DÄ plusBlogsPflegers Schach med.„Opfere deine beiden Türme und rette mich!“
Pflegers Schach med.

Pflegers Schach med.

Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

„Opfere deine beiden Türme und rette mich!“

Donnerstag, 7. Juni 2018

Auch heuer war es für die teilnehmenden Ärzte beim immerhin schon 26. Deutschen Ärzteschachturnier in Bad Homburg eine Freude, von Oberbürgermeister Alexander Hetjes mit launigen Worten und durchaus einem Schuss Selbstironie in der „schönsten Stadt Deutschlands“ mit ihrem natürlich auch „schönsten Kurpark“ begrüßt zu werden. Nicht dass die Ärzte keine Vergleichsmöglichkeiten hätten – sechs von ihnen waren von Anfang an stets dabei, wie wir dank der nicht genügend zu lobenden Erhebung von Dr. Branko Spasojevic wissen. 

Seit 1993 fand das Turnier immer in einem Kurbad statt – und natürlich war auch immer ein Spielcasino in unmittelbarer Nähe des Turniersaals, quasi eine conditio sine qua non. Allerdings war das Stadtoberhaupt zu höflich, Gemeinsamkeiten zwischen den „Glücksspielen“ Roulette und Schach zu suchen, obwohl manch Schachspieler schon zuweilen, sprich bei „unverdienten Verlusten“, heftig für eine solche plädieren mag.

Sehr derb drückte dies einst der österreichische Meister Lokvenc aus, der seinem Gegner nach einer Niederlage aufs Partieformular schrieb: „Ich bekenne mich gef***t, Massel hat Talent besiegt!“ So etwas wäre natürlich im feinen Bad Homburg undenkbar.

Das „Glücksspiel Schach“ ist in einem solchen Beitrag nicht „en passant“ zu erörtern, unzweifelhaft wurde indes Schach schon im frühen Mittelalter in Indien und Arabien auch um Geld und Liebe gespielt.

So stand das „Königliche Spiel“ bei etlichen Kalifen von Bagdad, darunter Harun al-Rashid, in hohem Ansehen, wurden bedeutende Schachmeister an den Hof geholt. Es wird geschildert, dass ein Wesir bereits sein ganzes Vermögen verloren hatte, als er auch noch seine wunderschöne und innigst geliebte Gemahlin Dilaram aufs Spiel setzte. Doch wieder verlief das Spiel ungünstig für ihn, das Matt gegen seinen König schien unabwendbar. In diesem Moment flüsterte ihm die den Kampf angstvoll betrachtende Dilaram zu: „Opfere deine beiden Türme und rette mich!“ Sie ahnen es schon – so kam es!

Der arabische Historiker al-Masudi berichtet um das Jahr 1000 von einer Reise: „Die Inder treiben die Wetten bis zum Äußersten. Hat ein Spieler alles verloren, kann es vorkommen, dass er seine Glieder aufs Spiel setzt. In diesem Fall wird in einem kleinen Gefäß eine Salbe gekocht, welche die Wunden heilen und das Blut stillen soll. Wenn nun ein Mann in einer Wette einen Finger verliert, schneidet er ihn mit einem Dolch ab, taucht die Hand in die Salbe und brennt so die Wunde aus. Dann spielt er weiter.“

Tempora mutantur – Gott sei Dank ist derlei aus Bad Homburg nicht überliefert, weder früher noch heute. Sehr wohl aber, dass Fjodor Dostojewski zwischen 1863 und 1870 bei seinen drei Besuchen dort in „Roulettenburg“ jedes Mal sein ganzes Barvermögen verspielte und quasi gezwungen war, seine Erfahrungen und Erlebnisse hier und andernorts im Roman „Der Spieler“ Weltliteratur werden zu lassen, um wieder zu Geld zu kommen – umgekehrt war die Not und Verzweiflung über die Verluste unabding­barer Antrieb für seine Kreativität.

In diesem Roman setzt er einer russischen Landsfrau ein Denkmal: der Gräfin Sophie Kisseleff als spielsüchtiger Großmutter. Allerdings war die vermögende Gräfin neben ihrer Spielsucht auch eine kluge Geschäftsfrau, als sie Spielbankaktien kaufte und so trotz ihrer riesigen Verluste auf der Gewinnerseite stand – in gewisser Weise alimentierten ihre Spielverluste ihre Dividenden.

Und auch Spielbank und Heilquellen befruchteten sich in einer Win-win-Situation gegenseitig: Bad Homburg wurde zu einem der beliebtesten Kurbäder.

Erfreulicherweise ist der circulus benignus hier noch nicht am Ende: Dank des schachfreudigen Hoteliers Joachim Petry wurden in seinem Park-Hotel in der Vergangenheit starke internationale Turniere ausgerichtet und das Frauenschach gefördert, und dank all der zitierten Umstände und Einflüsse sind wir Ärzte in dieser Kurstadt, in der schon viele gekrönte Häupter weilten und für die schon der berühmte Chemiker Prof. Justus von Liebig wegen ihrer heilsamen Quellen kräftig warb, bei unserem Ärzteturnier gern gesehene Gäste.

(wKe1, Dd4, Ta1, Th1, Lc1, Lc4, Sb1, Ba2, b2, c2, e4, f2, g2, h2;

sKe8, Dd8, Ta8, Th8, Lc8, Lf8, Sg8, Ba7, b6, c7, d7, f7, g7, h6)

Und sicher sah auch Dr. Wilhelm Burow als Weißer hier beim Ärzteturnier den (voreiligen) letzten Zug b7-b6 seines Gegners gerne. Natürlich sollte das Läuferfianchetto nach b7 folgen, aber Dr. Burow konnte hier die Gunst des Augenblicks nutzen und sofort gewinnen. Wie kam’s?

Lösung zeigen

Nach 1.Dd5! waren der Doppelangriff auf den Turm a8 und die Mattdrohung auf f7 nicht gleichzeitig zu parieren. Schwarz zog in diesem Dilemma verständlicherweise ein Ende mit Schrecken einem langen Siechtum vor, sodass es nach 1...c6 2.Dxf7 matt gleich aus war.

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