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Bereits geringe Luftverschmutzung schadet dem Herzmuskel

Montag, 6. August 2018

/dpa

London – Briten, die in Regionen mit einer erhöhten Feinstaub- und Stickstoffdioxid-Exposition leben, wiesen in einer Querschnittstudie in Circulation (2018; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.118.034856) Veränderungen in der kardialen Magnetresonanztomografie auf, die sich als Anzeichen für eine Schädigung des Herzmuskels deuten lassen. Die Assoziation bestand bereits im einem Bereich unterhalb der geltenden Grenzwerte.

Feinstaub, aber auch Stickstoffdioxid, die über die Lungen in den Blutkreislauf gelangen, können den Herzmuskel schädigen. Frühere Studien haben gezeigt, dass insbesondere Feinstaub (PM2,5) Entzündungsreaktionen in den Lungen und im Kreislauf fördert und den oxidativen Stress erhöht. Beschrieben werden Störungen des vegetativen Nervensystems, der Blutgefäße (endotheliale Dysfunktion) sowie ein erhöhtes Risiko auf Hypertonie, Arteriosklerose und Thrombosen. Alle diese Reaktionen können den Herzmuskel belasten.

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Ein Team um Steffen Petersen von der Queen Mary University in London hat die jetzt Auswirkungen anhand der „UK Biobank“ untersucht, die Daten zu Gesundheit und Lebensweise von mehr als einer halben Million Briten gesammelt hat. Bei etwa 5.000 Teilnehmern wurde eine kardiale Magnetresonanztomografie (CMR) durchgeführt, die genaue Informationen zur Größe und Funktion des Herzmuskels erlaubt.

Die Forscher haben die Ergebnisse der CMR mit der Umweltbelastung am Wohnort in Beziehung gesetzt. Ergebnis: Briten, die einer erhöhten Feinstaub-Konzentration ausgesetzt waren, hatten ein erhöhtes linksventrikuläres enddiastolisches Volumen, ein erhöhtes endsystolisches Volumen und ein erhöhtes rechtsventrikuläres enddiasto­lisches Volumen. Die Stickstoffdioxid-Konzentration (NO2) korrelierte mit dem biventrikulären Volumen.

Die Auswirkungen waren dosisabhängig: Pro 1 µg/m3 PM2,5 und pro 10 µg/m3 NO2 vergrößerte sich das Herzvolumen um etwa 1 %. Die Dilatation der Herzkammern ist für Kardiologen ein Hinweis auf eine Schädigung des Herzmuskels („Remodeling"). Negative Auswirkungen auf die Herzfunktion konnte die Studie nicht belegen. Die linksventrikuläre und die rechtsventrikuläre Ejektionsfraktion, also der Anteil der bei jedem Herzschlag in den Kreislauf gepumpten Blutmenge, waren nicht signifikant vermindert.

Die British Heart Foundation zeigte sich dennoch besorgt. Die Luftverschmutzung sei heute in England der größte Umweltrisikofaktor, heißt es in einer Pressemitteilung. Weltweit seien Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle für etwa 6 von 10 (58 %) Todesfälle verantwortlich, die auf die Luftverschmutzung im Freien zurückzuführen sind.

Bedenklich ist, dass die jährliche PM2,5-Exposition in der Studie im Bereich von 8 bis 12 µg/m3 lag und damit unterhalb der in Europa geltenden Grenzwerte von 25 µg/m3. Die Welt­gesund­heits­organi­sation stuft bereits eine Exposition von 10 µg/m3 als bedenklich für die Gesundheit ein. Experten bezweifeln, dass es einen unteren Grenzwert für eine Feinstaubbelastung gibt.

Die NO2-Exposition lag im Bereich von 10 bis 50 µg/m3 und damit teilweise über in Europa geltenden Grenzwerten für eine jährliche Durchschnittsbelastung von 40 µg/m3.

Die wichtigste Einschränkung der Publikation ist, dass eine Querschnittstudie eine insgesamt geringe Beweiskraft hat. Der nächste Schritt könnte darin bestehen, die Ergebnisse von Luftanalysen und CMV mit späteren kardialen Erkrankungen zu vergleichen. Auch eine solcher prospektive Beobachtungsstudie könnte nicht ausschließen, dass Menschen, die in Gegenden mit einer erhöhten Umweltbelastung leben, aus anderen Gründen eine schlechtere Herzfunktion haben. Dies könnten Ernährung oder Bewegungsmangel sein, die sich in epidemiologischen Studien nur schwer erfassen und messen lassen.

Sollten die Ergebnisse jedoch die Wirklichkeit korrekt wiedergeben, wäre der Einfluss der Luftschadstoffe beträchtlich. Ein Anstieg der PM2,5 um 1,32 µg/m3 hatte in der Studie den gleichen Einfluss auf das linksventrikuläre endsystolische Volumen wie ein Anstieg des systolischen Blutdrucks um 18,1 mm Hg in einer früheren Studie. © rme/aerzteblatt.de

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