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Medizin

Deutscher Herzbericht 2016: Nachholbedarf im internationalen Vergleich

Mittwoch, 25. Januar 2017

Das höchste Infarktrisiko haben weiterhin Menschen in ostdeutschen Ländern. /Deutscher Herzbericht 2016

Berlin – In der Summe hat die Sterblichkeit aufgrund von Herzerkrankungen in Deutschland abgenommen, lautet das positive Fazit des Deutschen Herzberichts, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Gleichzeitig steigen die stationären Aufnahmen aufgrund von Neuerkrankungen. Dennoch: Im europäischen Vergleich steht die Bundesrepublik trotz bester Therapiemöglichkeiten bei der Mortalität nur im Mittelfeld. Hier gebe es Nachholbedarf, vor allem bei der Prävention, gab Thomas Meinertz, Vorsitzender der Deutschen Herzstiftung, zu bedenken. 

Immer weniger Menschen sterben aufgrund eines akuten Herzinfarkts, einer ischä­mischen Herzkrankheit oder koronarer Herzkrankheiten (KHK). Die logische Schluss­folgerung:  Die Zahl der Patienten mit einer Herzinsuffizienz nimmt zu, und auch Herz-Rhythmus-Störungen steigen Hand in Hand mit der höheren Lebenserwartung. Im Jahr 1990 starben 21,15 Prozent mehr Menschen in Deutschland an Herzerkrankungen als im Jahr 2014 (324,8 versus 256,1 pro 100.000 Einwohner). Dieser Rückgang sei auf die Fortschritte der Herzmedizin zurückführbar, ist sich Hugo Katus, Präsident der Deut­schen Gesellschaft für Kardiologie (DKG) sicher.

Deutschland ohne Spitzenposition
Im europäischen Vergleich schneidet Deutschland bei der Sterblichkeit und Erkran­kungs­häufigkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und KHK dennoch fast durchweg schlechter als seine Nachbarländer im Westen ab. Die Ergebnisse der europaweiten Vergleichsstudie, die im European Heart Journal 2016 erschienen ist, findet Meinertz „unglaublich“.

Die Übersichtsarbeit zeigt, dass Deutschland, gemessen an der altersstandardisierten Herz-Kreislauf-Sterblichkeitsrate (ASDR: Gestorbene Männer beziehungsweise Frauen pro 100.000 Personen), allenfalls im Mittelfeld liegt (vergleichbar mit Griechenland und Finnland). Die Abnahme der Sterblichkeit innerhalb von zehn Jahren gelingt Deutschland deutlich schlechter als etwa Frankreich, der Niederlande, Spanien oder Großbritannien. Senkte Deutschland bei einer ASDR von 477,2 (gestorbenen Männern pro 100.000) die Zehn-Jahres-Sterblichkeit um 29,7 %, senkten sie die Niederlande um 39,2 % (ASDR: 332), Frankreich um 34 % (ASDR: 275,2), Spanien um 33,2 % (ASDR: 292,4) und Großbritannien um 42,2 % (ASDR: 334,3). Ähnlich liegen die Verhältnisse bei Frauen.

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„In Deutschland haben wir ein gewaltiges Defizit“, sagt Meinertz. Dieses Defizit sei aber nicht auf die fortschrittlichen Herzklappen oder die Koronarchirurgie zurückzuführen. „Das Defizit liegt in der Prävention im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, führt der Kardiologe vom Klinikum Stephansplatz Hamburg weiter aus. Hier hätte Deutschland bisher nur ein Ziel erreicht, die Einschränkung des Nikotinkonsums. In Frankreich würden Ärzte hingegen entsprechend für Präventionsmaßnahmen entlohnt, begründet Meinertz den Vorteil des Nachbarns.

Östliche Bundesländer weiterhin Schlusslicht
Regionale Unterschiede sieht man wie schon im Vorjahr auch innerhalb Deutschlands. Der aktuelle Herzbericht belegt, dass weiterhin die ostdeutschen Bundesländer Sach­sen-Anhalt, Thüringen, Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern eine Spitzenposition in der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit einnehmen, wenn man KHK/Herz­infarkt, Herzschwäche, Klappenkrankheiten und Rhythmusstörungen in der Summe betrachtet.

Die niedrigste aufsummierte Sterbeziffer weist Berlin mit 169 Gestorbenen pro 100.000 Einwohnern (EW) auf, Sachsen-Anhalt die höchste mit 391 Gestorben pro 100.000 EW. Zwar ist in diesen Ländern – wie auch im westdeutschen Saarland – weiterhin die Sterblichkeit am akuten Herzinfarkt am höchsten. „Erfreulicherweise ist aber in diesen ostdeutschen Regionen ein positiver Trend mit Sterblichkeits-Rück­gängen insbesondere in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen fest­stellbar“, betont Meinertz.

Den Grund dafür vermutet Meinertz unter anderem in einem besseren Gesundheits­bewusstsein. „Dies dürfe jedoch nicht über den hohen Bedarf an Präventions­maßnah­men in der Bevölkerung hinwegtäuschen“, warnt Meinertz. Wie der Herzbericht zeigt, treten in Bundesländern wie Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpom­mern mit einer überdurchschnittlich hohen Infarktsterblichkeit meistens auch die wich­tigs­ten Risikofaktoren für KHK/Herzinfarkt häufiger auf: Rauchen, Diabetes, Bluthoch­druck, Übergewicht und metabolisches Syndrom.

Geschlechtsunterschiede beim Todesrisiko nach Herzkrankheiten
Die Zahlen im jüngsten Herzbericht für Deutschland zeigen ein weiteres interessantes Detail. An Herzklappenkrankheiten starben 2014 weit mehr Frauen als Männer: 6.180 versus 9.884. „Unerwartet groß“ nennen Fachleute diesen Geschlechterunterschied. Das gilt auch für Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche. Bei den Ursachen gelte der altersbedingte Nachteil als gesichert: Frauen erkranken durchschnittlich sieben bis zehn Jahre später an Herzleiden als Männer, berichtet Meinertz.

Da Herzprobleme überwiegend eine Krankheit des Alters sind, ist allein das Alter bereits ein höheres Risiko. Dazu kommen hormonelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen, eine unterschiedliche Anatomie der kleinen Herzkranzgefäße. Aber auch die Psychologie: „Viele Frauen glauben, dass sie nicht herzkrank werden“, vermutet Katus. Die Sorge vor Brustkrebs sei viel größer.

Der Herzbericht wird von der Deutschen Herzstiftung zusammen mit den ärztlichen Fach­gesellschaften für Kardiologie (DGK), Herzchirurgie (DGTHG) und Kinderkardio­logie (DGPK) alljährlich herausgegeben. © gie/aerzteblatt.de

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