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Medizin

Was bei akustischen Halluzinationen im Gehirn passiert

Montag, 14. August 2017

New Haven – Die Kombination eines vor 125 Jahren erdachten Pawlowschen Experiments, mit dem auch bei gesunden Menschen akustische Halluzinationen erzeugt werden können, und der modernen Magnetresonanztomographie, die anzeigt, welche Teile des Gehirns daran beteiligt sind, liefert in Science (2017; 357: 596-600) mögliche neue Ansätze für Behandlung eines Kardinalsymptoms vieler Psychosen.

Halluzinationen, meist akustischer Natur, sind ein häufiges Positivsymptom der Schizophrenie. Sie sind aber nicht auf Menschen mit einer Psychose beschränkt. Auch einige gesunde Menschen hören oder sehen manchmal Dinge, die nicht existieren. In den 1890er Jahren hatten Forscher der Yale Universität ein Experiment entwickelt, das auch bei gesunden Menschen akustische Halluzinationen erzeugt. Es nutzte das Prinzip der damals vom russischen Forscher Iwan Pawlow entwickelten klassischen Kondi­tionierung.

Zwei Reize werden gekoppelt

Der Psychiater Philip Corlett von der Yale Universität hat das Experiment jetzt – am Computer – wiederholt. Die Probanden sitzen am Bildschirm, auf dem plötzlich ein Schachbrett auftaucht begleitet von einem auffälligen Ton. Die Kopplung der beiden Reize wiederholt sich einige Male bis plötzlich nur noch das Schachbrett ohne Ton erscheint. In Erwartung eines Tons hören ihn manche Menschen dennoch, auch wenn er nicht wirklich vorhanden ist.

Corlett hat das Experiment an vier Gruppen durchgeführt. Die erste bestand aus Patienten mit einer Psychose, die unter akustischen Halluzinationen leiden. Diese Gruppe ließ sich leicht konditionieren. Auch eine zweite Gruppe von Personen, die akustische Halluzinationen kennt, ohne an einer Psychose zu leiden, sprach auf die Konditionierung gut an. Die dritte Gruppe – Patienten mit Psychose aber ohne Halluzinationen – und die vierte Gruppe – gesunde Menschen ohne Halluzinationen – ließen sich in dem Experiment Forschern nicht so leicht täuschen.

Hirnforscher erklären das Phänomen wie folgt: Das menschliche Gehirn ist darauf vorbereitet, Lücken in der Wahrnehmung zu füllen. Menschen, die nur einen Teil eines Bildes beispielsweise den Rüssel eines Elefanten sehen, erkennen das Tier, weil sie das Bild aus der Erinnerung komplettieren. Das geschieht auch bei Tönen. Die Konditio­nierung treibt diese Fähigkeit auf die Spitze. Die Personen erwarten, dass das Schach­brettmuster mit einem Ton kombiniert ist, also nehmen sie einen Ton wahr (auch wenn er einmal nicht vorhanden ist). Diese Unterschiede zeigten sich auch in der funktio­nellen Magnetresonanztomographie: Die Töne aktivierten die Hörrinde – bei Menschen mit akustischen Halluzinationen – auch dann, wenn sie in Wirklichkeit nichts hörten.

Gesunde Menschen können Erwartugshaltung aktualisieren

Der Unterschied zwischen Menschen mit einer Psychose und gesunden Menschen (auch solchen mit akustischen Halluzinationen) besteht darin, dass letztere erkennen können, dass die Phänomene in Wirklichkeit nicht existieren. Menschen mit einer Schizophrenie haben diese Fähigkeit häufig nicht oder in abgeschwächter Form, wie Corlett durch die Befragung der Studienteilnehmer ermitteln konnte. Der Unterschied besteht darin, dass gesunde Menschen in der Lage sind, die Erwartungshaltung, die die Halluzination auslöst, zu aktualisieren („udating“). Menschen mit Psychose fällt dies schwerer. Ein Grund könnten die kognitiven Störungen sein, die als Negativsymptom regelmäßig das Positivsymptom Halluzination begleiten.

Diese Unterschiede wurden auch in der funktionellen Magnetresonanztomographie erkennbar. Zwei Regionen sind an dem „Updating“ beteiligt. Die funktionelle Magnetresonanztomographie zeigt eine veränderte Aktivierung im Hippo­campus/Parahippocampus. Das ist der Bereich, der Erinnerungen abspeichert. Eine zweite Region befindet sich interessanterweise im Kleinhirn. Hier sind Bewegungs­automatismen gespeichert, die es dem Menschen beispielsweise beim Laufen ersparen, jede Bewegung der Beine einzeln planen zu müssen. Die neuen Studienergebnisse zeigen, dass diese Automatismen auch bei akustischen Wahrnehmungen eine Rolle spielen und dass Menschen mit Psychosen hier möglicherweise eine Störung haben. 

Die neuen Erkenntnisse könnten zum einen bei der Diagnose von Psychosen genutzt werden, meint Corlett. Zum anderen könnte aber auch versucht werden, die Psychosen von Patienten mit Schizophrenie durch eine transkranielle Magnetstimulation etwa des Kleinhirns zu behandeln. Ob dies realistische Optionen sind, ist völlig unklar. Es bleibt abzuwarten, ob hierzu klinische Studien durchgeführt werden. © rme/aerzteblatt.de

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