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Pflegers Schach med.

Pflegers Schach med.

Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

Media vita in morte sumus

Montag, 7. Mai 2018

„Media vita in morte sumus“. Wer weiß das besser als wir Ärzte, dass immer und überall der Tod an unsere Pforte pochen kann – und sei es mitten im Ärzteschachturnier!

Es war in der sechsten und letzten Runde am Samstagnachmittag des 14. April, als ein langjähriger Teilnehmer am Ärzteschach während seiner Partie plötzlich zusammenfiel und trotz der sofortigen Reanimation durch den Kardiologen Dr. med. Patrick Stiller und den teilnehmenden Notarzt Dr. med. Max Gatzek verstarb.   

Natürlich erinnerten wir uns an einen ähnlichen Notfall vor einigen Jahren in Bad Neuenahr, als einem ebenfalls älteren Kollegen mit lebensgefährlichen Rhythmus­störungen sehr schlecht wurde und ihm wiederum Dr. Stiller beistand. Doch damals war der Ausgang ungleich besser, am Abend im Krankenhaus war der Kollege bereits wieder wohlgemut.

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In einer merkwürdigen zeitlichen Koinzidenz schrieb ich in meiner (lange vorher eingereichten) Kolumne in der Zeit über den Tod am Schachbrett, dass sich der große Viktor Kortschnoi (der zweimal Simultan-Gast bei unserem Ärzteschachturnier war) so sehr wünschte, beim Kampf am Schachbrett seinen letzten Atemzug zu machen – leider vergeblich. Dass der Theatermacher George Tabori mir berichtete, wie er einst in New York Zeuge eines solchen endgültigen Matts in New York wurde, und dass vor Kurzem dem sechsmaligen Meister der nordenglischen Grafschaft Cumbria, John Toothill (79), in der Clubmeisterschaft von Windermere schlecht wurde, als er – wie so oft vorher – gegen David Philipps spielte. Im Krankenwagen bot ihm sein Gegner remis an, doch er lehnte, in besserer Stellung, „natürlich“ ab. Philipps: „So verabschiedete er sich mit einem zufriedenen Lächeln – R.I.P.!“

Vielleicht war es bei dem betroffenen Kollegen in Bad Homburg ähnlich. Auf andere Teilnehmer der Veranstaltung „machte er den Eindruck, trotz seiner erkennbar schlechten Verfassung, jedes Detail und jede Begegnung auf der Ärztemeisterschaft zu genießen.“

Und bei der Heimfahrt bestätigten mir Prof. Dr. Peter Krauseneck und Dr. Kurt Baum, die seit ihren Würzburger Studienzeiten mit dem am Schachbrett Verstorbenen befreundet waren, dass er unbedingt noch einmal die familiäre Atmosphäre des Ärzteturniers erleben wollte, obwohl der 82-Jährige sehr wohl um seine terminale Erkrankung bei einem fortgeschrittenen Ösophaguskarzinom mit Lebermetastasen wusste. In diesem Sinne vielleicht nicht der schlechteste Tod eines Schachspielers.

Der Schock war natürlich groß, es wurde ernsthaft der Abbruch des Turniers erwogen. Doch letztlich war die Entscheidung der Fortführung sicher angemessen und richtig.

Zum guten Schluss gewann der Würzburg-Bamberger Neurologieprofessor Dr. med. Krauseneck mit 7,5 Punkten aus neun Partien nach Wertung vor den punktgleichen Oliver Bucur und Dr. med. Giampiero Adocchio, obwohl er in der allerletzten Partie des Turniers in einer dramatischen Zeitnotschlacht, bei der die Gunst der Schachgöttin Caissa ständig hin- und herschwankte, gegen Oliver Bucur durch Zeitüberschreitung verlor.

(wKg1, Dc2, Ta1, Te1, Le5, Sd4, Ba2, b3, c4, g2, g3, h3;

sKg8, Dh6, Ta8, Tf8, Lc5, Sg4, Ba6, b7, c7, f4, h7)

In einem vorherigen Zeitnotgefecht hatte er es mit Prof. Dr. Halim Aydin zu tun, der wie immer im Vorderfeld mitspielte und sich, wie schon früher, mit zwei mitspielenden türkischen Kollegen, die er aus Studienzeiten in Ankara kennt, in Bad Homburg traf – das Ärzteturnier als Ort der Begegnung!

Das Brett stand in Flammen und auf der Schachuhr tickten bei beiden die Sekunden unerbittlich weg. Prof. Aydin hatte Weiß und schlug verständlicherweise den lästigen Springer mit 1.hxg4.

Wie konnte Prof. Krauseneck als Schwarzer daraufhin gewinnen und mit welchem Zug statt 1.hxg4 hätte Prof. Aydin als Weißer seinerseits einen kleinen Vorteil erzielen können?

Lösung zeigen

Nach 1.hxg4? gewann Schwarz mit 1...Lxd4+! (auch gleich 1...fxg3! hätte ähnlich gewonnen) 2.Lxd4 fxg3 und der furchtbaren Mattdrohung 3...Dh2, weil dem König die Flucht über die f-Linie wegen des Turms f8 versperrt ist. Weiß opferte in seiner Not noch mit 3.Df5 die Dame, stand aber danach auf verlorenem Posten.

Wie Prof. Aydin danach Prof. Krauseneck und mir zeigte, hätte er statt des Schlagens des Springers mit der Zentralisierung der Dame mit 1.De4! in Vorteil kommen können: Nach 1...Sxe5 2.Dd5+! (besser als 2.Dxe5 Db6 mit Ausgleich) Tf7 3.Txe5 Lxd4+ 4.Dxd4 fxg3 steht Weiß etwas besser, hingegen hätte in dieser Variante 3.Dxc5 Sd3! mit Qualitätsgewinn durch die Springergabel zu leichtem Vorteil für Schwarz geführt.   

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