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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

„Unseren Weg oder weg!“

Mittwoch, 13. Juni 2018

Wer einmal in größeren Konzernen gearbeitet hat, der kennt den omnipräsenten Homogenisierungs- und Konformitätsdruck. Dinge werden auf eine bestimmte Art und Weise gemacht, nicht immer, weil es der beste Weg ist, sondern manchmal, weil von höherer Ebene dieser oder jener Arbeitsprozess als ideal für die Konzernstruktur festgelegt wurde. Ähnlich verhält es sich auch im medizinischen Bereich, und große Institutionen wie Massachussetts General Hospital (grob gesprochen: Harvard), Johns Hopkins oder die Mayo-Klinik, die alle drei zu den besten der USA gehören und somit die Neigung haben, diese Exzellenz nach außen wie auch innen zu bewahren, sind in dieser Homogenisierungstendenz deutlich ausgeprägt.

In der Mayo-Klinik gibt es beispielsweise fünf Hierarchiestufen für Ärzte, weniger abhängig von der Dauer der Anstellung als vielmehr der Zahl der Veröffentlichungen und Vorträge – man möchte eben in der wissenschaftlichen wie auch allgemeinen Öffentlichkeit eine starke Präsenz zeigen. Entsprechend hoch ist der Druck, Studien und so weiter zu veröffentlichen, wie auch Vorträge zu halten, neben der steten Anfrage Mitglied von Qualitätsverbesserungs- und Krankenhauskommittees zu werden. Natürlich gibt es eine Kleidungsordnung wie auch die Pflicht, stets Visitenkarten und Ausweis mit sich zu führen.

Dazu gesellen sich eine Vielzahl an internen Regelungen, die auch meine Verschrei­bungspraxis regeln – so kann ich als Internist und Geriater beispielsweise nicht Imipenem, ein Breitbandantibiotikum, anordnen, Tolvaptan als Therapeutikum gegen einen niedrigen Natriumspiegel im Blut und auch bestimmte eher gängige Chemotherapeutika – ich muss hierfür erst den entsprechenden Spezialisten anrufen und dessen Einverständnis erhalten. Weiterhin werden bestimmte Medikamenten­kombinationen wie Piperacillin/Tazobactam und Vancomycin oder Clopidogrel und Fluoxetin wegen Interaktionspotenzial nicht gestattet, obwohl in meinen Augen die wissenschaftliche Evidenz hinter diesen Empfehlungen nicht besonders stark ist.

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Mit anderen Worten ist die Liste der Einschränkungen lang, und entsprechend vergeht kein Krankenhaustag, an dem ich nicht an diese von oberen Verwaltungsebenen gezogenen Grenzen stoße. Für mich sind das alles Auswüchse von Homogenisierungs- und Konformitätstendenzen einer einem Großkonzern ähnlichen Medizininstitution, doch wie geht man damit um?

Viele passen sich einfach an, andere sind eher wie ich und stoßen sich den Kopf an diese virtuellen Grenzen. Ist das ein Auswuchs einer deutschen Mentalität, sich an unsinnigen Regeln und Vorhaben zu stoßen (siehe zum Beispiel Stuttgart 21) oder einfach nur ein Charakterzug meinerseits?

Doch unbestritten sind Reibungsverluste durch diese internen Regeln vorhanden, seien es mehrmals am Tag stattfindende Gespräche mit Apothekern, eine mir verwehrte Patientenentlassung aus dem Krankenhaus wegen einer gegenteiligen Empfehlung eines Physiotherapeuten oder der wiederholte Anruf einer Krankenpflegekraft, um eine Anordnung von mir „nochmals überprüfen zu müssen“. Diese Homogenisierungs­tendenz verlangsamt den Arbeitsalltag und verbraucht Kraft und Zeit.

Mit Kollegen und Krankenpflegepersonal wird natürlich über dieses Regelwerk viel gesprochen, und es hat sich herauskristalliert, dass man dieses akzeptiert oder eben gehen muss. Der Vorschlag, sich „einzubringen“, um „Regeln zu ändern“, wird zwar auch vorgeschlagen, doch wer wie ich diesen Weg einige Male erfolglos beschritten hat, der sieht das eher als hohle Phrase denn ernsthaften Rat an. Der geneigte Leser kann sich denken, für welchen Weg ich mich entscheiden werde, und ich bin dankbar, dass es einen Arztmangel mit vielen Arbeitsmöglichkeiten anderswo gibt.

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