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Medizin

Studie: Alle Fleischmahlzeiten erhöhen Herz-Kreis­lauf-Risiko

Mittwoch, 5. Februar 2020

/dpa

Ithaca/New York – Nachdem ein internationales Forscherteam kürzlich den Verzehr von rotem Fleisch für gesundheitlich unbedenklich erklärt hat, kommen US-Epidemiologen in JAMA Internal Medicine (2020; doi: 10.1001/jamainternmed.2019.6969) jetzt zu dem Ergebnis, dass nicht nur der Verzehr von rotem Fleisch, sondern auch verarbeitetes Fleisch und Hühnerfleisch, nicht aber Fisch langfristig das Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Für rotes Fleisch und verarbeitetes Fleisch war auch ein leicht erhöhtes Sterberisiko nachweisbar.

Die Anfang Oktober 2019 in den Annals of Internal Medicine veröffentlichten Empfeh­lungen eines „Nutritional Recommendations (NutriRECS) Consortiums“ sind bei den meisten anderen Epidemiologen auf heftige Kritik gestoßen. Tatsächlich widersprechen sie den Ergebnissen der meisten früheren Untersuchungen.

Ein Team um Victor Zhong von der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York verweist in der Publikation gleich auf 8 frühere Meta-Analysen, die den Verzehr von Fleisch mit verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankung in Verbindung gebracht haben.

Meta-Analysen vergleichen jedoch häufig heterogene Studien, deren Ergebnisse sich nur schwer zusammenfassen lassen. Die 6 Studien, deren Ergebnisse Zhong im Rahmen des „Lifetime Risk Pooling Project" zusammenfasst, haben jedoch ähnliche Fragebögen ver­wen­det, so dass sich der Einfluss der Ernährung auf das Erkrankungsrisiko leichter beurteilen lässt.

Die 29.682 Teilnehmer im mittleren Alter von 53,7 Jahren wurden zudem über einen längeren Zeitraum von median 19 Jahren nachbeobachtet, in dem es zu 6.963 Herz-Kreislauf-Ereignissen und 8.875 Todesfällen kam. Auf dieser Datenbasis lassen sich auch kleinere Risiken nachweisen.

Tatsächlich waren die Risiken, die Zhong ermittelte, nicht sehr hoch. Personen, die 2 Portionen verarbeitetes Fleisch pro Woche verzehrten, hatten gegenüber einer fleisch­freien Kost ein um 7 % erhöhtes Risiko auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. 1 Portion bestand dabei aus 2 Scheiben Speck, 2 kleinen Bratwürstchen oder 1 Hotdog. Die Hazard Ratio von 1,07 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,04 bis 1,11 signifikant. Die absolute Risikodifferenz (ARD) über 30 Jahre betrug 1,74 % (0,85 bis 2,63 %).

Der Verzehr von 2 zusätzlichen Portionen unverarbeitetem rotem Fleisch pro Woche erhöhte das Risiko auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung um 3 %. Eine Portion war definiert als 4 Unzen (114 Gramm) Fleisch. Die Hazard Ratio betrug 1,03 (1,01 bis 1,06) und die ARD über 30 Jahre 0,62 % (0,07 bis 1,16 %).

2 zusätzliche Portionen Geflügelfleisch pro Woche gingen mit einem um 4 % erhöhten Risiko einher (Hazard Ratio 1,04; 1,01 bis 1,06). Das bedeutete eine 30-Jahres ARD von 1,03 % (0,36 bis 1,70 %). Eine Portion war definiert durch 4 Unzen (114 Gramm) Fisch.

Für den Verzehr von 2 wöchentlichen Fisch-Mahlzeiten (die Portion mit jeweils 3 Unzen oder 85 Gramm) ermittelte Zhong kein erhöhtes Risiko (Hazard Ratio 1,00; 0,98 bis 1,02) und keine erhöhte 30-Jahre ARD (0,12 %; minus 0,40 bis 0,65 %). Es wurde aber auch keine protektive Assoziation gefunden, die viele Ernährungswissenschaftler aufgrund des hohen Gehalts an Omega-3-Fettsäuren vom häufigen Fischkonsum erwarten.

Hinsichtlich der Gesamtsterblichkeit fand Zhong nur für verarbeitetes Fleisch und rotes Fleisch ein erhöhtes Risiko. Die beiden zusätzlichen wöchentlichen Portionen verarbei­tetes Fleisch erhöhten das Sterberisiko um 3 %. Die Hazard Ratio betrug 1,03 (1,02 bis 1,05), die 30-Jahres ARD 0,90 % (0,43 bis 1,38 %). 2 Portionen unverarbeitetes rotes Fleisch erhöhten das Sterberisiko um 3 %. Die Hazard Ratio betrug 1,03 (1,01 bis 1,05) und eine 30-Jahres ARD 0,76 % (0,19 bis 1,33 %).

Bei den 6 Kohorten handelte es sich um die ARIC-Studie („Atherosclerosis Risk in Communities“), die CARDIA-Studie („Coronary Artery Risk Development in Young Adults“), die „Cardiovascular Health Study“ (CHS), die „Framingham Heart Study“ (FHS), die „Framingham Offspring Study“ (FOS) und die MESA-Studie („Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis“).

Die Hazard Ratios berücksichtigen eine Reihe von demografischen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Herkunft und Bildung (Modell 1), konkurrierende Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Alkohol und Hormontherapie (Modell 2) und eine Reihe anderer Er­näh­rungsgewohnheiten (Modell 3) wie Obst, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, anderes Gemüs­e, Nüsse und Samen, Vollkornprodukte, raffiniertes Getreidemehl, fettarme und fettreiche Milchprodukte, zuckerhaltige Getränke, Eier und die 3 jeweils nicht analysierten Fleisch­arten (verarbeitetes Fleisch, unverarbeitetes rotes Fleisch, Geflügel und Fisch).

Die Studie dürfte deshalb als hochwertig einzustufen sein, auch wenn sie nicht frei von Schwächen ist. Dazu gehört, dass die Ernährung nur 1-Mal pro Fragebogen erfasst wurde, es keine Angaben zur Zubereitungsart gibt (fritiert oder nicht fritiert). Wie immer in Beobachtungsstudien lässt sich eine Kausalität nicht belegen.

Das Risiko, das von 2 Fleischmahlzeiten in der Woche ausgeht, wäre nach den Ergeb­nissen der Studie insgesamt gering. Gesamtgesellschaftlich gesehen, könnte sich die Krank­heitslast der Bevölkerung jedoch durch die Reduktion des Fleischkonsums senken, meint Zhong. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Freitag, 7. Februar 2020, 00:09

Das Elend der Ernährungsforschung

Der Ernährungswissenschaft fehlt das wichtigste Instrument der Wissenschaften: Das Experiment!
Fast alle Ernährungsstudien beruhen auf reportierten Ernährungsgewohnheiten - und Menschen neigen dazu, sich besser darzustellen, also bei Befragungen vermeintliche Erwartungen zu erfüllen uns so zu tun, als wären Ernährungsvorgaben tatsächlich einzuhalten.
Metaanalysen sind Unfug, wenn jede Forschungsgruppe andere "Portionsgrößen", andere Definitionen für "weißes", "rotes" oder "verarbeitetes Fleisch", "Fisch" kann nur Seefisch, See- und Süßwasserfisch, ein- oder ausschließlich Muscheln und Krebse sein... selbst, was Obst und was Gemüse ist, unterscheidet sich im Sprachgebrauch der Kontinente...
"Richtige" Ernährungsstudien könnte man allenfalls in Klöstern oder Langzeitunterbringungseinrichtungen durchführen - US-Gefängnisse, deutsche forensische Kliniken,... aber da fehlt dann die Vergleichbarkeit mit der Normalbevölkerung....
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 6. Februar 2020, 19:41

Reine Tendenzforschung

Wer bei Personen, die 2 Portionen verarbeitetes Fleisch pro Woche verzehrten, gegenüber einer fleisch­freien Kost ein nicht signifikantes, nur um 7 % erhöhtes Risiko auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung feststellen möchte, hat offensichtlich den wissenschaftlichen Verstand verloren oder betreibt Tendenzforschung: "1 Portion bestand dabei aus 2 Scheiben Speck, 2 kleinen Bratwürstchen oder 1 Hotdog."

Was hat das mit vernünftiger Ernährung und gesundem Fleisch zu tun?

Die Hazard Ratio von 1,07 konnte mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,04 bis 1,11 gar nicht signifikant sein. Denn die absolute Risikodifferenz (ARD) über 30 Jahre betrug 1,74 % (0,85 bis 2,63 %).

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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