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Stammzellstudie zur Behandlung der ischämischen Kardiomyopathie gestoppt

Dienstag, 30. Oktober 2018

/nobeastsofierce, stockadobecom

Bethesda/Maryland – Das US-amerikanische National Heart, Lung, and Blood Institute hat eine zentrale Studie zur Stammzelltherapie der ischämischen Kardiomyopathie vorübergehend gestoppt. Hintergrund sind die Anschuldigungen gegen einen ehemaligen Kardiologen der Harvard-Universität, dessen Team die Fälschung und Erfindung wissenschaftlicher Daten vorgeworfen wird.

Der Kardiologe Piero Anversa, der damals am New York Medical College tätig war, gehörte zu den wichtigsten Verfechtern der Stammzelltherapie. Im Jahr 2000 hatte er seine Kollegen auf der Jahrestagung der American Heart Association mit präklinischen Studienergebnissen beeindruckt, nach denen Stammzellen aus dem Knochenmark in der Lage sein sollen, den Herzmuskel zu erneuern. Damit schien die damalige Lehrmeinung widerlegt, nach der sich der Herzmuskel nach einem Herzinfarkt nicht regenerieren kann. Kurze Zeit später wurden die Ergebnisse in Nature (2001; 410: 701-5) publiziert.

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Nach einem Infarkt werden die Herzmuskelzellen durch Bindegewebszellen ersetzt. Die Herzleistung sinkt und viele Überlebende von Herzinfarkten entwickeln schließlich eine ischämische Kardiomyopathie, die meist tödlich endet. Anversa schlug vor, die Patienten mit Stammzellen aus dem Knochenmark zu behandeln. Dies wurde daraufhin in mehreren klinischen Studien erprobt. Die Ergebnisse waren jedoch enttäuschend. Eine deutliche Steigerung der Herzleistung konnte niemals erzielt werden.

Schon bald kamen Zweifel auf. Andere Forscher konnten die Ergebnisse von Anversa und seinen Mitarbeitern nicht reproduzieren. Charles Murry von der University of Washington in Seattle konnte in 145 Experimenten in Nature (2004; 428: 664-8) keine Umwandlung der Knochenmarkzellen in Herzmuskelzellen erkennen. Auch der Stammzellforscher Sten Jacobsen von der Universität Lund wurde zusammen mit Prof. Bernd Fleischmann von der Universität Bonn nicht fündig (Nature Medicine 2004; 10: 494-501). Das Team um Anversa, der inzwischen zum Leiter des Center for Regenerative Medicine am Brigham and Women's Hospital in Boston berufen wurde, publizierte weitere Studien, die den Nachweis einer Neubildung von Herzmuskelzellen erbringen sollten. Die zuletzt in Circulation (2012; 126: 1869-81) vorgestellte Studie wurde 2 Jahre später zurückgezogen.

Inzwischen hatte die Harvard Universität, zu der das Brigham and Women’s Hospital gehört, Untersuchungen aufgenommen. Wie die New York Times berichtet, wurden bereits Anfang 2013 Computer und wissenschaftliche Notizen beschlagnahmt. Auch das National Heart, Lung, and Blood Institute (NHLBI), das die Forschung finanziert hatte, wurde aufmerksam.

Sie drohte der Harvard Universität mit einer Schadenersatz­klage, die dieser Tage gegen eine Zahlung von 10 Millionen US-Dollar fallengelassen wurde. Bei dem Verfahren ging es um insgesamt 8 Studien, die teilweise in renommierten Journals wie dem New England Journal of Medicine publiziert wurden und teilweise bereits zurückgezogen wurden. Insgesamt sollen 31 Publikationen betroffen sein.

Die Überprüfung laufender Studien war eine logische Konsequenz. Getroffen hat es jetzt die CONCERT-HF-Studie, die seit 2015 an 7 Zentren Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz nach Herzinfarkt in 4 Gruppen mit 3 verschiedenen Stammzell­therapien (mesenchymale Stammzellen aus dem Knochenmark, c-kit-positive Stammzellen aus dem Herzgewebe oder beides) oder mit Placebo behandelt.

Das NHLBI hat die Studie dem Vernehmen nach mit 7,9 Millionen US-Dollar gesponsert. Bisher wurden 125 von geplanten 144 Teilnehmern rekrutiert, insgesamt 90 wurden behandelt. Wie die Washington Post berichtet, sind bisher keine Sicherheitsprobleme aufgetreten, wenn man von einem Patienten absieht, der nach der Herzbiopsie starb, die zur Gewinnung der c-kit-positiven Stammzellen erfolgte.

Das NHLBI hat die Studie nur vorübergehend gestoppt. Eine spätere Fortsetzung wird nicht ausgeschlossen. Nach Information von Science sind nicht alle beteiligten Forscher glücklich mit der Entscheidung. Während die Therapie mit hämatopoetischen Stammzellen kaum noch Anhänger hat, wird den c-kit-positiven Stammzellen ein klinisches Potenzial zugeschrieben. Die präklinischen Studien, die an 8 nicht von den Betrugsvorwürfen betroffenen Laboren durchgeführt worden waren, sollen zu vielversprechenden Ergebnissen gekommen sein. © rme/aerzteblatt.de

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boergerhp
am Mittwoch, 31. Oktober 2018, 00:08

Dr. med

Wie sagte Prof. Zeuzem, Uni FFM bei einer Fortbildungsveranstaltung (als den Niedergelassenen die Honorare gekürzt wurden) Wer, wenn nicht wir, kann das Geld im Gesundheitswesen mit bester Legitimation ausgeben? (um mit Milionenbetrag das Leben eines Infarktpatienten -wie er glaubte- Tage verlängern zu können.
LNS