dollar für ein Menschenleben

Montag, 10. Dezember 2018

Die Zahl ist plakativ und es ist leicht, die Ungenauigkeiten in ihrer Berechnung hervorzuheben, die Unwägbarkeiten, die ihr zugrunde liegen, herauszustreichen und damit das Ergebnis, das vielmehr als vage Schätzung zu betrachten ist, zu widerlegen. Auf der anderen Seite jedoch hilft die Zahl, die Größe der notwendigen Anstrengungen abzuschätzen und zu erkennen, dass es tatsächlich im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt, dieses Ziel zu erreichen.

Die Zahl basiert auf Berechnungen, die die WHO im vergangenen Jahr in einer Studie zum Finanzierungsbedarf für die gesundheitsbezogenen nachhaltigen Entwicklungs­ziele (Sustainable Development Goals, SDGs) in 67 Ländern niedriger und mittlerer Einkommen (low and middle income countries, LMICs), die 95 Prozent der gesamten Bevölkerung in LMICs umfassen, veröffentlicht hat. Die WHO schätzt, dass bis zum Jahr 2030 bis zu vier Billionen Dollar zusätzlich benötigt würden, um die nach­haltigen Entwicklungsziele zu erreichen – hierdurch könnten bis zu 100 Millionen Menschenleben gerettet werden, die weltweite Lebenserwartung könnte um mehr als acht Jahre ansteigen.

In einer weiteren aktuellen Untersuchung hat ein französisches Forscherteam in Zusammenarbeit mit der WHO den Effekt einer Reduktion der vorzeitigen Todesfälle durch nichtübertragbare Erkrankungen (non-communicable diseases, NCDs) um ein Drittel (SDG 3.4) auf die Lebenserwartung untersucht. Dieses Ziel hat besondere Bedeutung, da weltweit 70 Prozent aller Todesfälle durch nichtübertragbare Erkrankungen bedingt sind, 80 Prozent dieser Todesfälle betreffen die Menschen in LMICs. 15 Millionen Todesfälle (38 Prozent aller jährlichen globalen Todesfälle durch nichtübertragbare Erkrankungen) sind vorzeitige Todesfälle im Alter zwischen 30 und 70 Jahren. Diese Todesfälle wären durch effektive prophylaktische und thera­peutische Maßnahmen zu verhindern beziehungsweise ließen sich aufschieben.

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Als vorzeitige Todesfälle werden diejenigen bezeichnet, die vor dem 70. Lebensjahr auftreten. Die Autoren haben berechnet, dass sich durch Erreichen des SDG 3.4 bis zum Jahr 2030 die durchschnittliche Lebenserwartung in der Altersspanne zwischen 30 und 70 Jahren um weltweit 0,8 Lebensjahre verlängern ließe, in den ärmsten Ländern (low-income countries, LICs) gar um ein ganzes Jahr. Diese Zahl mutet auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend an, jedoch ist hierbei zu berück­sichtigen, dass weltweit die durchschnittlichen Lebensjahre im Alter zwischen 30 und 70 Jahren bei 36,7 Jahren von 40 möglichen Jahren liegen – ein Anstieg auf 37,5 Jahre wäre also eine bedeutende Verbesserung.

Unter Berücksichtigung der Erfahrungen mit den Millennium Entwicklungszielen (Millennium Development Goals, MDGs), die als Vorgänger der SDGs im Jahr 2000 formuliert wurden und bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollten, äußern die Autoren jedoch berechtigte Zweifel daran, dass die angestrebten Gesundheitsziele tatsächlich erreicht werden – besonders die Erfolge in den ärmsten Ländern sind fraglich.

Die Berechnungen zu den notwendigen Ausgaben, die aktuell noch in breitem Widerspruch zu den Beträgen, die tatsächlich investiert werden, stehen, bestätigen die Berechtigung dieser Skepsis. Die weltweiten Hilfszahlungen für Gesundheit (development assistance for health, DAH) in Höhe von knapp 40 Milliarden Dollar pro Jahr (der Anteil für nichtübertragbare Erkrankungen hiervon beträgt nur 500 Millionen Dollar), müssten deutlich gesteigert werden.

Diese zusätzlichen Investitionen, besonders in den ärmsten Ländern, folgten nicht nur einer humanitären Logik, sondern wären auch aus ökonomischer, sozialer und politischer Sicht sinnvoll, denn die Reduktion der vorzeitigen Todesfälle (und der damit einhergehende Anstieg gesunder Lebensjahre) bedeutet unmittelbar einen Anstieg der arbeitsfähigen Bevölkerung und ist damit eine notwendige Voraussetzung zur Steigerung der Produktivität und des Wirtschaftswachstums und zur Beseitigung von Armut und Ungleichheit.

Vier Billionen Dollar bis zum Jahr 2030 weltweit zusätzlich in die globale Gesundheit zu investieren, ist sinnvoll und es ist möglich. Die WHO bietet jedoch weitere Ansätze, die zwar weniger ambitioniert, für die jedoch womöglich zunächst breitere Unterstützung zu finden ist. Die sogenannten „best buys“ umfassen Maßnahmen, durch die besonders effektiv und effizient eine Reduktion der Erkrankungs- und Todesfälle durch nichtübertragbare Erkrankungen, besonders in den LMICs, zu erreichen wäre. Für nur 1,27 US-Dollar pro Person und Jahr könnten in den LMICs bis zum Jahr 2030 8,2 Millionen Menschenleben gerettet werden, außerdem könnten mehr als 300 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet werden.

Wir müssen uns bewusst sein, dass Maßnahmen zur Verbesserung der globalen Gesundheit und Lebenserwartung und zur Reduktion der vorzeitigen Todesfälle besonders in den Ländern niedriger und mittlerer Einkommen verstärkte Anstrengungen von uns verlangen und die Bereitschaft zur notwendigen Finanzierung. Wir sollten jedoch nicht nur aus humanitärer Sicht den Bedarf sehen und die Zahlungen nicht als Almosen betrachten; globale Gerechtigkeit sowie soziale, politische und ökonomische Vernunft rechtfertigen und verlangen dieselben Anstrengungen und Maßnahmen.

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