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Demenzpatienten erhalten weiter häufig Neuroleptika

Donnerstag, 19. November 2020

/Mariia Petrakova, stockadobecom

Berlin – Jeder zweite stationär gepflegte Demenzpatient erhält Neuroleptika zur Beruhi­gung. In der ambulanten Pflege ist es jeder Dritte. Das geht aus dem Demenzreport 2020 der Handelskrankenkasse (hkk) hervor, der heute online vorgestellt wurde. Studien zeigen seit Jahren erhöhte Risiken dieser Arzneistoffgruppe bei Menschen mit Demenz.

Aktuell haben rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland eine Demenzerkrankung. Hochrechnungen zufolge könnten es im Jahr 2050 etwa drei Millionen sein. Denn zum einen steige die Lebenserwartung und zum anderen gebe es bereits jetzt täglich rund 900 neue Demenzdiagnosen in der bundesweiten Gesamtbevölkerung, sagte der Vorstand der Kasse, Michael Lempe.

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Ihre Pflege sei häufig mit Schwierigkeiten verbunden, ergänzte Gerd Glaeske, Autor des Demenzreports und Professor für Arzneimittelversorgungsforschung an der Universität Bremen. Denn Symptome wie beispielsweise Halluzinationen, Angst oder Aggressionen variierten in ihrer Häufigkeit, Intensität und Dauer.

Daher würden Demenzpatienten oftmals mit Neuroleptika ruhiggestellt, sagte Glaeske. Besonders in stationären Pflegeeinrichtungen werde dies häufig beobachtet. 54 Prozent der hkk-versicherten Demenzpatienten sind dort laut Report in den Jahren 2017 bis 2019 mit Neu­ro­leptika behandelt worden. In der ambulanten Pflege waren es demnach rund 30 Prozent. Unter Demenzkranken, die keine professionelle Pflege brauchten, sind es 7,5 Prozent gewesen.

Seit etwa 20 Jahren werde zunehmend klar, dass Neuroleptika das Mortalitäts- und Schlaganfallrisiko bei Demenzerkrankten um das etwa 1,7-fache erhöhten, erklärte Glaes­ke weiter. Darauf seien Ärzte bereits vor zehn Jahren hingewiesen worden. Überhaupt sei nicht belegt, dass Neuroleptika die Verhaltensstörungen der Betroffenen positiv beein­flussen würden, so Glaeske.

Eine kurzfristige Anwendung sei dennoch vertretbar. Zugelassen seien Neuroleptika zur Behandlung Demenzkranker für maximal sechs Wochen. Doch längerfristige Behandlun­gen seien für ihn „Gewalt gegen Alte“. Das Ziel dürfe nicht sein, die Betroffenen „sauber, satt und ruhig zu halten“, betonte auch hkk-Vorstand Lempe.

Trotz Zweifeln an ihrer Wir­kung sollten nach Ansicht von Glaeske statt Neuroleptika eher Anti­dementiva eingesetzt werden. Die beste Option laut Studien sei aber eine „aktivie­ren­de Pflege“ der Demenzkranken. Diese sei jedoch sehr zeit- und perso­nal­intensiv.

Die Entwicklung neuer Präparate sei zudem in den vergangenen Jahren zurückgegangen, kritisierte er. Immer mehr Unternehmen hätten sich aus der Demenzforschung zurückge­zogen. Offenbar fehle eine „tragende Theorie“ für den Ansatz neuer, wirksamer Therapien.

Bei der hkk sind etwa 700.000 Menschen versichert. Der Altersdurchschnitt der Versicher­ten liegt mit 39,9 Jahren unter dem Durchschnitt von 44,4 Jahren unter allen gesetzlich Krankenversicherten. Daher seien die hkk-Zahlen nicht unbedingt auf ganz Deutschland übertragbar, räumten Lempe und Glaeske ein. © jff/aerzteblatt.de

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