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COVID-19: Behandlung der Hypertonie könnte erhöhtes Sterberisiko senken

Freitag, 5. Juni 2020

/pictworks, stock.adobe.com

Wuhan – Patienten mit erhöhtem Blutdruck haben nach den Ergebnissen einer Beobachtungsstudie aus China im European Heart Journal (2020; DOI: 10.1093/eurheartj/ehaa433) bei einer Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 ein 2-fach erhöhtes Risiko, an COVID-19 zu sterben. Die Behandlung der Hypertonie senkte dagegen das Sterberisiko auch dann, wenn sie mit ACE-Hemmern oder mit anderen RAAS-Inhibitoren erfolgte.

Berichte über die erhöhte Mortalität von Hypertonikern an COVID-19 haben in den letzten Monaten zu zahlreichen Spekulationen geführt, weil SARS-CoV-2 über den ACE2-Rezeptor in die Zellen gelangt. Tierexperimentelle Studien und Laborversuche an mensch­­lichen Zellen hatten gezeigt, dass die Behandlung mit ACE-Hemmern die Express­ion der ACE2-Rezeptoren steigert. Dies könnte, so die Befürchtung, die Infektion mit dem SARS-CoV-2 befeuern und damit die erhöhte Sterblichkeit erklären.

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Inzwischen haben sich die Bedenken etwas gelegt. Eine Studie aus der Lombardei kam Anfang Mai zu dem Ergebnis, dass Patienten, die mit ACE-Hemmern oder anderen Inhibitoren des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RASS) behandelt wurden, eher ein niedriges Risiko hatten, an COVID-19 zu erkranken.

Eine US-Studie und eine (inzwischen zurückgezogene) internationale Analyse von elektronischen Krankenakten kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Keine Studie hatte jedoch explizit den Einfluss der Medikamente bei Hypertonikern untersucht.

Dies hat jetzt ein Team um Fei Li und Ling Tao von der Xijing-Klinik in Xian/China nachgeholt. Die Forscher haben die Erfahrungen des Huoshenshan-Krankenhauses ausgewertet, das im Januar in aller Eile in Wuhan extra für die Behandlung von COVID-19-Patienten errichtet worden war.

Dort waren 34 von 850 hypertensiven Patienten (4,0 %) an den Folgen von COVID-19 gestorben. Unter den 2.027 Patienten ohne Hypertonie hatte es dagegen nur 22 Todes­fälle (1,1 %) gegeben. Li und Tao ermittelten eine adjustierte Hazard Ratio von 2,12, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,17 bis 3,82 signifikant war. Dies bestätigt die auch in anderen Ländern gemachte Erfahrung, dass Patienten mit einer arteriellen Hypertonie ein erhöhtes Sterberisiko haben.

Unter den 850 Patienten mit arterieller Hypertonie waren 140, die keine Antihyper­tensiva eingenommen hatten. Von diesen starben 11 (7,9 %) am Coronavirus. Unter den 710 Patienten, die Hochdruckmedikamente einnahmen, gab es dagegen nur 23 Todesfälle (3,2 %). Li und Tao ermittelten eine adjustierte Hazard Ratio von 2,17 (1,03 bis 4,57). Patienten mit einer unkontrollierten Hypertonie hatten also ein mehr als 2-fach erhöhtes Sterberisiko.

Bei der Behandlung machte es keinen Unterschied, ob die Patienten ACE-Hemmern oder andere Inhibitoren des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) erhalten hatten. Hier gab es unter 183 Patienten nur 4 Todesfälle (2,2 %). Oder ob die Patienten mit anderen Antihypertensiva behandelt worden waren. Dort starben 19 von 527 Patienten (3,6 %). Die adjustierte Hazard Ratio von 0,85 spricht eher für einen Vorteil durch RAAS-Inhibitoren, auch wenn das weite 95-%-Konfidenzintervall von 0,28 bis 2,58 hier keine sichere Aussage zulässt.

Auch in einer Meta-Analyse an fast 2.300 Patienten, die die Daten aus 3 weiteren chinesischen Kohorten einbezog, wurde kein Hinweis auf ein Risiko durch RAAS-Inhibitoren gefunden. Das Sterberisiko war hier mit einem relativen Risiko von 0,65 und einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,45 bis 0,94 sogar signifikant vermindert.

Da es sich um eine retrospektive Studie handelt, verbieten sich weitreichende Spekulationen. Die Ergebnisse bestätigen jedoch vorerst die Haltung der kardiologischen Fachgesellschaften, die bei COVID-Patienten strikt von einem Wechsel der Hochdruck­therapie abraten.

Genauere Erkenntnisse sind von derzeit laufenden randomisierten Studien zu erwarten wie der CORONACION-Studie, die in Irland 2.414 COVID-19-Patienten auf verschiedene antihypertensive Behandlungen randomisiert. Ergebnisse werden allerdings erst Anfang 2021 vorliegen. Vorerst müssen sich die Empfehlungen auf epidemiologische Erfahrungen stützen. © rme/aerzteblatt.de

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