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Medizin

Studie: Auch COVID-19 könnte ein Guillain-Barré-­Syndrom triggern

Freitag, 24. September 2021

/Axel Kock, stock.adobe.com

Rotterdam – Das Guillain-Barré-Syndrom, eine meist vorübergehende Autoimmunreaktion, die allerdings mit schweren neurologischen Ausfällen verbunden sein kann, wurde in den letzten Monaten wiederholt mit einer Impfung gegen COVID-19 in Verbindung gebracht. Die Krankheit könnte aber auch durch die Erkrankung selbst getriggert werden, wie eine internationale Fallserie in Brain (2021; DOI: 10.1093/brain/awab279) erneut zeigt.

Die „International GBS Outcome Study“ erforscht seit 2012 das Guillain-Barré-Syndrom und seine Aus­löser, unter denen – wie immer bei Autoimmunerkrankungen – auch Infektionen vermutet werden. Die Hypothese geht dahin, dass das Immunsystem Antikörper gegen Bestandteile von Bakterien oder Viren bildet, die zufälligerweise auch die Myelinscheiden von peripheren Nervenfasern erkennen und angrei­fen. Die neurologischen Symptome sind dann Folge einer Demyelisierung der Axone, die allerdings reversibel ist – anders als bei der Multiplen Sklerose, bei der die Myelinscheiden des Zentralnerven­systems dauerhaft geschädigt werden.

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Das Guillain-Barré Syndrom ist sehr selten – in den USA sind es nur 3.000 bis 6.000 Fälle pro Jahr – und der „International GBS Outcome Study“ werden die wenigsten davon gemeldet. In den ersten 4 Monaten des letzten Jahres konnte das Team um Bart Jacobs von der Erasmus Universität in Rotterdam gerade einmal die Daten von 49 Patienten zusammentragen. Umso überraschender war, dass darunter gleich 11 Patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion waren. Alle Patienten waren über 50 Jahre alt, bei 8 lag eine sensimotorische Variante des Guillain-Barré Syndroms vor. Bei allen Patienten, bei denen eine genauere elektrophysiologische Untersuchung durchgeführt wurde, wurde der gleiche demyelinisierende Typ gefunden.

Da die Studie nur einen minimalen Anteil der auftretenden Erkrankungen am Guillain-Barré-Syndrom erfasst, lässt sich aus der Häufung nicht auf eine Kausalität schließen (zumal die Gesamtzahl der Mel­dun­gen gegenüber den Vorjahren gleich geblieben ist). Das Team ist aber nicht das einzige und erste Forscherteam, dem eine Häufung aufgefallen ist. Neurologen aus Italien hatten im März und April 2020 in zwei SARS-CoV-2-Hotspotregionen des Landes einen Anstieg der Inzidenz beobachtet.

Notfallmediziner aus Spanien kamen zu dem Ergebnis, dass im März und April 2020 Patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion 6 Mal häufiger ein Guillain-Barré-Syndrom entwickelten als andere Patienten. Die Gesamtzahl der Erkrankungen war allerdings niedriger als im Vorjahr.

Eine epidemiologische Studie aus Großbritannien kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Inzidenz des Guillain-Barré-Syndroms während der SARS-CoV-2-Pandemie gesunken ist (was auch an dem verminder­ten Auftreten anderer viraler und bakterieller Erkrankungen gelegen haben könnte).

Eine Kausalität des Guillain-Barré-Syndroms ist deshalb nach Ansicht von Jacobs keineswegs gesichert. Fest steht nur, dass die Erkrankung sehr selten ist. Die britischen Forscher schätzen, dass allenfalls einer von 60.000 mit SARS-CoV-2 Infizierten erkrankt. © rme/aerzteblatt.de

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