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Medizin

Mit Demenz im Krankenhaus: Farbkontraste und Tagesstruktur verbessern Symptome

Montag, 5. September 2016

/ Michaela Rupprecht pixelio.de

Berlin – Patienten, die mit der Nebendiagnose Demenz ins Krankenhaus kommen, können von einer speziellen Betreuung profitieren. Einfache Mittel, wie etwa gemein­same Mahlzeiten zu festen Uhrzeiten oder ein kontrastreiches Farbkonzept zur Orien­tierung verbessern die Mobilität bis zur Entlassung. Unerwünschte Pflegephänomene kamen seltener vor, körpernahe Fixierungen sind weniger nötig. Diese Ergebnisse stellten die Studienleiter vom Malteser Krankenhaus St. Hildegardis in Köln erstmals beim Demografiekongress letzte Woche in Berlin vor.

Mindestens jeder fünfte Patient im Akutkrankenhaus leidet an Demenz. „Häufig erhalten die Betroffenen eine unzureichende Versorgung, sodass sich ihr Zustand im Kranken­haus verschlechtert“, kritisierte Ursula Sottong, Abteilungsleiterin, Malteser Deutschland, Fachstelle Demenz in Köln. Die Herausforderung beginnt bereits beim Kranken­transport, also vor der stationären Aufnahme. Kognitive Fähigkeiten würden sich verschlechtern, das Risiko eines Delirs sei erhöht und die Patienten würden häufig mangelernährt entlassen.

Hinzu kommt eine insuffiziente Schmerztherapie. „Nach einer Operation erhalten, wie Studien zeigen, Demenz-Patienten maximal 30 % der Schmerzmedikation im Vergleich zu nicht demenziell erkrankten Patienten“, berichtete Sottong. Sie können sich nicht entsprechend Gehör verschaffen. Die anhaltenden Schmerzen und die Überforderung mit der neuen Umgebung seien eine der häufigsten Ursachen für aggressives Verhal­ten. Dieser Zustand erklärt unter anderem, warum Angehörige der Meinung sind, dass der schlechteste Ort für Menschen mit Demenz das Krankenhaus ist.

Merkmale der Special Care Unit:
  • Beschützende Einheit für Patienten mit Demenz mit 4/ max. 6 Zimmern/ und 8/ max. 12 Betten und Tagesraum
  • Tagesstruktur – so individuell wie möglich
  • Orientierungshilfen durch klares Farbkonzept
  • Untersuchungen und Therapien möglichst auf der Station
  • Einsatz von Alltagsbegleitern
  • Gemeinsame Mahlzeiten inkl. Nachtmahlzeit
  • Aktivierende Angebote
  • Regelmäßige Angehörigensprechstunden und Schulungsangebote
  • Schulung des gesamten Personals

Insgesamt beobachteten die Ärzte der Station Silvia, einer Special Care Unit im Rahmen der Abteilung für Akutgeriatrie, etwa 206 Patienten mit der Nebendia­gnose Demenz im frühen und mittleren Stadium. Im Rahmen der nicht rando­misierten explorativen Studie testeten sie die Vorteile einer Special Care Unit für Patienten (siehe Kasten links).

„Auf Station Silvia finden sie unter anderem ein kontrastreiches Farb­konzept, das Menschen mit Demenz die Orientierung erleichtert“, erklärte Chefarzt der Geriatrie des Malteser Krankenhaus St. Hildegardis, Jochen Hoffmann. Türen, Schalter und Toilettendeckel seien beispielsweise in roter Farbe gehalten. „Wir achten darauf, dass auf Tischen nur eine begrenzte Anzahl an Gegenständen liegt.“

Klare Strukturen seien auch beim Tagesablauf entscheidend. Gemeinsame Mahlzeiten und Nachtmahlzeiten helfen den Betroffenen, sich in der neuen Umgebung zurecht­zufinden. Viele Demenzpatienten sind oft unruhig, bleiben beim Essen nicht sitzen und neigen zu agitiertem Verhalten. Ein aktivierendes Angebot und der Einsatz von Alltagsbegleitern sorgen daher für tagesstrukturierende und individuelle Unterstützung.

Wie wichtig Rituale für die Sicherheit von Demenzpatienten sind, berichtete auch Eva Wendebourg, Pflegedienstleitung und gelernte Krankenschwester. „Das Essen sollte möglichst immer zur gleichen Zeit serviert werden, und es sollten die gleichen Menschen gemeinsam am Tisch sitzen.“ Selbst wenn die Betroffenen nicht wissen, wer ihnen gegenübersitzt, so merken sie, wenn dort jemand anderes sitzen sollte. Im Pflegeheim achten sie auf ein saisonales Mahlzeitenangebot. Das erleichtert die jahreszeitliche Orientierung. Diejenigen, die nicht mehr mit Besteck essen können, bekommen Finger Food und können so ihre Selbstständigkeit behalten.

Patienten werden ruhiger und mobiler aus der Klinik entlassen
Mit Hilfe der Special Care Unit in Köln ist es gelungen, sowohl die Selbstständigkeit von Akut-Patienten mit der Nebendiagnose Demenz zu verbessern, als auch die Mobilität und den Kräftezustand. Die Alltagsfunktionen verbesserten sich gemessen mit dem Barthel-Index zwischen Aufnahme und Entlassung sehr deutlich (p=0,000). Das gleiche gelte für den DeMorton-Mobility-Index, die Ergebnisse seien hoch signifikant, fasste Hoffmann zusammen.

Täglich aggressiv verhielten sich weniger Betroffene als vergleichende Referenzwerte erwarten lassen, nur 9 % in der Summe während des Aufenthaltes. Unerwünschte Pflegephänomene, wie etwa Einnässen oder Unruhe, kamen ebenfalls deutlich seltener vor, als nach Studienlage zu erwarten war. Bettgitter wurden nur bei 6,8 % der Patienten mit Nebendiagnose Demenz eingesetzt. Zu körperfernen Fixierungen kam es lediglich bei 3,9 %, wohingegen körpernahe Fixierungen gar nicht zur Anwendung kamen. „Ein absoluter Erfolg. Die niedrigen Werte haben selbst uns beeindruckt“, kommentierte Hoffmann.

Versorgung im internationalen Vergleich
„Wie Patienten mit Demenz im Akutkrankenhaus am besten versorgt werden, wird erst seit 10 bis 15 Jahren intensiver erforscht“, berichtete Ursula Sottong. Dabei leben etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland. Die Tendenz steigt. In anderen Ländern, wie etwa Australien, England, Schottland und Wales, sei die Verbesserung der stationären Versorgung von Demenzpatienten bereits Teil nationaler Leitlinien.

„Was es bisher weltweit nicht gibt, aber in Deutschland, sind eigene Units für Menschen mit der Nebendiagnose Demenz in Akutkrankenhäusern“, so die Leiterin der Fachstelle Demenz. Bundesweit gibt es etwa 20 solcher Special Care Units. Zwei davon werden bereits evaluiert: Heidelberg und Köln. © gie/aerzteblatt.de

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