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Politik

Herzbericht zeigt schlechtere Versorgung von Herzpatienten während der Pandemie

Dienstag, 22. Juni 2021

/Siarhei, stock.adobe.com

Berlin – Der Deutsche Herzbericht 2020 zeigt, wie wichtig die Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung in Diagnostik, Therapie und Nachsorge ist – auch während der Coronapandemie.

Viele kardi­ale Erkrankungen seien keine aufschiebbaren Krankheitsfälle, sondern unterlägen auch in der COVID-19-Pandemie weiterhin der Notfallversorgung, betonte Thomas Voigtländer, stellvertretender Vorstandsvor­sitzender der Deutschen Herzstiftung, bei der Präsentation des Herzberichts 2020.

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Diesen stellte die Deutsche Herzstiftung heute gemeinsam mit den ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie (DGK), Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) sowie Kinderkardiologie (DGPK) virtuell vor.

„Die Pandemie hat starke Auswirkungen auf Herzpatienten – zum einen, weil sie ein erhöhtes Risiko haben, einen schweren Verlauf zu erleiden oder zu sterben, zum anderen, weil Nicht-Infizierte zögerten, bei akuten Beschwerden den Notarzt zu rufen“, so Voigtländer.

Beispielsweise sei während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 die Zahl der stationär versorgten akuten Herzinfarkte um 31 Prozent gesun­ken, erklärte der Kardiologe und Intensivmediziner am Cardio­angiologischen Centrum Bethanien (CCB) Frankfurt am Main. Die Sorge vor Corona sei bislang bei Älte­ren sicher adäquat und berechtigt gewesen, doch nun sei es nach den erfolgten Impfungen wichtig, dass sich die Situation entspanne.

Man müsse das Vertrauen der Patienten für das Aufsuchen von Ärzten wieder­gewinnen, damit man nicht in ein dauerhaftes Problem hineinrutsche, sagte Stephan Baldus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Die COVID-19-Pandemie hätte wie unter einem Brennglas gezeigt, wie wichtig eine engmaschige und sorgfältige Betreuung von Herzinsuffizienzpatienten ist.

„Wir mussten leider beobachten, dass an Herzschwäche erkrankte Patientinnen und -patienten im letz­ten Jahr von einer deutlichen Übersterblichkeit betroffen waren, auch wenn sie nicht an COVID-19 erkrankt waren“, berichtete er.

„Dies mag sicher auch daran gelegen haben, dass viele Eingriffe verschoben werden mussten, um die Intensivstationen zu entlasten, aber auch daran, dass viele aus Sorge vor einer An­steckung nicht in die Krankenhäuser gekommen sind“, so Baldus. Jetzt gelte es, dieses Vermeidungs­verhalten wieder aufzu­holen.

Gerade in Pandemiezeiten sei eine konsequente Behandlung der Vorerkrankungen, beispielsweise eine Senkung des Blutdrucks bei Hypertoniepatienten oder die optimale Einstellung des Blutzuckers bei Diabetespatienten, wichtig, ergänzte Voigtländer.

Der Deutsche Herzbericht 2020 stellt diesbezüglich unter anderem eine deutsche, auf AOK-Versicherten­daten basierende Beobachtungsstudie an mehr als 10.000 COVID-19-Patienten vor, die während der ers­ten Pandemiewelle im März und April 2020 stationär behandelt wurden.

Diese zeigt, dass ein Großteil der Patienten unter Vorerkrankungen litt, und zwar 55,6 Prozent der Patien­ten unter arterieller Hypertonie und 27,9 Prozent unter Diabetes mellitus. 22,8 Prozent hatten Nierenver­sa­gen und 19,6 Prozent Herzinsuffizienz.

„Vorerkrankungen wirken sich deutlich auf den Verlauf aus. Es ist daher wichtig, eine Phänotypisierung der Patienten vorzunehmen“, sagte Uwe Janssens, ehemaliger Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Häufig entwickelten COVID 19-Patienten ein multi­systemisches Hyperinflammationssysndrom, bei dem in vielen Fällen auch der Herzmuskel invol­viert wäre. „Derzeit gibt es allerdings noch keine Langzeitbe­ob­achtung zu funktionellen Einschrän­kungen und noch keine Kenntnisse zu dauerhafter Linksherzin­suffienz“, ergänzte Andreas Zeiher, ehe­maliger Präsident der DGK. Man gehe jedoch derzeit von einer akuten Mitreaktion des Myokards ohne strukturelle dauerhafte Schäden aus.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen zumeist Todesursache

Generell sind in Deutschland Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch die Todesursache Nummer Eins. Dem aktuellen Deutschen Herzbericht zufolge starben 2019 allein an der Koronaren Herzkrankheit (KHK) 119.082 Menschen. Das sind 132 Verstorbene pro 100.000 Einwohner. Erfreulich sei allerdings, dass die Sterblichkeit von 2017 bis 2019 spürbar gesenkt werden konnte, und zwar bei den KHK-Sterbe­fällen um 9,1 Prozent, sagte Voigtländer.

Die Zahl der an Herzschwäche Verstorbenen sank sogar um zwölf Prozent von 42,7 auf 37,6 Verstorbene pro 100.000 Einwohner. Zudem verschiebe sich die KHK-Sterblichkeit in das höhere Alter und beginne bei den Männern ab 55 Jahren und den Frauen erst ab 70 Jahren bedeutsam zu werden.

„Die Entwicklung geht in richtige Richtung“, sagte der Kardiologe. „Diese sehr positiven Daten dürfen nicht den Blick dafür verstellen, dass die KHK immer noch die häufigste Todesursache ist.“ Die frühzeitige Diagnose und konsequente medikamentöse und interventionelle Behandlung oder seltener auch opera­tive Behandlung von Plaques und Verengungen der Herzkranzgefäße, die unbehandelt zum Herzinfarkt führen könnten, seien ebenso wie die kardiovaskuläre Prävention unverzichtbar in der Bekämpfung der Sterblichkeit durch die KHK.

Geringere Hospitalisationsrate

Gesenkt werden konnte von 2011 bis 2019 auch die vollstationäre Hospitalisationsrate wegen KHK, kon­kret um 12,5 Prozent auf 699 pro 100.000 Einwohner. Es zeige sich aber, dass die jüngere Bevölkerungs­gruppe der 45- bis unter 65-Jährigen mit 818 KHK-Fällen pro 100.000 Einwohner überdurchschnittlich häufig stationär behandelt werden müsse, berichtete Voigtländer.

„Der Anstieg der Krankenhausaufnahmen wegen KHK setzt bei den Männern bereits mit dem 45. bis 50. Lebensjahr ein. Unser Ziel sollte sein, noch bevor es zum therapeutischen Einsatz von Kathetereingriffen wie PCI und Stentimplantation oder der Bypass-Chirurgie kommt, KHK Patienten zu identifizieren und frühzeitig zu behandeln“, erklärte der Herzstiftungs-Vorstand.

Der Deutsche Herzbericht 2020 legt auch weiterhin regionale Unterschiede in der Sterblichkeit und bei den Krankenhausaufnahmen aufgrund von Herzkrankheiten. Die höchste Sterblichkeitsrate (alters- und geschlechtsstandardisiert) durch einen Herzinfarkt findet sich immer noch in den östlichen Bundes­län­dern: Berlin mit 72,3, Sachsen-Anhalt mit 67,1, Brandenburg mit 67,0, Sachsen mit 60,4 und Meck­len­burg-Vorpommern mit 65,4 Verstorbenen pro 100.000 Einwohnern. „Allerdings hat sich mit Ausnahme von Berlin die Sterblichkeitsrate in diesen Bundesländern im Vergleich zum Vorjahr spürbar verbessert“, berichtete Voigtländer.

Die niedrigsten Sterblichkeitsraten für Herzinfarkt hätten Schleswig-Holstein (25,5), Nordrhein-Westfalen (36,6) und Hamburg (40,2). Dafür kämen mehrere günstige Faktoren in Betracht, meint der Kardiologe, wie Abläufe im Rettungssystem, Notarztsysteme mit hoher Effizienz auch fernab der Ballungsgebiete in bevölkerungsarmen Gegenden, Verkürzung der Prähospitalzeiten durch schnelles Handeln einer für die Infarktsymptomatik sensibilisierten Bevölkerung.

„In ländlichen Regionen mit längeren Anfahrtszeiten der Rettungsdienste könnten auch die für die Ver­sor­gung von Patienten mit unklaren Brustschmerzen wichtigen Chest-Pain-Units (CPUs) für eine Verbes­serung der Versorgung von Patienten hilfreich sein," so Voigtländer.

Mittlerweile seien mehr als 320 CPUs von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zertifiziert und verfügten über eine 24-Stunden-Herzkatheterbereitschaft an sieben Wochentagen. Sie entstünden aber offensichtlich „in den Regionen, die ohnehin schon gut versorgt sind, leider aber nicht in den Regionen, die einer solchen Versorgung eigentlich bedürfen“, heißt es im Herzbericht.

Deutlich wird im Herzbericht trotz steigender Fallzahlen eine anhaltende Verbesserung der Prognose beziehungsweise der Sterblichkeit an Herzinsuffizienz, die im Jahr 2019 auf den niedrigsten Wert seit 2011 gefallen ist. „Dies liegt unserer Ansicht nach an neu verfügbaren Therapieoptionen und der besse­ren Etablierung leitliniengerechter Therapien“, sagte Stephan Baldus, Präsident der Deutschen Gesell­schaft für Kardiologie. Seit 2014 seien zwei neue Medikamentenklassen hinzugekommen, die einen deutlich positiven Einfluss auf die Lebenserwartung der Herzinsuffizienzpatienten hätten.

Keine Entwarnung

Ein Grund zur Entwarnung ist dies für Baldus jedoch nicht. „Wir werden in den nächsten Jahren steigende Patientenzahlen mit der Diagnose Herzinsuffizienz sehen“, ist er überzeugt. „Die Herzschwäche ist häufig die Folge und das Endstadium vieler anderer Herz- Kreislauferkrankungen, deren Häufigkeit leider zu­nimmt.“

Auch die Zahl der Menschen in Deutschland, die an Herzrhythmusstörungen leiden, ist in den vergange­nen Jahren gestiegen. Die Ursache des deutlichen Anstiegs sieht Baldus anderem in der verbesserten Dia­gnos­tik und in den verbesserten Möglichkeiten zur medikamentösen und instrumentellen Therapie von Patientinnen mit Herzrhythmusstörungen, aber auch in der weiter fortschreitenden Alterung der Bevöl­kerung. Seit 2015 verlangsame sich der Anstieg jedoch deutlich. Die Sterblichkeitsrate im Bereich der Rhythmus­störungen stagniere, unter anderem durch die Katheterablation.

„Hierin zeigt sich eine Entwicklung, die der zunehmenden Bedeutung und Wichtigkeit dieser Therapie­strategie absolut gerecht wird“, meinte Baldus. „Eine der schwerwiegendsten Folgen von Vorhofflimmern kann ein Schlaganfall sein. Somit ist es eklatant wichtig, diese Herzrhythmusstörung frühzeitig zu erken­nen und so effektiv wie möglich zu behandeln.“

Der Deutsche Herzbericht 2020 bescheinigt auch der Herzchirurgie ein hohes Niveau: Im Jahr 2019 wurden in den 78 deutschen Fachabteilungen für Herzchirurgie 96.404 Herzoperationen durch­geführt, davon zehn Prozent als Notfälle.

„Unsere Patientinnen und Patienten erreichen ein hohes Lebensalter und können überaus erfolgreich ope­riert werden. Die Überlebenschance liegt bei über 97 Prozent auch bei den 80+ Jährigen“, erklärte heute Andreas Böning, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie.

Im Jahr 2019 seien beispielsweise 44,8 Prozent der Patienten, die eine isolierte Bypass-Operation erhiel­ten, über 70-Jahre alt gewesen, fast zehn Prozent sogar bereits über 80 Jahre. Trotz zu­neh­mender Morbi­dität, die insbesondere im Kontext des demografischen Wandels zu betrachten sei, sinke seit 2011 die Mortalitätsrate.

Eine positive Bilanz zieht der aktuelle Herzbericht auch bezüglich der Behandlungsmöglichkeiten ange­borener Herzfehler (AHF). Während noch vor etwa 80 Jahren fast alle Kinder mit komplexen AHF in den ersten Lebensjahren verstarben, erreichten heutzutage mehr als 95 Prozent das Erwachsenenalter, bestä­tigte DGPK-Präsident Nikolaus Haas. Dies sei eine Erfolgsgeschichte.

„Diese gute Qualität ist jedoch akut gefährdet; einerseits durch sinkende Intensivbettenkapazitäten, einen kontinu­ier­lich zunehmenden Mangel im Pflegebereich und dadurch bedingte tägliche Verschie­bungen von Operationen“, warnte der Kinderkardiologe.

Zur Verbesserung der Behandlungsergebnisse hätten dagegen sowohl die Fortschritte in Diagnostik und Therapie als auch administrative Verbesserungen beigetragen, so Haas.

Der zunehmenden Zahl der Er­wach­senen mit einem angeborenen Herzfehler (EMAH) werde die Tatsache gerecht, dass 2018 vom Deu­tschen Ärztetag im Rahmen der Muster-Weiterbildungsordnung eine neue Subdisziplin „Erwachsene mit einem angeborenen Herzfehler“ eingeführt wurde, die sowohl von Kinder­kardiologen als auch von Er­wach­senenkardiologen erworben werden könne. © ER/aerzteblatt.de

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