MedizinKardiologieAktuelles Kardiologie
Aktuelles
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Stereotaktische Strahlentherapie stoppt ventrikuläre Tachykardie

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Thomas Hecker - stock.adobe.com

St. Louis – Eine stereotaktische Bestrahlung mit einem Linearbeschleuniger, der zur gezielten Behandlung von Hirntumoren entwickelt wurde, hat in einer Fallserie im New England Journal of Medicine (2017; 377: 2325-2336) fünf Patienten von therapie­refraktären ventrikulären Tachykardien befreit. Eine Patientin starb drei Wochen später an einer Thromboembolie.

Nach einem Herzinfarkt oder bei Kardiomyopathien kann es zur Bildung von Narben kommen, die die Erregungsleitung im Herz stören. Eine Folge sind lebensgefährliche Tachykardien. Die Behandlung besteht heute zunehmend in einer Katheterablation, die jedoch nicht immer erfolgreich ist oder die Narbenregion nicht erreicht. Die Patienten werden dann mit einem implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) versorgt, der die Tachykardien durch einen Stromstoß beseitigt.

Anzeige

Der ICD kann jedoch die Ursache der Tachykardien nicht beseitigen, und die fünf Patienten, die der Kardiologe Phillip Cuculich von der Washington University School of Medicine in St. Louis im US-Staat Missouri behandelte, hatten innerhalb von drei Monaten zusammen 6.577 Episoden einer Tachykardie erleben müssen. Bei allen war eine Katheterablation erfolglos geblieben und Medikamente hatten keine Wirkung erzielt. Cuculich schätzte die Prognose der Patienten als ungünstig ein und schlug ihnen deshalb eine experimentelle Therapie vor.

Die Klinik besitzt einen Linearbeschleuniger, der Elektronen mit hoher Präzision auch auf bewegliche Ziele wie das schlagende Herz schießen kann. Diese Ziele wurden bei den fünf Patienten während einer mit dem ICD ausgelösten ventrikulären Tachykardie mittels eines EKGs mit 256 Elektroden lokalisiert. Bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie oder Single-Photon-Emissions-Computertomographie lieferten ergänzende Informationen.

Die Zielregionen in einer Größe von 17 bis 81 ml wurden dann in einer einzelnen Sitzung mit einer Dosis von 25 Gray beschossen. Die Behandlungen dauerten nur 11 bis 18 Minuten.

Die Teilchenstrahlung zerstört die Zellen, indem sie die DNA beschädigt. Bis zum Absterben der Zellen können mehrere Wochen vergehen. In dieser „blanking period“ kam es bei den Patienten noch zu 680 Episoden einer ventrikulären Tachykardie. Danach traten während 46 Patientenmonaten nur noch vier Episoden auf. Gegenüber der Situation vor der Behandlung entspricht dies laut Cuculich einer Reduktion um 99,9 Prozent.

Die stereotaktische Strahlentherapie ist damit in der Lage, eine ventrikuläre Tachy­kardie durch kardiale Narben fast vollständig zu heilen. Die potenziellen Risiken ergeben sich aus der Nähe des Bestrahlungsgebietes zu strahlensensiblen Geweben wie Myokard, Reizleitungssystem, Herzklappen, Koronararterien, Lungen, Nerven­verbindungen und Speiseröhre. Linearbeschleuniger sind zwar sehr präzise und anders als bei konventionellen Bestrahlungsgeräten lässt sich auf die Eindringtiefe steuern. Atem- und Herzbewegung erhöhen jedoch die Gefahr, dass die stereotaktische Bestrahlung ihr Ziel verfehlt.

Die Behandlung verlief zunächst bei allen fünf Patienten komplikationslos. Alle wurden ein bis drei Tage nach der Behandlung aus der Klinik entlassen. Die ICD wurden nicht beschädigt, die Herzfunktion war normal, im Ultraschall war kein Perikarderguss erkennbar. Auch die Lungenfunktion war normal. Drei Monate nach der Behandlung waren im CT Zeichen einer Pneumonitis sichtbar, die sich jedoch in der Folgezeit zurückbildeten, wie Cuculich versichert.

Eine Patientin, eine 83-jährige Frau mit einem Vorhofflimmern in der Vorgeschichte, starb drei Monate nach der Behandlung an einem Schlaganfall. Sie hatte aufgrund ihres Alters keine oralen Antikoagulanzien erhalten, so dass Cuculich geneigt ist, den Tod allein auf ein thromboembolisches Ereignis infolge der Vorhofflimmerns zurück­zuführen, zumal sich die Herzfunktion nach der Behandlung gebessert und die Zahl der Tachykardie-Attacken um 82 Prozent zurückgegangen war.

Ob es langfristig zu Schäden kommt, soll jetzt eine Anschlussstudie ermitteln. Zu den möglichen Folgen gehört eine chronische Schädigung der Lungen oder die Induktion von Krebserkrankungen, was die Patienten jedoch angesichts der schlechten Prognose ihrer kardialen Erkrankung in Kauf genommen haben. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
Arbeitsrecht Kardiologie
Alle Jobs