In ihrem Aufsatz „Arzt- und Krankenhaus-Serien: Prolfil(e) eines Genres“ zeichnet Doris Rosenstein (7) die lange Erfolgsgeschichte des Genres der Arzt- und Krankenhausserien im Fernsehen nach. Bereits in den dreißiger und vierziger Jahren werden in Deutschland Arztfilme für das Kino produziert. Beispiele aus den fünfziger Jahren, in denen der (fast ausschließlich männliche) ärztliche Hauptdarsteller vor allem als „Halbgott in Weiß“ angelegt ist und – nicht nur im medizinischen Bereich – eine charismatische Autorität mit Vorbildfunktion verkörpert, sind „Sauerbruch – das war mein Leben“ (1954), „El Hakim“ (1957), „Der Arzt von Stalingrad“ (1958). Daneben gibt es auch Arztfilme, in denen Gewissenskonflikte und Liebesbeziehungen im Mittelpunkt stehen, wie „Dr. Holl“ (1951), „Die große Versuchung“ (1952) und „Roman eines Frauenarztes“ (1954). Hier müssen die Protagonisten nach schicksalhaften Verstrickungen ihre moralische Integrität erst unter Beweis stellen. Diese Filme waren beim Publikum ebenso beliebt wie Filme des ersten Typs. Weniger erfolgreich waren sozialalkritisch angelegte Filme wie „Weil du arm bist, musst du eher sterben“ (1956).
Die ersten Arztserien für das deutsche Fernsehen wurden in den 60er-Jahren produziert. Sie knüpften an das Genre der deutschen Familienserie, aber auch an das Arztfilm-Genre der 50er-Jahre an und nahmen Motive des Heimatfilms auf. Ein Beispiel hierfür ist „Landarzt Dr. Brock“ (ab 1967, mit Rudolf Prack in der Hauptrolle). Mit dem „Hafenkrankenhaus“ startete 1968 in einigen Regionalprogrammen die erste Krankenhausserie, in der trotz der „Heile-Welt-Tendenz“ bereits Realitätsbezüge und Lokalkolorit (Hamburger Hafen) zu erkennen waren.
In den 70er-Jahren kam es zu einem Trendwechsel hin zu mehr „Realitätsnähe und Problembezogenheit“, in manchen Fällen auch mit sozialkritischen und aufklärerisch-pädagogischen Tendenzen. Hierfür stehen Produktionen wie „Der Notarztwagen“ (1975), „Nachtärzte (1981). Importierte Serien wie die 1980 erfolgreich ausgestrahlte tschechoslowakische Serie „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ zeichneten ein differenziertes Bild der Charaktere, Situationen und Probleme in einem Krankenhaus, bei der auch die fachliche Stimmigkeit berücksichtigt wurde. Ebenso erfolgreich lief die amerikanische Arztserie „Dr. med. Marcus Welby“ (1972/1973), die nicht medizinische, sondern eher „psychologisch akzentuierte Problemlösungen“ in den Vordergrund rückte.
In den 80er-Jahren gab es – ausgelöst durch die überaus erfolgreiche ZDF-Produktion „Die Schwarzwaldklinik“ (1985–1989, 70 Folgen) – eine Wende von den eher bildungsbetonten Serien der 70er Jahre hin zur populären Unterhaltungsserie. Die Schwarzwaldklinik kombinierte Elemente aus Arzt-, Krankenhaus-, Heimat- und Familienserie und griff mit dem Protagonisten Professor Brinkmann auf die überhöhten Figurenkonzeptionen der 50er Jahre zurück. Mit durchschnittlich 25 Millionen überwiegend weiblichen Zuschauern mittleren Alters und einer Einschaltquote von 60 Prozent war die Serie ein Quotenhit.
In der Folge boomten Fernsehserien dieses Genres: So produzierten die öffentlich-rechtlichen Sender Serien wie „Der Landarzt“ (ZDF, 1986) und „Praxis Bülowbogen“ (ARD, 1987), mit starken Anklängen an Heimatfilm und Familienserie. Zusätzlich wurden ausländische Produktionen wie „Das Buschkrankenhaus“ (Australien 1980) und „Texasklinik“ (USA 1986/87) ausgestrahlt. Die privaten Sender brachten zunächst vor allem ausländische Produktionen ins Program, darunter „General Hospital“ (SAT 1, 1988) und „Chefarzt Dr. Westphall“ (RTLplus, 1991). In den 90er Jahren begannen jedoch auch sie verstärkt damit, Eigenproduktionen ins Programm aufzunehmen, darunter Serien wie „Der Bergdoktor“ (SAT 1, 1992, basierend auf der gleichnamigen Romanreihe des Bastei-Verlages), „Die Stadtklinik“ (RTLplus, 1993). Auch für diese Serien ist kennzeichnend, dass sie auf altbekannte Elemente zurückgreifen und auf die „Krankenhaus-Idylle“ setzen. Gleichzeitig wächst seit den 90er-Jahren – vor allem durch den Einfluss US-amerikanischer Importe und durch unterschiedliche Mischformen und Formate des Genres (vom kurzen Vorabendfilm bis zum Spielfilmformat für die Hauptfernsehzeit) – die stilistische Bandbreite. Diese reicht „von sozialkritischer und realitätsnaher Gestaltung bis hin zu comedyhaften Ulk und zur Satire“. In Arztserien wie „Alphateam – Die Lebensretter im OP“ (SAT.1, 1997), „Geliebte Schwestern“ (SAT.1, 1997) oder „OP ruft Dr. Bruckner – Die besten Ärzte Deutschlands“ (RTL, 1996) kommt nicht mehr der Arzt als „Übervater“ ins Spiel, sondern Charaktere, die mit ihren menschlichen Widersprüchen gezeichnet sind.
Zunehmend wichtig sind in Serien wie „Alphateam“ die Ausstattung, medizinische Details und typische Requisiten, wie Röntgenbilder, EKGs, Infusionsflaschen, Monitore, mit High-Tech ausgerüstete OP-Räume und Intensivstationen, die für realistisches Ambiente sorgen und Atmosphäre vermitteln. Inhaltlich werden vor allem schwere Krankheiten wie Krebs, Verletzungen, die auf Gewalteinwirkungen beruhen (Schuss- und Stichwunden), unfallbedingte Verletzungen, Suizidversuche, Drogenabhängigkeit und sexueller Missbrauch thematisiert. Im Zusammenhang damit werden soziale und sozialkritische, eher selten gesundheitspolitische Themen aufgegriffen. KBr