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Im Bundesland Sachsen begann die COVID-19-Pandemie mit dem ersten bestätigten Fall am 2. März 2020. Ein erster landesweiter „Lockdown“ mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen wurde für die Zeit vom 23. März 2020 bis 19. April 2020 verhängt. Aus anderen Ländern ist bekannt, dass die Pandemie einen negativen Einfluss auf die Diagnose und Versorgung von Krebspatienten hatte (1, 2).

Klinische Krebsregister haben den gesetzlich definierten Auftrag, Daten zu Diagnostik und Behandlungsverlauf aller maligner Erkrankungen zu dokumentieren. Es besteht eine Meldepflicht für Ärzte, die Krebspatienten betreuen, sowie für Pathologen. In Sachsen gibt es vier eigenständige Krebsregister. Auf Basis dieses Datenbestands soll die Frage beantwortet werden, wie sich die Zahl der Krebsneuerkrankungen im Verlauf der ersten Welle der COVID-19-Pandemie verändert hat.

Methode

In die Analysen gingen alle an die klinischen Krebsregister in Sachsen gemeldeten Fälle (ICD-10 C00–C96 ohne C44, D00–D09 ohne D04) ein, deren Diagnose in die Jahre 2017–2020 fiel. Berücksichtigt wurden Erkrankungen von Patienten, die zum Zeitpunkt der Diagnose mindestens 18 Jahre alt waren und ihren Hauptwohnsitz in Sachsen hatten. Für jede Kalenderwoche (KW) zwischen Januar und September 2020 wurde die Anzahl der beobachteten Diagnosefälle mit der erwarteten Fallzahl in Beziehung gesetzt. Die erwartete Fallzahl wurde mithilfe dynamischer harmonischer Regressionen mit ARIMA-Fehlerkomponenten (ARIMA, „autoregressive integrated moving average“) auf Basis der beobachteten wöchentlichen Fallzahlen in den Vorjahren 2017–2019 berechnet.

Meldungen zu Krebsneuerkrankungen in den sächsischen Krebsregistern
Grafik
Meldungen zu Krebsneuerkrankungen in den sächsischen Krebsregistern

Ergebnisse

Der Vergleich der beobachteten und erwarteten Meldungen über Krebsneuerkrankungen zeigte einen deutlichen Rückgang in den Wochen des Lockdown, der sich – in geringerem Ausmaß – auch in den darauf folgenden zwei Monaten fortsetzte (Grafik). Besonders wenige Neuerkrankungen wurden für KW 15 (6.–12. April) registriert (55,1 % der erwarteten Fallzahlen). Im gesamten Beobachtungszeitraum wurden 93,6 % der erwarteten Neuerkrankungen dokumentiert.

Bei den Männern blieben die Fallzahlen für einen längeren Zeitraum unter den Erwartungswerten, sodass für den gesamten Zeitraum 89,9 % der erwarteten Diagnosen im Vergleich zu 94,6 % bei den Frauen registriert wurden. Bei den unter 50-Jährigen wurden über alle Beobachtungswochen hinweg mehr Fälle als erwartet dokumentiert (105,0 %), wohingegen bei den 50- bis 69-Jährigen und mindestens 70-Jährigen nur 92,3 % beziehungsweise 93,4 % der Erwartungswerte erreicht wurden.

Für KW 15 wurden nur 52,4 % der erwarteten bösartigen Neubildungen dokumentiert. Bei den In-situ-Fällen war der Rückgang in den KW 19 und 20 am stärksten. Insgesamt wurden 92,9 % der erwarteten invasiven und 95,9 % der erwarteten In-situ-Erkrankungen gezählt. Unter den häufigsten Tumorentitäten zeigten sich die stärksten Veränderungen bei Darmkrebs (87 % der Erwartungswerte), gefolgt vom malignen Melanom der Haut (90,1 %), Brustkrebs (91,8 %) und Lungenkrebs (93,0 %). Bei Prostatakrebs wurden insgesamt etwas mehr Fälle als erwartet dokumentiert (101,7 %).

Im regionalen Vergleich fiel das Einzugsgebiet des Klinischen Krebsregisters (KKR) Zwickau auf, zu dem der Vogtlandkreis und Großteile des Erzgebirgskreises sowie des Landkreises Zwickau gehören, die von besonders hohen Infektionszahlen betroffen waren. Hier zeigten sich auch nach Ende des Lockdown teils deutlich geringere Fallzahlen als erwartet. Die Gesamtzahl der Neuerkrankungen lag mit 88,4 % der Erwartungswerte niedriger als im KKR Chemnitz (97,5 %), KKR Dresden (94,1 %) und KKR Leipzig (91,7 %).

Diskussion

Verschiedene Gründe sind für den beobachteten Rückgang der Diagnosezahlen denkbar. Es ist möglich, dass Patienten seltener zum Arzt gingen, weil sie Angst vor einer Ansteckung hatten oder das Gesundheitssystem nicht zusätzlich belasten wollten. Die Inanspruchnahme vertragsärztlicher Leistungen ging Anfang März 2020 deutlich zurück und stieg erst Ende Mai wieder an (3). Darüber hinaus wurden möglicherweise weniger Patienten zur weiteren diagnostischen Abklärung überwiesen, oder diagnostische Untersuchungen wurden aufgeschoben. Schließlich kann die Einschränkung der Krebsfrüherkennung zum Rückgang der Diagnosezahlen beigetragen haben. Mammografien, Früherkennungskoloskopien oder Hautkrebsscreenings wurden im Frühjahr 2020 entweder gar nicht oder nur in erheblich reduziertem Umfang durchgeführt (4).

Eine leichte kompensatorische Erholung der Diagnosezahlen zeigte sich in den Sommerwochen (KW 29 bis 35), ohne dass der Rückgang im Frühjahr vollständig ausgeglichen werden konnte. Der prozentuale Rückgang bei allen Krebserkrankungen lag bis Ende September bei 6 %.

Unseres Wissens ist dies die erste umfassende Analyse von Krebsregisterdaten zum Einfluss der COVID-19-Pandemie in Deutschland. Aus Nordrhein-Westfalen liegt eine Auswertung auf Basis ausgewählter Pathologiemeldungen vor (5). Diese zeigte im April 2020 eine deutlich geringere Zahl an Meldungen als in allen anderen Monaten von Januar 2019 bis September 2020. Die Daten der klinischen Krebsregister haben den Vorteil, dass sie nahezu vollständig sind und nach international anerkannten Prinzipien dokumentiert werden, sodass die Datenqualität als sehr hoch einzuschätzen ist. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass zumindest ein Teil des beobachteten Diagnoserückgangs auf ein verändertes Meldeverhalten der Leistungserbringer zurückzuführen ist. Aufgrund der durch die Pandemie gestiegenen organisatorischen Anforderungen an Kliniken und Praxen können Diagnosemeldungen nicht oder verspätet an die Krebsregister übermittelt worden sein. Durch den gewählten Beobachtungszeitraum wurden jedoch auch verspätete Meldungen berücksichtigt, sodass eine große Verzerrung nicht plausibel ist. Verlässliche Aussagen über die 40. KW hinaus sind zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich. Diagnosemeldungen zu Fällen des letzten Quartals gehen erfahrungsgemäß noch bis weit in das folgende Jahr bei den Krebsregistern ein. Die Pandemie dürfte dies für das Jahr 2020 noch verschärfen. Noch ausstehende Meldungen würden entsprechende Auswertungen verzerren.

Ob und inwiefern die Pandemie auch Einfluss auf die Behandlung, deren Ergebnisse und das langfristige Überleben der Patienten hat, werden erst weitere umfassende Analysen von Krebsregisterdaten, Abrechnungszahlen und systematischen Befragungen von Leistungserbringern ermöglichen.

Daniela Piontek, Sabine Klagges, Birgit Schubotz, Carmen Werner, Jörg Wulff
Gemeinsame Geschäftsstelle der klinischen Krebsregister in Sachsen bei der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dresden (Piontek), d.piontek@slaek.de

Klinisches Krebsregister Leipzig am Universitätsklinikum Leipzig (Klagges)

Klinisches Krebsregister Chemnitz am Klinikum Chemnitz (Schubotz)

Klinisches Krebsregister Dresden am Universitätsklinikum
Carl Gustav Carus Dresden (Werner)

Klinisches Krebsregister Zwickau am Südwestsächsischen Tumorzentrum Zwickau (Wulff)

Förderhinweis

Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushalts.

Interessenkonflikt
Die Autorinnen und der Autor erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 17. 3. 2021, revidierte Fassung angenommen: 16. 4. 2021

Zitierweise
Piontek D, Klagges S, Schubotz B, Werner C, Wulff J: Documented new cases of cancer in the clinical cancer registries of the German state of Saxony during the COVID-19 pandemic. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 328–9. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0216

Dieser Beitrag erschien online am 26. 4. 2021 (online first) auf
www.aerzteblatt.de.

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Dinmohamed AG, Visser O, Verhoeven RHA, et al.: Fewer cancer diagnoses during the COVID-19 epidemic in the Netherlands. Lancet Oncol 2020; 21: 750–1 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Northern Ireland Cancer Registry: Recent trends in the number of patients with pathology samples indicating cancer in Northern Ireland. May 2020 update. 2020. www.qub.ac.uk/research-centres/nicr/FileStore/PDF/Covid19/Filetoupload,975942,en.pdf (last accessed on 8 March 2021).
3.
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland: Veränderung der vertragsärztlichen Leistungsinanspruchnahme während der COVID-Krise. Tabellarischer Trendreport für das 1. bis 3. Quartal 2020. 2021. www.zi.de/fileadmin/images/content/Publikationen/Trendreport_3_Leistungsinanspruchnahme_COVID_final.pdf (last accessed on 8 March 2021).
4.
BARMER: Drastischer Rückgang bei der Krebsfrüherkennung in Sachsen – BARMER warnt vor fatalen Folgen. 2021. www.barmer.de/presse/bundeslaender-aktuell/sachsen/aktuelles/krebs-frueherkennung-corona-279014 (last accessed on 8 March 2021) VOLLTEXT
5.
Stang A, Kühling L, Khil L, Kajüter H, Schützendübel A, Mattauch V: A decline in cancer reporting by pathologists in North Rhine-Westphalia, Germany, during the COVID-19 lockdown. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 886–7 VOLLTEXT
Meldungen zu Krebsneuerkrankungen in den sächsischen Krebsregistern
Grafik
Meldungen zu Krebsneuerkrankungen in den sächsischen Krebsregistern
1.Dinmohamed AG, Visser O, Verhoeven RHA, et al.: Fewer cancer diagnoses during the COVID-19 epidemic in the Netherlands. Lancet Oncol 2020; 21: 750–1 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Northern Ireland Cancer Registry: Recent trends in the number of patients with pathology samples indicating cancer in Northern Ireland. May 2020 update. 2020. www.qub.ac.uk/research-centres/nicr/FileStore/PDF/Covid19/Filetoupload,975942,en.pdf (last accessed on 8 March 2021).
3. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland: Veränderung der vertragsärztlichen Leistungsinanspruchnahme während der COVID-Krise. Tabellarischer Trendreport für das 1. bis 3. Quartal 2020. 2021. www.zi.de/fileadmin/images/content/Publikationen/Trendreport_3_Leistungsinanspruchnahme_COVID_final.pdf (last accessed on 8 March 2021).
4. BARMER: Drastischer Rückgang bei der Krebsfrüherkennung in Sachsen – BARMER warnt vor fatalen Folgen. 2021. www.barmer.de/presse/bundeslaender-aktuell/sachsen/aktuelles/krebs-frueherkennung-corona-279014 (last accessed on 8 March 2021) VOLLTEXT
5.Stang A, Kühling L, Khil L, Kajüter H, Schützendübel A, Mattauch V: A decline in cancer reporting by pathologists in North Rhine-Westphalia, Germany, during the COVID-19 lockdown. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 886–7 VOLLTEXT

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