MedizinNeurologieKongressberichte Neurologie
Kongressberichte
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Hörprobleme, Demenz und Aphasie: Elektrische Hirnstimulation bietet immer mehr Einsatzmöglichkeiten

Dienstag, 20. März 2018

Bevor die Wissenschaftler aus Oldenburg die Elektroden anbringen, müssen sie den Kopf der Testperson vermessen. /Universitaet Oldenburg

Berlin/Oldenburg – Für die nichtinvasive elektrische Hirnstimulation und intensives kognitives Training finden Kognitionsforscher zunehmend Einsatzmöglichkeiten. Gleichstrom oder Wechselstrom soll das Lernen neuer Gedächtnisinhalte und deren Konsolidierung sowie Exekutivfunktionen verbessern, berichteten Neurologen letzte Woche auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) in Berlin. Auch für Menschen mit Hörproblemen könnte Strom künftig eine Option sein, heißt es in einer Publikation in NeuroImage (2018; doi: 10.1016/j.neuroimage.2018.01.038)

Sprache ist oft schwerer zu verstehen, wenn zusätzliche Stimmen als Störgeräusche auftreten – etwa in einem lauten Restaurant. Selbst moderne Hörhilfen können diesen Cocktailparty-Effekt nicht ausgleichen. Denn die Geräte erhalten keine Information darüber, welchem Sprecher ihr Träger gerade folgen möchte.

Anzeige

„In diesen Situationen könnte die transkranielle elektrische Hirnstimulation Abhilfe schaffen“, sagt der Psychologe Christoph Herrmann von der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Um das Sprachverstehen zu verbessern, wertet ein Computer­programm zunächst die Struktur des Schallsignals aus. Dieses Signal wird als schwacher elektrischer Wechselstrom über 2 oder mehr auf der Kopfhaut angebrachte Elektroden durch den Schläfenlappen geleitet – die Region, in der das Gehirn Hörinformationen verarbeitet. Ziel ist, die Wahrnehmung für eine bestimmte Schallquelle zu schärfen, indem die elektrische Hirnaktivität, die beim Hören zu messen ist, mit der äußeren Stromquelle in Gleichtakt gebracht wird.

Besser Hören trotz starken Hintergrundrauschens

In der aktuellen doppelblinden Studie erhielten 19 junge gesunde Testpersonen eine solche Stimulation, während sie kurze Sätze hörten, die von unterschiedlich starkem Rauschen überdeckt wurden. Im Anschluss wiederholten die Probanden die Worte – soweit sie diese verstanden hatten. Das Ergebnis: Die Testpersonen verstanden im Vergleich zu den Kontrollmessungen die Sätze trotz Rauschens signifikant besser, wenn sie eine transkranielle Hirnstimulation erhielten. Dabei zeigte sich allerdings, dass sich eine Zeitverzögerung im Bereich von Zehntelsekunden zwischen Einsetzen des Sprachsignals und Einsetzen des stimulierenden Stroms unterschiedlich auf die Testpersonen auswirkte. Die Forscher vermuten, dass der verabreichte Strom die Frequenzmitnahme entweder verstärkt oder stört – je nach gewählter Verzögerung.

Bis die Technik alltagstauglich ist, müssen die Forscher noch einige Hürden überwinden. Langfristig soll ein möglichst kleiner Prototyp in Kombination mit Hörhilfen entwickelt werden. Dieses Ziel verfolgen die Forscher im Rahmen eines Verbundprojekts, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von 2017 bis 2020 mit gut 2 Millionen Euro fördert. Ein Patent für das Prinzip der Hirnstimulation ist bereits angemeldet.

Zu Beginn konnten Aphasiepatienten etwa 50 bis 70 % präsentierter Gegenstände richtig benennen. Durch die Hirnstimulation ist es gelungen, diese Quote um 10 bis 20 % zu steigern. Agnes Flöel, Direktorin der Klinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Greifswald

Wirkung der Hirnstimulation am besten belegt für Aphasiepatienten

Die besten Ergebnisse für die Wirkung der elektrischen Stimulation gibt es derzeit für Sprachstörungen nach einem Schlaganfall. In einer 2016 in Brain erschienenen Arbeit konnten alltagsrelevante Verbesserungen durch eine mehrtätige Stimulation erreicht werden, erklärte Agnes Flöel, Direktorin der Klinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Greifswald. „Zu Beginn konnten Aphasiepatienten etwa 50 bis 70 % präsentierter Gegenstände richtig benennen. Durch die Hirnstimulation ist es gelungen, diese Quote um 10 bis 20 % zu steigern“, erklärt die DGKN-Kongress­präsidentin Flöel. In einer Multicenterstudie mit etwa 150 Patienten sollen diese Ergebnisse überprüft werden. „Erst wenn die Ergebnisse dieser Studien in den nächsten Jahren verfügbar sind und entsprechend positiv ausfallen, kann eine Übernahme in die Regelversorgung erfolgen.“ Entsprechende Kopfhauben mit CE-Kennzeichnung sind für den Heimgebrauch bereits käuflich erhältlich.

Vielversprechend scheint die oszillierende Stimulation auch während des Schlafs, um neue Gedächtnisinhalte zu verstärken. Das funktioniert sowohl bei gesunden älteren (NeuroImage 2016) als auch bei Patienten mit kognitiven Störungen (mild cognitive impairment, MCI) (Journal of Neuroscience 2017). Die Ursache vermuten Forscher hier bei der Verstärkung der Schlafspindeln als auch langsamer Hirnwellen während des Tiefschlafs.

Eine Rolle könnte die anodale Gleichstromstimulation oder Wechselstromstimulation auch für Demenzerkrankungen spielen, berichtete Flöel. Ein mehrtägiges Training in Kombination mit einer Stimulation verbesserten das Gedächtnis und neuronale Netzwerke bei 40 Testpersonen (Journal of Neuroscience 2013, Neurobiology of Aging 2018). Bemerkenswert seien auch neue Ergebnisse aus den USA, sagte die Neurologin aus Greifswald: Durch ein mehrwöchiges Training der Verarbeitungsgeschwindigkeit ließ sich sogar die Demenzrate im 10-Jahres-Verlauf senken (Alzheimer's & Dementia 2017).

Prinzipiell ausgeschlossen von Studien mit elektrischer Hirnstimulation seien Epilepsiepatienten wegen der Gefahr eines Anfalls, erklärte Flöel. Bei der transkraniellen Magnetstimulation, die im Gegensatz zur niedrigschwelligen elektrischen Stimulation ein Aktionspotenzial im Gehirn auslösen könne, sei es bereits bei gesunden Probanden zu epileptischen Anfällen gekommen. © gie/idw/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
NEWSLETTER