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Lesefrüchtchen

Was macht eigentlich die Schweinegrippe?

Dienstag, 21. Juli 2009

Verglichen mit der anfänglichen Aufregung ist es ruhig um die Schweinegrippe geworden. Dabei hat die WHO doch alles ihr Mögliche getan, um die Ängste wach zuhalten (zugleich hat sie aber, wie paradox, vor Aufregung gewarnt). Am 11. Juni hat sie gar die Pandemie ausgerufen und dafür eigens die Pandemie-Kriterien geändert, wie soeben der Epidemiologe Tom Jefferson von der Cochrane Collaboration mitteilte (Interview im "Spiegel" vom 20. Juli 2009): Das Kriterium, dass es sich um eine Krankheit mit hoher Sterblichkeit handeln muss, sei einfach gestrichen worden.

Bei den letzten Pandemien - Asiatische-Grippe 1957, Hongkong-Grippe 1968 - waren ein bis zwei Millionen Tote zu beklagen. Bei der Schweinegrippe sind es per 16. Juli 679 (wie eine Agentur von der WHO erfahren haben will, offiziell veröffentlichte die WHO seit 6. Juli keine Zahlen mehr), kein Fall in Deutschland (Robert-Koch-Institut am 20. Juli). Erkrankt sind weltweit  128 273 Menschen, in Deutschland 1555, davon 553 autochthon, die Krankheit wird meist eingeschleppt, der Schwerpunkt liegt in Nordamerika und Mexico.

Das sieht nicht nach Pandemie aus. Doch es könnte schlimmer kommen, so die Argumentationslinie der WHO und (vorsichtiger) des Robert-Koch-Instituts. Solche Ängste müssen zumindet so lange virulent bleiben, bis der Impfstoff abgesetzt ist. Das Dumme ist nämlich, dass der frühestens Ende September bereit steht, in größeren Mengen erst zum Jahresende, wenn auch die üblichen Grippeschutzimpfungen anstehen. Dann könnten zusätzlich die Durchimpfungen gegen Schweinegrippe beginnen. Die WHO empfiehlt 30 Prozent der Bevölkerung. Zu deren Schutz. Auch zum Segen der Pharmaindustrie. Die Unternehmen, die in Vorleistung getreten sind, wollen sich schließlich refinanzieren und auch Sanofi-Aventis muss die gütige Spende von 100 Millionen Impfdosen zur Beschwichtigung der Entwicklungsländer irgendwie wieder rein bekommen, ganz zu schweigen vom großen Geschäft. Die Kapazitäten der Industrie liegen laut WHO immerhin zwischen 1 und 4,9 Milliarden Dosen pro Jahr.

Das Bundesgesundheitministerium plant die Impfung von 22,5 Millionen Menschen in Deutschland. Dafür scheint es feste Verträge mit GlaxoSmithKline und Novartis zu geben. Details sind vertraulich. Die Aktion soll 600 Millionen Euro kosten, zu zahlen zunächst von den Krankenkassen. Eine Rechtsverordung der Bundesregierung dazu liegt seit dem 16. Juli auf Lager. Die Impfung der gesamten Bevölkerung wird mit rund 2 Milliarden Euro veranschlagt. Aber dazu dürfte es nur kommen, wenn tatsächlich Gefahr im Verzug sein sollte.

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Aus berufs- und standespolitischem Blickwinkel kommentiert der Journalist Norbert Jachertz, Köln/Berlin, “Vermischtes” – von harter Politik bis zu beiläufigen Ereignissen.

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