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Alles ist besser anderswo... ja ist es das wirklich – und auch im Gesundheitswesen? Die Fachjournalistin Martina Merten berichtet über ihre Erlebnisse fernab von Deutschland.

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90 Millionen Inder dürfen erstmals ins Krankenhaus

Mittwoch, 24. August 2011

Negativmeldungen sind in der heutigen Presse an der Tagesordnung. Auch ich kam in meinem Blog bislang nicht umher, über die zum Teil schockierenden Umstände in den Gesundheitssystemen anderer Länder zu berichten. Umso mehr freue ich mich, eine wirklich schöne Geschichte – eine Art Erfolgsgeschichte – mit Ihnen zu teilen. Es ist die Geschichte über eine Kran­ken­ver­siche­rung für die Ärmsten der Armen in Indien namens Rashtriya Swasthya Bima Yojana – kurz: RSBY.

In Indien leben 1,148 Milliarden Menschen. Damit ist das Land hinter China der zweitbevölkerungsreichste Staat unserer Erde. Aufgrund der jährlichen Wachstumsrate von beinahe zwei Prozent wird Indien China bis 2050 eingeholt haben. 300 Millionen von ihnen zählen zum so genannten informellen Sektor, es sind Menschen, die über keinerlei Tarife, rechtliche Bindungen, geschweige denn klare Arbeitsverhältnisse verfügen.

Von einer Kran­ken­ver­siche­rung konnten diese Menschen meist nur träumen, die Mehrzahl von ihnen verfügt über weniger als 70 Cent pro Tag. Bis 2008 rutschten vieler dieser Menschen im Krankheitsfall in die Armut ab, denn ohne Versicherung mussten sie ihr spärliches Geld in die ärztliche Behandlung stecken und standen im Anschluss daran ohne einen Cent in der Tasche dar. 

Das indische Arbeitsministerium, die Weltbank und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit haben dies geändert. Sie entwarfen 2007 ein bundesstaatenübergreifendes  Kran­ken­ver­siche­rungssystem für Arme, in das inzwischen 90 Millionen Inder – mehr als 23 Millionen Familien – eingeschrieben sind.

Jede Familie erhält für nur knapp 50 Cent im Jahr eine Versicherungskarte, über die bis zu fünf Mitglieder in Höhe von maximal 460 Euro im Jahr abgedeckt sind. Mithilfe dieser Karte können anspruchsberechtige Inder private und staatliche Krankenhäuser, die an RSBY teilnehmen, indienweit aufsuchen und sich dort – für viele erstmals in ihrem Leben – behandeln lassen.

Die Menschen müssen weder lesen noch schreiben können, denn auf der Karte sind die Fingerabdrücke der Familienmitglieder und ein Foto des Familienoberhaupts enthalten. Sie müssen lediglich an kleinen Empfangskiosken der Krankenhäuser vorstellig werden und ihre Karte abgeben, mehr müssen sie nicht tun. Um den Rest kümmern sich zahlreiche Mitarbeiter rund um das Versicherungssystem RSBY – und dieser Rest bedeutet eine ganze Menge. Schließlich müssen diese Menschen ausfindig gemacht, ihr Status dokumentiert und sie selbst informiert werden. 

Krankenhäuser und Versicherungsunternehmen spielen eine große Rolle. Versicherungen, die an RSBY teilnehmen, erhalten eine Prämie pro Familie und Jahr, die zwar nicht hoch ist. Die Anzahl an Familien ist es aber, die den Profit bringt. Teilnehmende Krankenhäuser erhalten eine fixe Tagesrate, wenn sie RSBY Patienten behandeln. Auch diese ist nicht hoch. Da es aber so unendlich viele Inder sind, die unterhalb der Armutsgrenze leben, sind die Flure dieser teilnehmenden Kliniken inzwischen mehr als voll. Und auch Kleinvieh macht Mist.

Erste Evaluationen zeigen, dass die Patienten zufrieden mit ihrer neuen Errungenschaft sind. Erstmals in ihrem Leben fühlen sie sich respektiert, es kümmert sich jemand um sie im Krankenhaus und sie werden nicht – wie vor Einführung von RSBY – einfach wieder nach Hause geschickt (obwohl staatliche Krankenhäuser in Indien offiziell verpflichtet sind, alle Inder zu behandeln, auch die 90 Prozent ohne Kran­ken­ver­siche­rung).

Sie müssen Kinder nicht unter oftmals lebensbedrohlichen Umständen einer Hütte auf dem Land zur Welt bringen, sondern haben Dank der RSBY-Karte die Möglichkeit, in einem Krankenhaus zu entbinden. Sie können Medikamente einnehmen, für die ihnen vorher das Geld fehlte. Sie erhalten ein Bett (wenngleich ein sehr einfaches), auf dem sie sich einige Tage ausruhen dürfen.

Das alles ist nach unseren deutschen, westlichen Maßstäben gewiss nicht viel. Doch für diese 90 Millionen Inder bedeutet es die Welt.

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