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Politik

Charité und Barmer starten telemedizinische Betreuung von Herzinsuffizienz­patienten

Donnerstag, 23. Januar 2020

/dpa

Berlin – Die Charité – Universitätsmedizin Berlin und die Barmer haben einen integrier­ten Versorgungsvertrag für die telemedizinische Mitbetreuung von Patienten mit chro­nischer Herzinsuffizienz abgeschlossen.

Das Versorgungskonzept baut auf den positiven Ergebnissen der Fontane-Studie auf, die erstmals nachgewiesen hatte, dass Telemedizin das Leben von Herzinsuffizienzpatienten verlängern und die Zahl der Krankenhausaufent­halte reduzieren kann. Rund 2,5 Millionen Deutsche leiden an einer chronischen Herzinsuffizienz. Sie verursa­chen 450.000 statio­näre Behandlungen pro Jahr.

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Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit mehr als zehn Millio­nen Euro geförderte Fontane-Studie habe nicht nur eine Reduktion von Mortalität und stationären Behandlungen gezeigt, sagte Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekre­tär im BMBF, heute bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Die telemedizinische Betreuung könne auch unterschiedliche Ausgangssituationen zwischen Metropolregionen und dem ländlichen Raum ausbalancieren.

Fontane-Studie

Die Fontane-Studie lief von 2013 bis 2018 und schloss 1.538 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz ein. Die Hälfte von ihnen wurde telemedizinisch mitbetreut, die andere Hälfte wurde konventionell behandelt. Die klinische Studie wurde bundesweit zusammen mit 113 kardiologischen und 87 hausärztlichen Einrichtungen durchgeführt. Die Studien­ergebnisse zeigten, dass die telemedizinisch mitbetreuten Patienten weniger Tage durch ungeplante Einweisungen aufgrund von Herzinsuffizienz im Krankenhaus verbringen mussten: im Durchschnitt waren es 3,8 Tage pro Jahr im Vergleich zu 5,6 Tagen pro Jahr in der Kontrollgruppe. Damit haben die telemedizinisch mitbetreuten Patienten insgesamt und bezogen auf die einjährige Studiendauer pro Patient signifikant weniger Tage durch ungeplante kardiovaskuläre Kranken­haus­auf­enthalte oder Tod verloren: 17,8 Tage im Vergleich zu 24,2 Tagen in der Kontrollgruppe. Darüber hinaus wies die telemedizinische Patientengruppe eine signifikant geringere Gesamtsterblichkeit im Vergleich zur Kontroll­gruppe auf. Von 100 Herzinsuffizienzpatienten starben in einem Jahr unter den regulären Bedingungen etwa 11 Patienten (11,3 pro 100 Patientenjahre), mit telemedizinischer Mitbetreuung hingegen etwa 8 Patienten (7,8 pro 100 Patientenjahre). Diese Ergebnisse wurden unabhängig davon erreicht, ob der Patient in einer strukturschwachen ländlichen Gegend oder in einer Metropolregion lebte.

Das Versorgungskonzept sieht vor, dass die Patienten vier Messgeräte erhalten: ein EKG-Gerät, ein Blutdruckmessgerät, eine Waage und ein Tablet zur Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands. Die Technik sei leicht zu bedienen und alltagspraktikabel. Zudem werden die Patienten im Umgang mit den Geräten und ihrer Erkrankung durch speziell ausgebildete Pflegefachkräfte der Charité geschult.

Über das Tablet werden die Vitalwerte via Mobilfunk automatisch an das Telemedizin­zent­rum der Charité übertragen. Ärzte und Pflegekräfte bewerten die übertragenen Mess­werte 24 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche und reagieren bei einer Verschlechte­rung der Werte. So werden beispielsweise die Medikationen angepasst, Empfehlungen für einen ambulanten Arztbesuch oder eine Krankenhauseinweisung gegeben.

„Die Messungen nehmen am Morgen circa acht Minuten in Anspruch“, berichtete Friedrich Köhler, der an der Charité das Zentrum für Kardiovaskuläre Telemedizin leitet. Auch ältere Patienten hätten sich als durchaus in der Lage erwiesen, die für die Teilnahme an der tele­medizinischen Versorgung notwendige Technik zu bedienen.

Mit einer relativen Reduktion der Mortalität um 20 Prozent und der Hospitalisierungsrate aufgrund von Herzinsuffizienz um 30 Prozent ließe sich theoretisch jede dritte der 460.000 Hospitalisierungen im Jahr verhindern, so Köhler.

Bisher bestünden nicht die Möglichkeiten, Patienten mit Herzinsuffizienz flächendeckend und bundesweit telemedizinisch zu versorgen, so Rachel. Aber das Ziel sei die Aufnahme der Leistung in die Regelversorgung. „Der erste Schritt in diese Richtung ist der Versor­gungsvertrag zwischen Charité und Barmer.“ Das Nutzenbewertungsverfahren beim G-BA läuft bereits, ein Ergebnis wird im Frühjahr 2021 erwartet.

Köhler geht davon aus, dass circa 20 bis 25 telemedizinische Zentren notwendig seien, um eine flächendeckende Versorgung in ganz Deutschland für Versicherte aller Kranken­kassen zu gewährleisten. Kandidaten für solche Zentren seien die bereits bestehenden Exzellenzzentren für Herzinsuffizienz.

Für die Translation der Studienergebnisse in die Regelversorgung sei darüber hinaus der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) unumgänglich, ist sich der Kardiologe sicher. Derzeit würden noch täglich alle Vitaldaten der Patienten befundet. Mithilfe von KI ließe sich ein Selektionsprozess vorschalten, der es ermögliche, nur noch ausgewählte Vitaldaten täglich befunden zu müssen. © nec/aerzteblatt.de

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