Vermischtes

Demenzpatienten im Krankenhaus: Mehr Sensibilisierung von Personal und Bevölkerung tut Not

Freitag, 3. März 2017

Köln/Linnich – Im Fall eines tot aufgefundenen Patienten in der Kölner Uniklinik prüft die Staatsanwaltschaft, ob es Hinweise auf ein Fremdverschulden gibt. Dabei werde jedoch nicht gegen eine bestimmte Person ermittelt, sondern es gehe um eine allgemeine Ursachenforschung, sagte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer am Donnerstag in Köln.

In dem Fall war ein Patient mehr als eine Woche nach seinem Verschwinden tot in der Uniklinik gefunden worden. Eine Klinikmitarbeiterin entdeckte die Leiche des vermissten 74-jährigen schwerkranken Mannes, der unter Orientierungsschwierigkeiten litt, in einem Technikraum. Eine Obduktion soll die Todesursache klären, vermutet wird ein Sturz. Der 74-Jährige war zuletzt in der Uniklinik in Behandlung. Seit dem 20. Februar war nach ihm gesucht worden.

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Automatische Schließsysteme für Bereiche, die Patienten nicht betreten sollen, forderte die Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Auch fehlen offensichtlich Notfallpläne, die ein systematisches Suchen organisieren. Nur wenn durchsuchte Räume eindeutig gekenn­zeichnet werden, ist eine lückenlose Kontrolle möglich“, sagte dessen Vorsitzender Eugen Brysch.

Laut einer im Sommer 2016 veröffentlichten Studie „Demenz im Allgemein­kranken­haus. Prävalenz und Versorgungssituation“ der Hochschule Mannheim und der Technischen Universität München weisen 40 Prozent aller über 65-jährigen Patienten in Allge­mein­kran­kenhäusern kognitive Störungen auf, fast jeder Fünfte leidet an Demenz. „Die demenzsensible Versorgung ist eine unverzichtbare Zukunftskompetenz für Kranken­häu­ser“, kommentierte der Vorsitzende des Deutschen Evangelischen Krankenhaus­ver­bandes, Christoph Radbruch, die Studie. Sie werde aber auch anderen vulnerablen Patienten­gruppen zugutekommen.

Durchsuchungspläne und die Kennzeichnung von bereits inspizierten Räumen helfen in der Praxis nur wenig, weiß Grit-Alexandra Böckler, Oberärztin in der Inneren Medizin des St.-Josef-Krankenhauses in Linnich. Die Klinik hat seit dem Jahr 2008 schrittweise ein Konzept entwickelt und umgesetzt, um demente Patienten mit somatischen Erkran­kungen optimal zu versorgen. Daraus ist inzwischen eine interdisziplinäre chirurgisch-internistische Station mit 18 Betten entstanden.

Aus ihrer Erfahrung weiß Böckler, dass viele Maßnahmen, die zunächst naheliegend erscheinen, in der Praxis nicht funktio­nieren. „Die Kennzeichnung von bereits durch­suchten Räumen ist zum Beispiel oft nicht sinnvoll, weil desorientierte Patienten diese Räume nach der Kennzeichnung aufsuchen und dort dann nicht gefunden werden“, so Böckler.

Aus ihrer jahrelangen Betreuung von demenzkranken Patienten rät die Internistin zwei Dinge: „Wir schalten schnell die Polizei ein, wenn doch einmal ein Patienten abhanden kommt – sie hat größere personelle Ressourcen für die Suche“, so Böckler. Außerdem sei es enorm wichtig, das Personal der Klinik – auch das technische Personal – und die Bevölkerung in der Umgebung des Krankenhauses für die Begegnung mit Demenz­kranken zu sensibilisieren. „Wenn ein Kind herumirrt, ist meist schnell jemand zur Stelle und fragt nach. Dass es aber auch Erwachsene gibt, die sich in der Welt nicht mehr zurechtfinden, ist meist nicht im Bewusstsein der Menschen“, so Böckler. © hil/aerzteblatt.de

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